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Tag des Amtsantritts Wulff will buntere Bundesrepublik

Erst die Vereidigung, später das Sommerfest: Christian Wulff ist Deutschlands neues Staatsoberhaupt. Seine ersten Stunden im Amt verliefen reibungslos, bis auf einen Versprecher. Jetzt will er das Land zum Integrationsvorbild machen. Und die Bürger wieder für Politik begeistern.

Christian Wulff

Berlin - Da stehen sie jetzt und strahlen. Er im dunklen Anzug, sie im cremefarbenen Blazer, im Hintergrund das Schloss Bellevue, der Himmel ist blau. Es ist ein Bild für die Postkarten, sie winken, und seine Gattin Bettina sind angekommen. Deutschland hat ein neues Staatsoberhaupt.

Wenigstens der Tag seines Amtsantritts verläuft reibungslos für Wulff. Es war ja alles in allem eine recht holprige Kandidatur für den Niedersachsen. Mit Joachim Gauck hatte er einen Gegenkandidaten, der ihn wochenlang überstrahlte, dann ging am Mittwoch auch noch seine Wahl fast schief. Mit Ach und Krach hievte ihn die schwarz-gelbe Koalition ins Amt. Im dritten Wahlgang.

An diesem Freitag also das offizielle Programm: Vereidigung, militärische Ehren, abends das traditionelle Sommerfest.

Bei der Vereidigung am Mittag im Bundestag leistet er sich einen kleinen Versprecher, doch im zweiten Anlauf klappt es. Um 13.24 Uhr ist der Niedersachse Deutschlands zehnter Bundespräsident, er folgt auf Horst Köhler, der überraschend zurücktrat.

"Ich bin dankbar dafür, nun in diesem Amt dienen zu dürfen"

In seiner rund 20-minütigen Rede gibt sich Wulff demütig. Gleich zu Beginn seiner Antrittsrede dankt er seinen Konkurrenten im Rennen um das Schloss Bellevue, Joachim Gauck und Luc Jochimsen. Deutschland habe einen "fairen Wettstreit" erlebt, und beide hätten daran einen großen Anteil. "Ich bin dankbar dafür, nun in diesem Amt dienen zu dürfen."

Als Hauptziel seiner Amtszeit sieht Wulff das Brückenbauen, das Versöhnen, als Schwerpunkt die Integration. Ihm schwebt ein warmes Deutschland vor: "Mir ist es wichtig, Verbindungen zu schaffen: zwischen Jung und Alt, zwischen Menschen aus Ost und West, Einheimischen und Zugewanderten, Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Arbeitslosen, Menschen mit und ohne Behinderung", so Wulff. "Wann wird es bei uns endlich selbstverständlich sein, dass unabhängig von Herkunft und Wohlstand alle gleich gute Bildungschancen bekommen? Wann wird es selbstverständlich sein, dass alle Kinder, die hier groß werden, die deutsche Sprache beherrschen?"

Es müsse nicht nach dem Trennenden, sondern nach dem Verbindenden gefragt werden, forderte Wulff. "Dann wird Neues, Gutes entstehen - aus urdeutscher Disziplin und türkischem Dribbling zum Beispiel, aus preußischem Pflichtgefühl und angelsächsischer Nonchalance, aus schwäbischer Gründlichkeit und italienischer Lebensart."

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Amtseid von Christian Wulff: Sommerfest für den Neuen

Foto: JOHANNES EISELE/ AFP

Integration soll Wulffs Schwerpunktthema werden

Besonders will sich Wulff für ein besseres Miteinander der Kulturen engagieren. Die Deutschen müssten offen sein für die Zusammenarbeit mit allen Teilen der Welt. "Dazu müssen wir andere Kulturen besser kennen und verstehen lernen, müssen wir auch hier auf andere zugehen und den Austausch verstärken. Das können wir schon hier bei uns einüben, in unserer Bundesrepublik, in unserer bunten Republik Deutschland."

Die Vielfalt in Deutschland sei "zwar manchmal auch anstrengend, aber sie ist immer Quelle der Kraft und der Ideen und eine Möglichkeit, die Welt aus unterschiedlichen Augen und Blickwinkeln kennenzulernen", sagte Wulff. Als Beispiel für erfolgreiche Integration verwies er auf die von ihm ernannte niedersächsische Sozial- und Integrationsministerin Aygül Özkan - die erste deutsch-türkische Ministerin in Deutschland.

Vehement verteidigt der Bundespräsident das Parteiensystem in Deutschland. Die Parteien seien "viel besser als ihr Ruf", sagt er. Er wolle die Menschen wieder dafür begeistern, sich stärker für die Politik einzusetzen und sich an der politischen Willensbildung zu beteiligen.

Auch die Parteien müssten aber mehr gegen Politikverdrossenheit tun: "Auch die Bürgerinnen und Bürger, die nicht in Parteien engagiert sind, müssen leicht die Erfahrung machen können, wie spannend die Mitarbeit an politischen Aufgaben sein kann." Ein Beispiel für die Suche nach politischen Lösungen sei die Reaktion auf die Finanz- und Wirtschaftskrise. Zu ihrer Bewältigung hätten Gewerkschaften und Unternehmer beigetragen. "Das zeigte, wie gut es ist, miteinander statt gegeneinander zu arbeiten."

Lammert würdigt Ex-Bundespräsident Horst Köhler

Norbert Lammert

Vor Wulffs Vereidigung würdigte Bundestagspräsident die Arbeit des zurückgetretenen Horst Köhler. In seiner Rede betonte Lammert: "Horst Köhler hat es sich nicht leichtgemacht und der sogenannten politischen Klasse manchmal auch nicht. Das hat viel mit der eigenen Beharrlichkeit zu tun." Köhler habe bei seinem überraschenden Rücktritt aber letztlich keine Chance mehr gesehen, das Amt des Bundespräsidenten so auszufüllen, wie er es sich vorgestellt habe.

Lammert sagte weiter, Köhler habe sich "den Menschen unverstellt zugewandt". Er sei "immer offen für Anregungen" gewesen. "Er hat die Menschen, ihre Sorgen und Nöte ernst genommen, und sie danken es ihm mit anhaltender Zuneigung." Köhler habe das Bild Afrikas in Deutschland verändert, und er habe sehr viel eher als andere kommen sehen, welche Krise sich an den Weltfinanzmärkten zusammenbraute, so Lammert. Köhler habe auch mit deutlichen Worten davor gewarnt.

vme/dpa/ddp/Reuters
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