Junge Ost-Politiker zum Einheitsjubiläum "Westdeutsche sollten aufhören, uns als rechtsradikale Idioten abzustempeln"

Wie blickt die ostdeutsche Nachwendegeneration auf die Einheit? Fünf junge Politikerinnen und Politiker erklären, was der 3. Oktober für sie bedeutet - und was sie am Ost-West-Denken am meisten ärgert.
Aufgezeichnet von Timo Lehmann
Foto: Paul Blau

Sie kennen das geteilte Deutschland nur aus Erzählungen und Geschichtsbüchern, haben den Mauerfall und die Wiedervereinigung nicht persönlich erlebt. Aber macht das einen Unterschied? Hat die Nachwendegeneration in Ostdeutschland einen anderen Blick auf die Deutsche Einheit, auf den alten Westen der Republik, als jene die in der DDR groß geworden sind?

Hier sprechen fünf junge Politiker aus Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, was sie an diesem 3. Oktober bewegt. Fühlen Sie sich heute noch als Ostdeutsche? Welche Vorurteile halten sich hartnäckig? Und welches sind 30 Jahre nach der Einheit die größten Herausforderungen für ihre politische Arbeit?

Matti Karstedt (FDP), 24, Vorsitzender der Jungen Liberalen in Brandenburg

Foto: privat

"Der Tag der Deutschen Einheit ist für mich der wichtigste Tag überhaupt. Er ermöglicht mir Freiheiten, die meine Eltern und Großeltern nie hatten. Mein Vater ist 'Republikflüchtling', für ein Leben in Freiheit musste er in meinem Alter ein erhebliches Risiko aufnehmen. 1989 flüchtete er über die Tschechoslowakei in die Bundesrepublik. Da war noch nicht abzusehen, wie schnell die Mauer fallen würde. Erst später lernte er meine Mutter kennen und kam nach Brandenburg zurück.

"Man muss kulturelle Unterschiede akzeptieren."

Als Ostdeutscher fühle ich mich genauso, wie sich ein Schleswig-Holsteiner als Norddeutscher fühlt. 1989 wurden ja nicht die Himmelsrichtungen abgeschafft. Ich verstehe das auch nicht als Makel. Ossi zu sein, heißt 2020 nicht mehr das, was es noch 1990 bedeutet hat. Grundsätzlich sollten sich aber alle Politiker als gesamtdeutsche Politiker sehen. Dafür muss man auch kulturelle Unterschiede akzeptieren.

Auf unserem Bundeskongress haben wir mal darüber debattiert, wie stark wir uns von der Linksjugend abgrenzen müssen. Für mich kommt eine Koalition mit den Linken nicht infrage. Wenn wir aber selbst Organisationen wie den Ring Politischer Jugend boykottieren würden, nur weil dort auch die Linksjugend organisiert ist, müssten wir in ganz Ostdeutschland aus allen öffentlichen Programmen raus. Die Parteienlandschaft ist hier eben anders. Das haben die JuLis aus dem Westen dann zum Glück verstanden.

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Was mich letztes Jahr gestört hat, waren die Diskussionen rund um die ostdeutschen Landtagswahlen. Da war ständig von 'Dunkeldeutschland' und 'Perspektivlosigkeit' die Rede. Da ging es aber um meine Heimat, und so nehme ich meine Heimat überhaupt nicht wahr. Westdeutsche sollten aufhören, uns als rechtsradikale Idioten abzustempeln. Ebenso sollten wir Ostdeutsche nicht immer nur die Besserwessis in den Westdeutschen sehen. Diese Zeit ist wirklich vorbei. Sowas spaltet." 

Lilli Fischer (CDU), 20, Fraktionsvize im Stadtrat von Erfurt, Thüringen

Foto: Paul Blau

"Der Tag der Deutschen Einheit bedeutet für mich, durch ganz Europa reisen zu können. Die Deutsche Einheit und die Einheit Europas brachten Frieden und Freiheit und sind deshalb die größte Errungenschaft überhaupt. Das sind keine Floskeln. Man muss sich ja nur anhören, wie es früher war.

