Tag der Deutschen Einheit Naher Osten, ferner Osten

Bei den Feierlichkeiten zur Deutschen Einheit geben sich die Spitzen des Staates alle Mühe, den Osten in Schutz zu nehmen. Dumm nur, dass sie über ihn reden wie über ein fremdes Land.

FELIPE TRUEBA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

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Was die Redner bei und um die zentrale Feier zur Deutschen Einheit versuchen, lässt sich nur als psychologischer Aufbau Ost beschreiben. Oder der Versuch dessen.

Tenor: Mit großem Mut, Entschlossenheit und unter größten Risiken haben die Ostdeutschen die Einheit erst möglich gemacht. Das Lob für die Bürger der ehemaligen DDR bezogen die Redner natürlich nicht nur auf die friedliche Revolution von 89/90. Auch die Leistungen in den Folgejahren bis in die Gegenwart wurden immer wieder anerkennend erwähnt.

Sonnenuntergang hinter Siegessäule: In Berlin fanden die offiziellen Einheitsfeierlichkeiten statt
DPA

Sonnenuntergang hinter Siegessäule: In Berlin fanden die offiziellen Einheitsfeierlichkeiten statt

Drei Beispiele:

  • Bereits vor den offiziellen Feierlichkeiten hatte Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus gesagt, dass viele Ostdeutsche nach 1990 unfair behandelt worden seien. Deshalb sei es heute eine gesamtstaatliche Pflicht, "die Entwicklung im Osten besonders zu unterstützen", sagte der CDU-Politiker.
  • Und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (auch CDU) sagte: "Im Westen haben Menschen auf Wohlstandszuwachs verzichtet, in Ostdeutschland hat sich der überwiegende Teil der Bevölkerung ein neues Leben aufgebaut."
  • Berlins Regierender Bürgermeister und amtierender Bundesratspräsident Michael Müller (SPD) sagte beim Festakt in der Staatsoper: "Viele von uns, auch ich, können sich kaum vorstellen, was es heißt, wenn über Nacht alle Gewissheiten wegbrechen."

Ja, das gehört zu fast jeder Einheitsfeier, zu jeder Doku über die Wende, zu jeder Rede eines Würdenträgers. Aber nach Chemnitz und Köthen wirkt es, als würden die Spitzenpolitik versuchen, das Image Ostdeutschlands aufzupolieren.

Vielleicht ist das ja auch nötig. Es ist ja kaum möglich, sich in den sozialen Netzwerken anzumelden, ohne dass einem die Frage dutzendfach entgegenschlägt: "Was ist eigentlich falsch, mit denen da drüben?"

Ein bisschen wirkt es aber, als würden die Redner über ein fremdes Land sprechen. Und manchmal ist es halbherzig, etwa wenn Müller fordert, dass man den Rechten in Deutschland Einhalt gebieten müsse und im selben Atemzug betont, dass Rechtspopulismus "keine Frage zwischen Ost und West" sei.

Widerstand gegen Rechtspopulismus

Wohl aber auch mit Blick auf die jüngsten Kundgebungen von Rechten in Chemnitz, mahnte Müller zu mehr Widerstand gegen Populisten. "In unserem Land muss niemand, um Kritik zu äußern, mit Rechtspopulisten und Rechtsextremen mitlaufen", sagte Müller und betonte: "Wir sind eine wehrhafte Demokratie." Ähnlich mahnende Worte fand auch Wolfgang Schäuble.

Der Bundestagspräsident war der zweite Redner beim offiziellen Festakt in der Staatsoper. Schäuble gilt als Architekt der Wiedervereinigung, er hat am Einheitsvertrag mitgewirkt.

In seiner Ansprache mahnte er zu mehr Gelassenheit. Gleichzeitig warnte er, Minderheiten und Volksvertreter zum Feindbild zu machen. Obwohl es Deutschland gut gehe, dominiere der Pessimismus. Hilfe für Flüchtlinge und andere Migranten sei wichtig und richtig, aber nicht unbegrenzt möglich. Deshalb müsse man lernen, mit dem Nicht-Perfekten zu leben. "Wer das Perfekte anstrebt, endet in der Diktatur."

