Tag der offenen Moschee Homosexuelle und Muslime im Monolog

Homophobie und sexualpolitische Aufklärung muslimischer Jugendlicher: Darüber wollten Schwule und Lesben in einer Berliner Moschee mit islamischen Vertretern reden. Der Dialog scheiterte.

Von , Berlin


Sie wollen nicht provozieren. Sie sind keine schwulen Männer, die Händchen halten und keine Lesben, die ein Kiss-In veranstalten wollen. Vor der Berliner Sehitlik-Moschee sammeln sich am "Tag der offenen Moschee" rund 40 Homosexuelle in schwieriger Mission: Ihre sexuelle Orientierung und der Islam vertragen sich nicht, Homosexualität zählt zu den "verbotenen Handlungen" für Muslime. Doch sie suchen den "Dialog", das meistgehörte Wort unter den Homosexuellen am Kreuzberger Columbiadamm, die gleich gemessenen Schrittes in die Moschee gehen werden. Sie tragen Schilder, die sie als Abgesandte des Lesben- und Schwulenverbands Deutschland (LSVD) ausweisen. Wegen ihnen sind die fünf Polizeiwannen, die vor der Moschee warten, nicht einbestellt worden.

Moschee am Berliner Columbiadamm: Viele Besucher, aber wenig Dialog
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Moschee am Berliner Columbiadamm: Viele Besucher, aber wenig Dialog

Bali Saygili, schwul, türkischstämmig, leitet ein schwul-lesbisches Integrationsprojekt und will endlich einen "Dialog führen". Inmitten von Passanten, Moscheebesuchern und Gemeindemitgliedern kommt es tatsächlich zu Dialogen: zwischen Homosexuellen und Homosexuellen sowie zwischen Homosexuellen und Medien. Muslimische Gemeindemitglieder dagegen schlagen verständnislos oder desinteressiert einen Bogen um den Pulk.

Weder Banner noch Flyer informieren über die Ziele der Aktion. Der Lesben- und Schwulenverband misst dem Treffen mit einem Vertreter der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt der Religion (DITIB), einem der vier großen Verbände der Muslime in Deutschland, eine große Bedeutung bei - das ist leicht zu erkennen. Gegen Homophobie wollen seine Vertreter plädieren, für eine bessere Kooperation mit muslimischen Gemeinden in der sexuellen Bildungsarbeit, für gegenseitigen Respekt.

Der ersehnte Dialogpartner ist der Islamwissenschaftler Bekir Alboga, der bei DITIB für "interkulturelle und interreligiöse Zusammenarbeit" zuständig ist. Er soll in den muslimischen Gemeinden Türen öffnen soll, die dem LSVD noch verschlossen sind.

Dessen Vertreter mischen sich unter die wartenden Besucher, die sich den Weg in die Moschee bahnen, wo Mitglieder des "Moschee-Teams" erste Tipps für Moschee-Anfänger geben: "Bitte die Schuhe ausziehen." Am Rande des Gebetsraums lauscht die schwul-lesbische Delegation lang den Ausführungen eines Moderators, der rund 200 Gästen Fragen zum Islam beantwortet: "Wo beten die Frauen? Was hat die Moschee gekostet?"

Fast verschämt findet das Gespräch schließlich doch noch statt, steif sitzen der Schwule und der Islamvertreter über Eck in einem winzigen Raum, eine Frau räumt eilig Gebäck und Getränke weg, als gelte es, die Gäste aus- statt einzuladen, vom souveränen Lächeln Albogas, das er Minuten zuvor inmitten deutscher Moscheebesucher den Fotografen gezeigt hat, ist wenig übrig.

Er gibt sich Mühe, jede Menge Presse ist im Raum, er kann Punkte machen für die Muslime in Deutschland, wenn er nur das Richtige sagt. "Hören Sie unsere Freitagspredigten an und Sie hören, dass Homosexuelle darin nicht diskriminiert werden." So klingt keine Erfolgsnachricht.

Für die Muslime gelte das Recht Deutschlands, daher sei die Diskriminierung Homosexueller inakzeptabel, sagt Alboga, der jenen Spagat unternimmt, den die Verbandshomosexuellen schon im Vorfeld erwartet hatten: den DITIB als liberalen Verband darstellen, jedoch ohne positiven Einfluss für einen respektvolleren Umgang mit Homosexuellen.

Zwischen dem LSVD-Mann Saygili und ihm entwickelt sich ein Abtausch von Monologen. Fordert Saygili einen Raum in der Moschee, um wöchentlich Beratung für Jugendliche anzubieten, kontert der DITIB-Mann damit, sein Verband bräuchte Gelder vom deutschen Staat, um Mitarbeiter für die Beratung zu engagieren. "Man darf uns nicht überfordern." Aus dem Dialog ist eine Abfolge von Monologen geworden, die sich gerade einmal 20 Minuten lang abwechseln.

Nach den gebetsmühlenartig, verkrampft und unter Zeitdruck absolvierten Monologen zwischen Vertretern von Islam und Homosexualität stehen die schwulen und lesbischen Delegierten verloren im Hof der Moschee. "Abgebügelt" seien sie worden, sagt Georg Härpfer, ein schwuler SPD-Mann, und Jörg Steinert vom LSVD bemängelt, sie seien "versteckt" worden.

Wie es an der Basis der muslimischen Gemeinde um den Umgang mit Homosexualität steht, traut sich Fatma zu sagen, eine junge Frau im "Moschee-Team". "Wir haben großen Bedarf an Beratungsarbeit in unserer Moschee, in Bereichen wie Bildung, Jugendarbeit, Integration. Aber Homosexualität?" Die beträfe nur wenige und sei, "ich meine es nicht böse", nicht das wichtigste Thema. Sie äußert sich nicht homophob. Sie äußert sich pragmatisch.



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