Feier in Dresden Das bewegt uns am Tag der Einheit

Sprengstoffanschläge, Rassismus, der Aufmarsch von radikalen Gruppen: Das Fest zum Tag der Deutschen Einheit findet unter schwierigen Bedingungen statt. Was bewegt die Menschen, die an der Feier teilnehmen?
Besucher des Einheitsfests in Dresden

Besucher des Einheitsfests in Dresden

Foto: Amac Garbe

Die Anspannung rund um die Einheitsfeier in Dresden ist groß: Nach den Terrorattacken von Paris, Nizza, Brüssel waren ohnehin hohe Sicherheitsvorkehrungen geplant. Nach den jüngsten Sprengstoffanschlägen in der Stadt waren sie noch einmal verschärft worden. Die Innenstadt ist komplett abgesperrt, etwa 2600 Beamte sind im Einsatz. Rund 1400 Betonsteine blockieren alle wichtigen Zufahrtsstraßen.

Die Stimmung ist aufgeheizt: In der Nacht auf Sonntag hatten Unbekannte drei Polizeifahrzeuge in Brand gesetzt. Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) war am Sonntag als "Volksverräter" beleidigt und angepöbelt worden. Er hatte Vertreter islamischer Gemeinden ins Rathaus eingeladen und im Vorfeld für die Feierlichkeiten in Dresden geworben.

Beim Empfang von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck am Morgen zeigte sich schnell, wie wenig von der Einheit zu sehen ist. Hunderte Demonstranten des fremdenfeindlichen Pegida-Bündnisses versammelten sich und beschimpften die eintreffenden Politiker. "Um Zugang der Ehrengäste zu den Protokollveranstaltungen am Neumarkt zu gewährleisten, mussten Personen zurückgedrängt werden", teilte die Polizei via Twitter mit. Auch ein linksradikales Bündnis hat eine Demonstration angekündigt.

In den Hintergrund rücken dabei die Menschen, die den Tag der Deutschen Einheit feiern wollen. Wir haben Teilnehmer der Veranstaltung in Dresden gefragt, was sie auf die Straße treibt. Oder besser: Wie geht es Deutschland am 26. Jubiläum der Einheit? Hier sind die Antworten:

Sarah Kellner, 23 Jahre, Mitarbeiterin im Personalmanagement, Dresden

Sarah Kellner

Sarah Kellner

Foto: Amac Garbe

"Für mich steht der Tag der Deutschen Einheit für Freiheit, und die dürfen wir feiern. Ich lebe gerne in einem vereinigten Deutschland und kann frei herumreisen. Die Grenze ist im Kopf der Jungen überhaupt nicht mehr da, wir haben die DDR ja gar nicht mehr erlebt.

Die Freude über die Wiedervereinigung ist für mich aber dadurch getrübt, dass Sachsen in der Flüchtlingsfrage sehr schlecht dasteht. Wenn in Dresden jeden Montag Pegida marschiert, versuche ich, das zu meiden. Ich gehöre da nicht dazu. Gerade die Sachsen müssen sich öffnen und im Alltag versuchen, Flüchtlinge zu integrieren. Viele junge Flüchtlinge brauchen jetzt Jobs, auch hier in Sachsen. Ich hoffe, dass die Unternehmen das als Chance sehen."

Jutta Ledat, 63 Jahre, Rentnerin, Herten in Nordrhein-Westfalen

Jutta Ledat

Jutta Ledat

Foto: Amac Garbe

"Ich habe Verwandte in der Uckermark, und früher waren es nur wir, die die Reise in den Osten antreten konnten, nicht umgekehrt. Die Bedeutung der Wiedervereinigung ist für mich deswegen immer noch groß. Was Löhne und Gehälter anbelangt, hinkt der Osten natürlich noch hinterher. Dresden geht es gut, aber im Umland sieht es anders aus. Da ist noch einiges im Argen. Der Solidaritätszuschlag tut aber sichtbar sein Gutes. Manchmal denke ich mir, wir in Nordrhein-Westfalen könnten so einen Zuschlag auch gut für unsere maroden Straßen brauchen.

Dass Deutschland als reiches Land Flüchtlinge aufnehmen muss, steht für mich außer Frage, dazu verpflichtet uns auch unser Grundgesetz. Wir schaffen das schon, jeder muss eben seinen Teil dazu beitragen. Wir Deutschen sollten nicht gleich Schwarzmalerei betreiben und den Untergang beschwören, sondern abwarten, wie sich die Lage entwickelt."