Ich fühle mich heute schon als Ostdeutsche, aber das kam erst vor einigen Jahren, als ich mich intensiver mit der Geschichte auseinandergesetzt habe und ich mich doch zugehörig fühle. Früher spielte dieses Ost-West-Denken für mich gar keine Rolle: Ich hatte Mitschüler in Erfurt, deren Eltern aus dem Westen kamen, aus dem tiefsten Ruhrpott zum Beispiel. Das hat man manchmal an der Sprache gemerkt, weil die kein echtes Erfurtsch [Erfordsch] sprechen. Aber sonst? Das waren alles Erfurter, weil sie ja auch hier geboren sind.

" Früher spielte dieses Ost-West-Denken für mich gar keine Rolle."

Wenn wir mit der Jungen Union in westdeutsche Landesverbände reisen, schlagen einem manchmal Vorurteile entgegen. Für die Schülerunion aus Bayern etwa kamen wir aus Dunkeldeutschland. Ich fand das eigentlich lustig und stehe da auch drüber.

Die wichtigste Einheits-Herausforderung ist für mich die Angleichung der Löhne. Es ist nicht verständlich, warum teilweise die Ausbildungsvergütung im Westen 600 Euro mehr beträgt. Manche meiner Mitschüler sind nach der Schule deshalb in den Westen gegangen. Ich kann sie verstehen. Das muss sich ändern."

Marco Böhme (Linke), 30, Landtagsabgeordneter in Sachsen

"Der 3. Oktober ist für mich kein Tag zum Feiern, ich halte nichts von nationalen Identitäten. In den letzten Jahren war ich bei der Gedenkstunde zum Tag der Einheit im Landtag dabei, aber auch darauf verzichte ich dieses Jahr, weil die CDU als Festredner ihren Bundestagsabgeordneten Arnold Vaatz eingeladen hat, der immer wieder mit Leugnung des Klimawandels und zweifelhaften Äußerungen zu den Hygienedemos aufgefallen ist. Da wollen wir Linke nichts mit zu tun haben.

Wenn es für mich positive Assoziationen mit dem 3. Oktober gibt, dann sind das die Erinnerungen meiner Eltern, die in der Wendezeit - teilweise mit mir im Bauch – auf die Straße gingen. Ihr Ziel war aber nicht ein geeintes Deutschland, sie wollten freie Wahlen und Reisefreiheit. Dass ich später zur Linkspartei gegangen bin, haben sie mir nicht übel genommen. Ich bin dort eingetreten, weil ich Antifaschist bin und mich als Jugendlicher in Leipzig-Grünau gegen die Nazis wehren musste. Meine Mutter war nach der Wende 20 Jahre lang arbeitslos und teilweise alleinerziehend. Die Wiedervereinigung hat uns also nicht unbedingt gute Erfahrungen beschert.

"Menschlich sind Ost- und Westdeutsche gar nicht weit voneinander entfernt."

Die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Ost und West sind noch immer zu groß, etwa bei den Löhnen oder bei den Renten, die im Osten noch immer niedriger sind. Grundlos. Das zu ändern, ist unsere Aufgabe als Politiker. Menschlich sind Ost- und Westdeutsche gar nicht weit voneinander entfernt. Ich erfuhr zum Beispiel erst später, dass eine Fraktionskollegin ursprünglich aus dem Westen kommt. Das hatte ich überhaupt nicht bemerkt, es hat auch keine Rolle gespielt. Wenn man im Westen den Rechtsextremismus im Osten anprangert, dann geschieht das zu Recht. Die CDU in Sachsen hat das Thema seit Jahren ignoriert, so haben sich die Nazis hier verfestigt. Dieses Problem müssen wir endlich angehen."