Während der Festakt sich nach etwa anderthalb Stunden in der Staatsoper dem Ende neigte, versammelten sich etwa zeitgleich die ersten Teilnehmer einer rechten Kundgebung wenige Kilometer weiter am Europaplatz. Aufgerufen hatte das Bündnis "Wir für Deutschland" zu der Demonstration mit dem Motto "Tag der Nation". Beobachtern zufolge gaben sich zahlreiche Teilnehmer durch einschlägige Szenecodes als Neonazis zu erkennen.

Nach Angaben der Polizei haben sich mehr als tausend Menschen der Demonstration angeschlossen haben. Sie haben demnach Plakate und Flaggen dabei gehabt, jedoch keine illegalen Symbole verwendet, sagte ein Sprecher der Polizei.

Zu Zwischenfällen sei es demnach zunächst nicht gekommen. Woher die überwiegend jungen Männer, die an der Kundgebung teilgenommen haben, angereist sind, ist unklar. Im Netz wird allerdings wieder über den "braunen Osten" gelästert.

insgesamt 84 Beiträge
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Sensør 03.10.2018
1. 28 Jahre deutscher Krampf
Schon Kohl wusste insgeheim, dass nicht besser werden würde, als er von seinen blühenden LAndschaften schwafelte. Feiern kann man lediglich 28 Jahre offene Grenzen der Ex-DDR.
dunnhaupt 03.10.2018
2. Der Fehler liegt immer an der Regierung
Jeder Fisch beginnt von oben zu stinken. Wenn man bis zum heutigen Tage getrennte Rechnungen für Ost und West aufstellt, sollte man sich nicht wundern, wenn man unterschiedliche Ergebnisse erhält. Sind die Verhältnisse in Plauen wirklich anders als in Hof, obwohl sie nur ein paar Kilometer voneinander entfernt sind? Wenn ja, dann kann es doch nur an den zuständigen Landesregierungen liegen, die diese zwei Schwesterstädte verschieden behandeln.
widower+2 03.10.2018
3. Fremdes Land!
Ja! Für mich und viele andere Westdeutsche war die DDR tatsächlich ein fremdes Land oder eigentlich sogar feindliches Ausland. Wir haben uns mit jedem Spanier, Italiener oder Franzosen wesentlich mehr verbunden gefühlt als mit einem Bürger der DDR. Trotzdem war die Freude beim Mauerfall übergroß. Man freute sich mit den Menschen, die (scheinbar) diesem diktatorischen Regime entkommen konnten. In Wirklichkeit sind sie diesem Regime aber nie wirklich entkommen. Es steckt in ihnen drin, sofern sie noch in der DDR sozialisiert wurden oder aber von Leuten erzogen wurden, bei denen das der Fall war. So fühle ich mich noch heute jedem Spanier, Italiener oder Franzosen mehr verbunden als einem Sachsen oder Thüringer. Und von ostdeutscher Seite ist nicht wirklich das Bemühen zu erkennen, an dieser Gefühlslage etwas zu ändern.
dieter-ploetze 03.10.2018
4. keine einheit auf augenhoehe
es war wirklich keine einheit, die auf augenhoehe vollzogen wurde und das raecht sich sehr sehr lange. da damals die meinung herrschte, wenn die einheit nicht sofort vollzogen werde, dann gehe das fenster zur einheit erst mal zu, wurde uebereilt die einheit und waehrungsunion vollzogen. und da konnten die ostdeutschen nicht erhobenen hauptes eintreten, da sie wie bittsteller wirkten und der westen wie der grosse gute onkel. nur hatte der gute onkel keine ahnung von der befindlichkeit der ex-DDRler und meinte erst mal kraeftig aufraeumen zu muessen. all das wurde schon damals von den wenigen kritikern vorausgesagt, niemand wollte es hoeren. jetzt hilft einfach nur zeit, jedenfalls keine guten ratschlaege mehr.
reznikoff2 03.10.2018
5. Hm
Was hätte Anna Sophie Schneider den Festrednern empfohlen. Den Ostdeutschen zu sagen, dass sie mit dem Jammern irgendwann mal aufhören sollten? Und den Medien, dass sie irgendwann mal damit aufhören sollten, den Jammer zu beschreiben?
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