Andreas Bormann, 60 Jahre, Versicherungsfachmann, Dippoldiswalde in Sachsen

Andreas Bormann

Andreas Bormann

Foto: Amac Garbe

"Ich bin als ehemaliger Bürger der DDR dankbar für die Wiedervereinigung. Manches sehe ich aber auch kritisch: Wir leben jetzt in einer Leistungsgesellschaft, das ist eine gefährliche Entwicklung. Wir haben es als Deutsche dabei doch überhaupt nicht nötig, diesen Druck aufzubauen. Wir haben die Kraft, den Flüchtlingen zu helfen.

Die Sorgen der eigenen Bevölkerung darf unsere Regierung darüber aber nicht vergessen. Es wird immer einige wenige Menschen mit sehr extremen politischen Anschauungen geben, das müssen wir als Gesellschaft aushalten. Dass Pegida und AfD aber so viel Zulauf bekommen, auch aus der sprichwörtlichen Mitte der Gesellschaft, liegt an Fehlern der Bundesregierung. Die hat mit den Bürgern nicht offen gesprochen, als es darum ging, die Deutschen auf die Herausforderungen vorzubereiten."

Abdul Ahadj, 34 Jahre, Betreuer für Flüchtlinge, Dresden

Abdul Ahadj

Abdul Ahadj

Foto: Amac Garbe

"Ich finde die Feier zur deutschen Einheit richtig schön, es sind auch viele Menschen aus anderen Städten nach Dresden gekommen, um mit uns zu feiern. Auch ich selbst stamme nicht von hier: Ich bin vor zwei Jahren aus Afghanistan hergekommen. Mittlerweile helfe ich selbst Geflüchteten, sich in Deutschland zurechtzufinden. Dresden hat keinen guten Ruf unter ihnen, viele haben Angst vor Attacken von Rechten. Mir selbst ist aber noch nie etwas passiert. Wir haben die schwierige Situation, dass die Flüchtlinge zu Beginn viel Hilfe brauchen. Die Deutschen haben sie geleistet, aber es muss weitergehen. Sonst klappt es nicht mit der Integration."

Ronja Fiedler, 19 Jahre, Biologiestudentin, Dortmund

Ronja Fiedler

Ronja Fiedler

Foto: Amac Garbe

"Das Fest in Dresden halte ich gerade jetzt für eine gute Gelegenheit, um Gemeinsamkeiten und Zusammenhalt zu feiern. Wir sollten die Feier zum Anlass nehmen, uns daran zu erinnern, dass es gut ist, dass wir ein vereintes Deutschland haben. Viele Deutsche vergessen das zu leicht. Ohne Wiedervereinigung könnte ich als Westdeutsche gar nicht anfangen, in Dresden zu studieren. Das tue ich aber ab diesem Wintersemester. Jeder hat das Recht darauf, seine Meinung zu äußern. Von Pegida halte ich trotzdem gar nichts. Pegida hat als Phänomen auf deutschen Straßen viele gefährliche Folgen für Deutschland gehabt, es gab einen spürbaren Rechtsruck."

Temesgen Fkadu, 28 Jahre, Automechaniker, Dresden

Temesgen Fkadu

Temesgen Fkadu

Foto: Amac Garbe

"Ich bin seit Oktober 2014 in Deutschland. Geboren bin ich im Sudan, aufgewachsen in Eritrea. Ich habe mich quer durch die Wüste geschlagen, um hierher zu kommen. Ein Boot brachte mich nach Palermo in Italien. Ich kann nur sagen: Hier in Deutschland geht es mir gut, und ich bin froh, hier zu sein. Die Deutschen feiern aus meiner Sicht gerade einen sehr besonderen Tag. Osten und Westen sollten nicht verschieden sein in Deutschland, finde ich. Deutschland ist ein Land. Ich möchte bald wieder als Mechaniker arbeiten, dazu muss mein Deutsch aber noch besser werden. Um die Zeit zu überbrücken, bis ich eine Ausbildung anfangen kann, will ich einen Bundesfreiwilligendienst machen. Ich bin heute auch zum Feiern eingeladen worden, weil ich eine Auszeichnung bekommen habe - für gute Noten im Deutschkurs."

Vaarshika Chavali, 29 Jahre, Ärztin, derzeit in Dresden, aus Indien

Vaarshika Chavali

Vaarshika Chavali

Foto: Amac Garbe

"In Deutschland gibt es Ärztemangel, aktuell mache ich ein Praktikum im Krankenhaus und lerne Deutsch. Wenn alles gut läuft, werde ich vermutlich hier bleiben. Dresden ist eine schöne Stadt, und dieses Fest vermittelt eine gute Stimmung. Vor sieben Monaten, als ich nach Deutschland kam, kannte ich keinen einzigen Deutschen. Jetzt habe ich viele Freunde. Es heißt immer, dass Deutsche mit Ausländern Probleme haben, auch ich habe hier in Dresden schon einmal Übergriffe gegen Ausländer miterlebt. Da war ich aber nur Augenzeugin und nicht selbst Opfer. Jedes Land hat seine Vor- und Nachteile, es gibt überall schlechte Menschen und gute. Man darf nicht verallgemeinern. Auf keiner Seite."