Lucie Hammecke (Grüne), 23, Landtagsabgeordnete in Sachsen

Foto: Grüne Sachsen

"Ich empfinde den 3. Oktober als Appell an mich und meine Generation, sich auch künftig für Freiheit und Demokratie einzusetzen. Persönlich erinnert er mich an meine Familie und ihre Geschichten über die Wendezeit. Ich fühle mich als ostdeutsche, junge Frau und glaube schon, dass ich durch meine Familie anders sozialisiert wurde als junge Menschen aus den alten Bundesländern. Nicht nur die DDR, sondern auch die Nachwendezeit hat meine Familie und damit mich geprägt, auch wenn ich davon nicht so viel mitbekommen habe. Im Umgang mit Menschen in meinem Alter merke ich das aber nicht so sehr.

Politisch ist aber auch Osten nicht gleich Osten. Ich komme gebürtig aus Sachsen-Anhalt, fühle mich aber als sächsische Politikerin. Natürlich gibt es Schnittmengen, aber die Herausforderungen sind regional doch sehr unterschiedlich. Leipzig mit dem enormen Zuzug hat politisch ganz andere Probleme als die Region Stendal zum Beispiel.

"Der Osten muss attraktiv für junge Menschen bleiben."

Ein Thema, das mich besonders umtreibt, ist die Abwanderung der Jüngeren. Der Osten muss attraktiv für junge Menschen bleiben, und in manchen Regionen noch werden, damit die Jüngeren nicht nur in Leipzig, Halle und Dresden leben. Es ist gut, wenn Menschen aus aller Welt zum Studieren in den Osten kommen. Wir müssen versuchen, sie hier zu halten, auch die gebürtigen Ostdeutschen - mit guten Jobs und hoher Lebensqualität."

Igor Matviyets (SPD), 29, Direktkandidat in Halle für den Landtag in Sachsen-Anhalt

Foto: Florian Korb

"Für mich steht der 3. Oktober für das vereinte Europa. Ich bin in der Ukraine geboren und lebe seit 1999 in Deutschland. Mein Abitur habe ich in Heidelberg gemacht, 2012 bin ich zum Studieren nach Halle gekommen. Ich verstehe mich als ostdeutscher Politiker, auch wenn ich als Ukrainer sozusagen ein Super-Ossi bin. Hier in Halle habe ich mehr Menschen getroffen, die Russisch sprechen, es gibt kleine kulturelle Dinge, zu denen ich mich irgendwie dazugehörig fühle. Die Demokratie hier ist jünger, genau wie in der Ukraine, alles ist noch nicht so verfestigt. Die Erfahrungen mit den Umbrüchen sind ähnlich.

Die Unterschiede zum Westen spüre ich in allen Institutionen, in denen ich mich engagiere. Zum Beispiel sind die jüdischen Gemeinden im Westen größer und einflussreicher als die aus dem Osten. Oder mein SPD-Landesverband Sachsen-Anhalt: Der ist viel kleiner als der im viel kleineren Saarland. Die Unterschiede zum Westen sind noch immer da, und das nach 30 Jahren.

"Die Vorurteile halten sich hartnäckig."

Manches davon müssen wir akzeptieren, anderes dringend ändern. In Sachsen-Anhalt arbeiten die Menschen statistisch fast eine Woche mehr als in Westdeutschland und verdienen trotzdem 1000 Euro weniger. Das ist für mich nicht akzeptabel.

Auch halten sich die Vorurteile gegenüber Ostdeutschen hartnäckig: Wenn mich Freunde hier in Halle besuchen, sind sie meistens verwundert, wie schön es hier ist. Halle hat ein Imageproblem. Viele Menschen denken an Plattenbauten und Nazis. Beides gibt es auch in Halle, aber es bestimmt nicht meinen Alltag. Hier passiert viel, es ist politisch spannend. Allein in den gut zehn Jahren, die ich verbrachte, hat sich viel in der Stadt bewegt, während es in Heidelberg noch immer so aussieht wie zu meiner Schulzeit."

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