Tag der offenen Tür Heimspiel für den Kanzler

Ein glücklicher Tag für den Kanzler. Gerhard Schröder blieb am Tag der offenen Tür im Berliner Regierungsviertel von Protesten gegen Hartz IV weitgehend verschont. Und auch Wolfgang Clements Wirtschaftsministerium kam glimpflich davon.

Von Daniel Freudenreich


Schröder (r.) und Bierhoff: "Zeigen, wo und wie wir arbeiten"
DDP

Schröder (r.) und Bierhoff: "Zeigen, wo und wie wir arbeiten"

Berlin - Schwarze Hosen, weiße Hemden, beinahe identische Krawatten - im Partnerlook marschieren Bundeskanzler Gerhard Schröder und Oliver Bierhoff, der Teammanager der deutschen Nationalmannschaft, über die Brücke in Richtung Kanzlerpark, eingekeilt in einen Tross aus Medienvertretern und Autogrammjägern. "Och Gerd, ich will auch eines", ruft eine junge Blondine in die Menschenmenge, in der sie den Kanzler vermutet. "Ich hab seine Haare fotografiert", freut sich ein grauhaariger Herr mittleren Alters.

Susanne Franke hat es schließlich geschafft. Freudestrahlend quetscht sich die zierliche Anzeigenberaterin zwischen den Sicherheitsleuten hervor und wedelt mit einem Autogramm. Das will die 40-jährige Berlinerin nun ihren Schwiegereltern schicken, denn diese würden sich riesig darüber freuen.

So wie Franke sind am Sonntag mehrere tausend Besucher zum Tag der offenen Tür ins Kanzleramt gepilgert. Auch die einzelnen Bundesministerien waren für Besucher geöffnet. "Das ist eine gute Sache, um den Leuten einmal zu zeigen, wo und wie wir arbeiten", sagt Schröder, der zusammen mit Bierhoff Bürgernähe demonstriert. Abgesehen von einem Störer, der unentwegt von "Abtreibung" und "Massenmord im Mutterland" brüllt, hat der sichtlich gut gelaunte Bundeskanzler heute ein Heimspiel im Kanzlerpark.

Das Duo philosophiert ein wenig über Sport, plaudert über die Aussichten der deutschen Elitekicker bei der WM 2006 und erntet bei strahlendem Sonnenschein kräftig Applaus von einem dankbaren Publikum. Hartz IV ist kein Thema, lediglich über "Veränderungen" redet der Bundeskanzler kurze Zeit.

"Ein kalter Bau"

Wer des Kanzlers Ansprache überdrüssig ist, nutzt die Gelegenheit und wirft einen Blick in die Schaltzentrale der Macht. Viele, die an der 20-minütigen Führung durch das Kanzleramt teilnehmen, können ihre Enttäuschung danach nur schwer verbergen. "Ich habe mir das Kanzleramt schöner vorgestellt", sagt Axel Biely. Dem 36-jährigen Berliner sind die Räumlichkeiten schlicht zu kalt und weitläufig. Auch Susanne Franke kann sich einen angenehmeren Arbeitsplatz vorstellen als den "steril wirkenden" Bau.

Im Kanzlerpark herrscht unterdessen Volksfeststimmung. Hobbytüftler bestaunen im Ideenpark Fußball spielende Roboter, während die kleinen Besucher auf der Hüpfburg springen oder an einem weiteren Stand Haargel herstellen. Freunde der Luftfahrt lassen sich die Hubschrauber der Luftwaffe erklären, und die Sonnenhungrigen dösen im Kanzlerpark auf der Wiese.

"Putzfrauen" vor dem Ministerium

Ganz so geräuschlos verläuft die staatlich organisierte Nabelschau im Wirtschaftsministerium von Wolfgang Clement nicht. Ab Mittag macht eine Gruppe von Hartz-IV-Gegnern unter der Leitung des globalisierungskritischen Netzwerks Attac ihrem Ärger rund um das Reformpaket Luft. "Wir wenden uns gegen die unsoziale Menschenverachtende Politik von Agenda 2010", sagt Attac-Sprecher Pedram Shahyar.

Etwa 30 Personen haben sich hinter einem weißen Banner mit der Aufschrift "Soziale Rechte weltweit - Hartz stoppen" versammelt. Verkleidet als Putzhilfen schrubben vier junge Frauen den Boden im Invalidenpark, ein Teilnehmer mit einer Kanzlermaske auf dem Kopf schwingt dazu die Peitsche. Mit 50 bis 100 Hartz-Kritikern hat Shahyar gerechnet, doch besteht die Ansammlung zeitweise großteils aus Medienvertretern. Angesichts der spärlichen Resonanz fordert ein Kameramann den einzigen Protestler mit einer Ratsche auf, für das Fernsehen einmal "richtig loszulegen".

Im Wirtschaftsministerium verfehlt das Spektakel seine Wirkung dennoch nicht. Am Eingang hat sich schnell eine 30 Meter lange Schlange Wartender gebildet, um eine Sicherheitsschleuse wie auf dem Flughafen zu passieren. Die Begrüßung der Gäste durch Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und den Minister für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen, Manfred Stolpe fällt aus Sicherheitsgründen kurzerhand aus. Vor einigen Tagen habe man überlegt, das Wirtschaftsministerium für den Besucher ganz zu schließen, erklärt Sprecherin Andrea Weinert.

Entgegen der ursprünglichen Planung sind einige der Führungen durch das Wirtschaftsministerium um die Mittagszeit dem Sicherheitsgedanken zum Opfer gefallen, wofür viele Gäste kein Verständnis haben. "Nun stehen wir vor verschlossenen Türen, das ist unerhört", beschwert sich Bernhard Hartmann. Eine andere Besucherin spricht von "Verarschung". Clement selbst lässt sich "aus Sicherheits- und Termingründen" erst gegen 15 Uhr im Ministerium blicken, bevor er sich unter das Volk begibt.

Manfred Stolpe - "ein freundlicher Mensch"

Manfred Stolpe hat es leichter als sein Kollege. Als Veranstaltungshöhepunkt im Ministerium hat er gegen 12.30 Uhr eine Pressekonferenz anberaumt, auf der der Normalbürger das fragen darf, was ihm schon lange auf der Seele brennt. "Ich werde alle Fragen beantworten", sagt der Minister schon im Voraus und erntet dafür Anerkennung. "Ein freundlicher Mensch", freut sich ein Zuhörer mittleren Alters. Da kritische Fragen in der lockeren Runde ausbleiben, befasst sich der Minister mit seinem Lieblingsterrain, dem Aufbau Ost. "Keine Region ist verloren, ganz gleich, wie hoch die Arbeitslosigkeit auch ist", zeigt er sich optimistisch. Angesprochen auf das Maut-Debakel schiebt er seinen Vorgängern die Verantwortung in die Schuhe. "Ich bin nun der Esel, der die Sache zu Ende bringen muss."



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