Tag der offenen Tür Das Volk beim Staatsempfang

Mehr als 130.000 Menschen kamen am Wochenende zum Tag der offenen Tür der Bundesregierung. Kanzler Schröder verteilte Autogramme, Clement und Schmidt kassierten Backpfeifen, Renate Schmidt machte eine Kinderführung und Eichel zeigte seine Sparschweinchensammlung. Die Bundesregierung privat.

Von Marcus Stölb und Matthias Lohre




Regierung lädt zum Staatsempfang: Der Volkskanzler in Aktion
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Regierung lädt zum Staatsempfang: Der Volkskanzler in Aktion

Berlin - Der Kanzler ist Schuld, dass das Pop-Duo "Captain Jack" nun ohne Playback singen muss. All ihre Hits hat die Neunziger-Jahre-Combo im Garten des Bundeskanzleramtes schon heruntergenudelt, doch der Hausherr ist immer noch nicht erschienen. Gerhard Schröder lässt sich Zeit. Umringt von Autogramm-Jägern und Kamera-Teams schlendert der Bundeskanzler beim Tag der Offenen Tür am Sonntag nur langsam in Richtung Bühne. "Der bewegt sich ja wie 'ne Schnecke", knurrt ein Kanzleramts-Besucher. Zwischen Kinder-Karussell und historischen Traktoren gehen den Rummelplatz-Musikanten die Heino-Lieder aus. Jetzt singen sie live: "Nobody knows the trouble I've seen".

Medien-Profi Schröder, in weißem Oberhemd und mit aufgekrempelten Ärmeln, betritt eine gefühlte Ewigkeit später die Bühne. "Ich musste mich nicht durchkämpfen, aber durchschreiben", scherzt er auf dem Weg durch die Besucher-Menge. Und lässt seine Bürger wissen: "In diesem Jahr habe ich den Lago Maggiore mit dem Maschsee vertauscht." Als ob irgendeinem Deutschen Schröders Urlaub im heimischen Hannover entgangen sein könnte.

Der Moderator neben Schröder tritt in Aktion. Der ARD-Journalist Sven Kuntze - Vater des Kindes von Doris Schröder - habe etwas besonders Nettes über den Kanzler gesagt: "Der Kanzler mache bei der Erziehung der Kleinen einen tollen Job. Genauso müsse das im Land laufen." Applaus. Schröder lächelt. Niemand kommt auf die Idee, eine richtige Frage zu stellen. Noch ein kurzer Abstecher beim verwaisten Kinder-Karussell, vorbei am Hau-den-Lukas, zuletzt ein Treffer beim Torwand-Schießen. Dann ist Schröders Auftritt vorüber. Der Rummelplatz muss ohne seine Hauptattraktion auskommen.

Dem Super- und Verkehrsminister wird eingeheizt

Wolfgang Clement und Manfred Stolpe würden an diesem Tag vermutlich gern mit dem beklatschten Kanzler tauschen. Der Bundeswirtschaftsminister und sein Kollege vom Bundesverkehrsministerium müssen sich den Fragen wütender Bürger stellen. In Berlin gebe es nur zwei Jobs für zweihundert Arbeitsuchende, sagt ein Besucher. Clement eilt zum Podium. Stolpe wartet schon.

In einem Quiz sollen die beiden Minister gegen zwei Besucher antreten. Bevor die Fragerunde beginnt, stellen sich die Kandidaten aus dem Volk vor. "Ich bin arbeitslos", sagt eine etwa 40-jährige Berlinerin. "Oh", sagt die Moderatorin, "dann haben Sie ja bestimmt ein paar Fragen. Aber erstmal machen wir das Quiz." Clement gewinnt. Stolpe rät der arbeitslosen EDV-Fachfrau: "Gehen Sie in eins der Berliner Jobcenter. Sagen Sie, Sie kommen von Clement und Stolpe."

Kein Mist bei Künast, aber Ärger bei Zypries

Renate Künast lässt sich in die Kunst der Filzverarbeitung einweisen
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Renate Künast lässt sich in die Kunst der Filzverarbeitung einweisen

Renate Künast hat ein Heimspiel. Keine wütenden Bauern, die mit Kübeln voller Mist die Politik der Ministerin für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz kommentieren. Stattdessen bevölkern zufriedene Klein-Familien die beiden Innenhöfe ihres Ministeriums. Der Tag der offenen Tür gleicht einem Dorffest. Auf dem Steinboden liegt Heu, an den Verkaufsständen können sich die angereisten Familien zwischen Bio-Eis oder Gemüse-Teller entscheiden. Kinder lernen, woher das Schweinefleisch tatsächlich stammt, und zwar in der "Kleinen Schweineschule" (www.schweineschule.de). Überall stehen bunte Kühe aus Pappmaché, auf deren runden Styropor-Augen "Kinderwahnsinn" steht.

Auf der Bühne schwört Viva-Moderator Mola Adebisi, dass er noch nie eine Zigarette geraucht oder ein Bier getrunken habe. Künast gesteht, an diesem Tag bisher nichts als "eine Riesenschüssel Obst mit einem bisschen Joghurt" gegessen zu haben. Das gefällt Adebisi: "Eigentlich interessiert alle Jugendlichen das Thema Ernährung, weil ja alle Jugendlichen etwas essen."

Ein paar Ministerien weiter schwitzt Justizministerin Brigitte Zypries. Drei Stunden Gespräche mit Besuchern beim "Bürgerforum" mit der Bundesjustizministerin? Nach einer halben Stunde ist ihre anfängliche Höflichkeit nur unzureichend unterdrückter Wut gewichen. Drei ältere Rollstuhlfahrerinnen ganz vorne am ovalen Tisch wettern gegen zu wenige behindertengerechte Züge der Bahn. Das sei Diskriminierung, klagt eine der Damen. Es gebe einen juristischen Unterschied zwischen Diskriminierung und unzureichender Teilhabe, hält Zypries zaghaft dagegen.

