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03. Oktober 2018, 08:21 Uhr

Unionsfraktionschef Brinkhaus

Ostdeutsche wurden "nicht fair behandelt"

Bei der Wiedervereinigung seien Fehler begangen worden, kritisiert Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus. Es fehle an Respekt vor den Leistungen Ostdeutscher. Ein "Wunder" sei die Einheit trotzdem.

Der neue Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus (CDU) hat sich für eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Wiedervereinigung ausgesprochen. "Dies kann helfen, emotionale Wunden zu heilen", sagte er zum Tag der Einheit. Viele Ostdeutsche seien nach 1990 nicht fair behandelt worden - dies sei lange nicht genügend beachtet worden.

Bei der Wiedervereinigung seien Fehler begangen worden. Deswegen müsse es heute eine gesamtstaatliche Verpflichtung sein, die Entwicklung im Osten besonders zu unterstützen, sagte Brinkhaus.

Es sei zu wenig gesehen worden, dass die Menschen in Ostdeutschland von Grund auf neu hätten beginnen müssen, sagte er. Zu wenig sei gewürdigt worden, dass die Wiedervereinigung für viele Bürger im Osten trotz der Freude über die Einheit eine Stunde null gewesen sei. "Die Biografie vieler Menschen war von einem Tag auf den anderen scheinbar nichts mehr wert. Es fehlte an Respekt vor Lebensleistungen", sagte Brinkhaus.

Dank des Mutes, der Tatkraft und des Fleißes der Ostdeutschen und einer nationalen Kraftanstrengung sei seit 1990 jedoch viel erreicht worden. Die Wirtschaftsleistung der ostdeutschen Länder habe sich seit der Wiedervereinigung verdoppelt, die Einkommen seien gestiegen und die Arbeitslosigkeit liege auf niedrigem Niveau. Die Deutsche Einheit bleibe "ein Glücksfall unserer Geschichte", sagte Brinkhaus. "Es ist immer noch ein Wunder."

Ähnliches Lob kam von Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU): "Die Deutsche Einheit ist die größte patriotische Leistung des Landes", sagte er der "Rheinischen Post". "Im Westen haben Menschen auf Wohlstandszuwachs verzichtet, in Ostdeutschland hat sich der überwiegende Teil der Bevölkerung ein neues Leben aufgebaut."

Nie sei es den Menschen in den neuen Ländern besser gegangen. "Nie stand uns die Welt so offen wie heute. Die Diskussion hat aber eine Schlagseite ins Negative bekommen. Das müssen wir wieder geraderücken. Wir müssen die Freude zurückgewinnen." Der Ministerpräsident fügte hinzu: "Miesepetern sage ich: Es ist das beste Deutschland, das wir je hatten."

Ostdeutsche sehen Einheit kritischer

Derweil zeigt eine aktuelle Umfrage, dass die Ostdeutschen den Zustand der inneren Einheit des Landes viel kritischer einschätzen als die Westdeutschen.

Laut der in der "Bild am Sonntag" veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid hat sich für 38 Prozent der Ostdeutschen das Verhältnis zwischen den Menschen in den beiden Landesteilen seit der Wiedervereinigung nicht verbessert; 22 Prozent sagen, es habe sich sogar verschlechtert. Nur 33 Prozent der Ostdeutschen finden, dass sich die Menschen aus West und Ost nähergekommen sind.

Bei den Westdeutschen ist das Stimmungsbild der Umfrage zufolge genau umgekehrt: 60 Prozent finden, dass sich Ost und West nähergekommen sind. Lediglich zehn Prozent finden, dass sich die Bevölkerungsgruppen fremder wurden, 22 Prozent sehen keine Veränderung seit der Wiedervereinigung.

Eine Mehrheit der Ostdeutschen (56 Prozent) wirft den Westdeutschen zudem Arroganz vor. Für die Umfrage wurden am 27. September 505 repräsentativ ausgewählte Personen befragt.

jpz/dpa/AFP

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