Ulrich Müller, 71 Jahre, Rentner, Dresden

Ulrich Müller

Ulrich Müller

Foto: Amac Garbe

"Wir haben eine schwierige Situation, gerade in Ostdeutschland. Viele Ostdeutsche fürchten, dass der Staat Flüchtlingen Geld gibt, das eigentlich ihnen zusteht. Die Verteilungsfragen sind zum Teil berechtigt. Manche Ostdeutsche hatten keine Chance auf einen Neustart in der Bundesrepublik. Begünstigt wird ihre Abwehrhaltung dadurch, dass viele DDR-Bürger selten Kontakt zu Ausländern hatten.

Trotzdem haben wir allen Grund zu feiern - gerade die Menschen im Osten. Es gibt immer Menschen, denen es besser geht als einem selber. Wer sich ständig vergleicht, wird auf Dauer unzufrieden. Ich setze mich für Flüchtlinge in meiner Kirchengemeinde ein, und es gibt viele helfende Hände. Wer ständig nur daheim sitzt und seine Ängste pflegt, lernt nichts Neues. Wer sich vor Flüchtlingen fürchtet, ohne auch nur einen Flüchtling zu kennen, dem muss ich sagen: Beweg dich aus der Komfortzone raus."

Jenny Gübeli, 25 Jahre, Medizinstudentin aus Burgdorf, Schweiz

Jenny Gübeli

Jenny Gübeli

Foto: Amac Garbe

"Ich kriege Neuigkeiten aus Deutschland vor allem über die Medien mit. Man hört viel von Deutschlands Problemen mit den Flüchtlingen und vom Erstarken der Rechten. Es sind viele Flüchtlinge sehr schnell ins Land gekommen, viel mehr als in der Schweiz. Bei uns lief alles etwas geregelter ab. Deshalb beschweren sich, glaube ich, aktuell auch viele Deutsche über ihre Regierung. Angela Merkels Satz 'Wir schaffen das' ist auch in der Schweiz sehr bekannt. Ich finde es schön, dass die Deutschen trotz der Streitigkeiten gebührend ihre Wiedervereinigung feiern: Ihr seid jetzt ein Land! Das ist eine tolle Entwicklung - und keine Kleinigkeit. Das schlechte Image der Sachsen kann ich bisher nicht nachvollziehen: Dresden ist wunderschön, es gibt viele Parks. Und die Leute sind sehr freundlich."

Jonas Knauft, 22 Jahre, Auszubildender zum Speditionskaufmann, Leipzig

Jonas Knauft

Jonas Knauft

Foto: Amac Garbe

"Viele schätzen die Wiedervereinigung nicht mehr. Bei mir ist das anders. Meine Eltern wohnten nahe der innerdeutschen Grenze, im Osten. Mein Vater galt als kritisch, ihm wurde der Studienplatz verwehrt. Deshalb habe ich als sein Sohn auch heute noch einen Bezug zur Teilung Deutschlands. So ein Tag erinnert uns an die Geschichte. Das ist wichtig: Rechtsextreme Bewegungen, wie wir sie heute sehen, haben nichts aus der deutschen Geschichte gelernt. Wir leben in einer global vernetzen Welt, kein Land steht für sich alleine und kann sich isolieren. Wie Angela Merkel vorweg marschiert ist in der Flüchtlingskrise, finde ich als Europäer lobenswert. Die guten Wahlergebnisse der AfD machen mir aber Sorgen."

Marion Groll, 74 Jahre, Pensionärin, Badenweiler in Baden-Württemberg

Marion Groll

Marion Groll

Foto: Amac Garbe

"Ich sehe keine deutsche Flüchtlingskrise. Die Deutschen machen vielmehr eine Krise aus der aktuellen Situation. Klar gibt es Probleme mit Flüchtlingen. Viel schlimmer sind aber doch die Leute von Pegida. Die schaden nicht zuletzt dem Ruf Deutschlands, und sie kosten uns alle wahnsinnig viel Geld. Sie binden viele Polizeikräfte, die müssen deren Hass ausbaden.

Ich habe früher als Lehrerin gearbeitet und an meiner alten Schule hatten wir in den Siebzigerjahren Probleme mit Neonazismus. Wir haben alles getan, um gegenzusteuern, Projektwochen veranstaltet und viel diskutiert. Es klingt banal, aber das ist es, was gerade fehlt: Wir müssen in Deutschland wieder mehr miteinander reden."

mit Material von dpa
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