Doch die Damen mit den Schildern "Baut Rampen statt Bomben" auf ihren Rollstühlen lassen sich von Zuständigkeiten nicht irritieren. Dreimal gehen die bekannten Argumente hin und her, bis der Ministerin der Kragen platzt: "Jetzt ist doch mal gut hier, Himmelherrgott!" Doch auch der Wutausbruch kann die resoluten Damen in ihren Rollstühlen nicht stoppen. Im Gegenteil. Da sei nämlich noch so ein Punkt: "Mich betreut ein Zivi. In allen Bereichen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und der ist bekanntlich nur ein Mann." Ein anderer Besucher wirft genervt ein: "Da diskriminieren Sie aber den Zivi, weil er ein Mann ist." Die Rollstuhlfahrerin ficht das nicht an: "Das mach' ich, gerne sogar. Dazu steh' ich." Ganz vorne am Tisch sitzt eine Frau und zwingt sich zu einem Lächeln. Es ist die Bundesministerin. Sie haben in diesem Moment fast alle vergessen.

Renate Schmidt dementiert Präsidentschafts-Ambitionen

Familienministerin Renate Schmidt muss sich derweil anderen Fragen stellen. "Ich hätte Sie sehr gerne als Bundespräsidentin", sagt ein Besucher und stellt sich der Ministerin in den Weg. Dabei hatte die Ministerin nur zwei Minuten vor dem Zuspruch ihres Verehrers schon alle Ambitionen auf das höchste Staatsamt ausgeschlossen. Ob denn die Zeit reif sei für eine Frau nach Rau, hatte ein Fernsehreporter von ihr wissen wollen. Schmidt bejahte, doch: "Die Bundespräsidentin wird dann mit Sicherheit nicht Renate Schmidt heißen."

Eigentlich hatte sich Schmidt am Tag der offenen Tür auf "normale" Bürger und vor allem Kinder gefreut. Doch als eine kleine Schar von Jungen und Mädchen dann tatsächlich in ihr Büro strömt, postieren sich hinter den Kinder ein halbes Dutzend Kamerateams und etliche Fotografen. Schmidt, sichtlich entnervt ob des Medienrummels, bleibt tapfer. "Was ist denn die Renate Schmidt für eine Ministerin?", fragt sie die Kinder. "Eine Bundesministerin", antwortet ein kleiner Junge. Die bayerische Genossin nimmt es mit Humor, erzählt kindgerecht von allein erziehenden Müttern und Kindergeld und führt die Kinder durchs Haus.

Bei ihrer Namensgenossin Ulla Schmidt geht es weniger lustig zu. Bei der Gesundheitsministerin bricht der Konferenzraum aus allen Nähten, bedrängen Besucher die Politikerin mit Fragen. Kurzerhand verdoppelt die Sozialministerin ihre Sprechstunde zum Tag der offenen Tür, hört sich geduldig Klagen und Vorwürfe an. Was nicht immer leicht ist, wenn Besucher ganze Patientenakten zitieren und von ihren kaputten Gebissen und schlechten Augen berichten.

Als jedoch ein riechbar alkoholisierter Besucher von ihr verlangt, "in spätestens acht Tagen möchte ich eine Antwort haben. Und zwar von Ihnen persönlich", platzt der rheinischen Frohnatur der Kragen. Sie weist den ungeduldigen Briefeschreiber zurecht: "Vier bis acht Wochen, dann bekommen sie von einem meiner Referenten Antwort".

Derlei Pöbeleien muss Heidemarie Wieczorek-Zeul nicht fürchten. Wer zu ihr kommt interessiert sich für die Arbeit des Entwicklungshilfeministeriums. Neun von zehn Besuchern sind Frauen, völlig überfüllt ist der kleine Tagungsraum, in dem Wieczorek-Zeul eine Fotoausstellung eröffnet. "Links von mir ist noch Platz", sagt die "rote Heidi", "aber ich steh' hier so richtig in der neuen Mitte".

Alles im grünen Bereich bei Struck

Der Verteidigungsminister nimmt derweil Kontakt zur Besuchertruppe auf. "Peter Struck, Berlin", hallt es durch das Bundeswehrzelt. Der Minister lässt sich via Satellit mit seinem Flottillenadmiral im Indischen Ozean verbinden. Gut zweihundert Besucher hören mit. "Erklären Sie den Landratten hier in Berlin mal, wie das so ist bei Ihnen auf See", fordert Struck von Admiral Nielson. Alles im grünen Bereich, vermeldet der von Bord der Fregatte "Brandenburg".

Struck vernimmt es ohne Regung, stopft sich seine Pfeife und macht sich auf zu einem Rundgang über den Hof des Ministeriums. Dort stehen Hubschrauber zur Besichtigung, Bürger mit und ohne Uniform werden mit Erbseneintopf aus der Feldküche versorgt. Andere bewunderten sein Arbeitszimmer, wo Struck seine Pfeifen und Mini- Motorrädersammlung ausstellt. Das gefiel besser als der Tischschmuck von Finanzminister Hans Eichel - eine Sparschweinchenfamilie.

Am Abend des "Staatsbesuchs" war die Regierung zufrieden. 133.000 Bürger hatten den "Tag der offenen Tür" genutzt, 15.000 mehr als vergangenes Jahr - und das trotz oder vielleicht wegen der Sozialkürzungen und Reformen. Die Bürgerstimmung, sie muss gut sein. Den Volkskanzler Schröder wird es freuen.



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