Anti-Kohle-Proteste am Tagebau Garzweiler Grenzgänger

Die Klimabewegungen "Fridays for Future" und "Ende Gelände" haben die gleichen Ziele. Aber: Wie weit darf Protest gehen?

Schüler, Naturschützer, Aktivisten - gemeinsamer Protest am Tagebau Garzweiler
JONAS NOLDEN/ EPA-EFE/ REX

Schüler, Naturschützer, Aktivisten - gemeinsamer Protest am Tagebau Garzweiler

Aus Erkelenz berichtet Franca Quecke


Das Klimabündnis "Ende Gelände" nennt seine Protestzüge "Finger", nach der Fünf-Finger-Taktik: Man legt eine Hand auf eine Karte und startet dann an verschiedenen Punkten - dort, wo die Finger liegen. Je mehr Gruppen getrennt voneinander losgehen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass jede Gruppe auf Polizei trifft, so der Gedanke. Die Karte zeigt an diesem Wochenende das Rheinische Braunkohlerevier. Der grüne Finger, bestehend aus rund 700 Aktivisten, blockiert seit Freitagabend die Kohlebahn, die Versorgungslinie zwischen Tagebau und Kraftwerk.

Einen Tag nach der ersten länderübergreifenden "Fridays for Future"-Demonstration mit bis zu 40.000 Teilnehmern, hat die Klimabewegung die nächste organisiert. Bündnisse wie "Alle Dörfer bleiben", der BUND sowie Greenpeace unterstützen die Proteste, auch "Ende Gelände" will mit mehr als tausend Aktivisten daran teilnehmen. 2014 hat sich das Klimabündnis formiert, das kein Verein, sondern ein Zusammenschluss aus Privatpersonen ist. Seitdem sind die Aktivisten schon öfter in die Tagebaue gegangen und haben Kohlegleise blockiert. Auch bei den Protesten im Hambacher Forst waren viele von "Ende Gelände" dabei.

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Anti-Kohle-Proteste: Kampf ums Klima

Der goldene Finger, eine Gruppe aus 1600 "Ende Gelände"-Aktivisten, will sich der Klimademo anschließen. Sie sind Samstagmorgen gegen 8.30 Uhr im Aktionscamp des Klimabündnisses mit Bengalos und goldenen Schals, Flaggen und Transparenten losgelaufen, gegen 12 Uhr stehen sie auf dem Marktplatz eines kleinen Dorfes in der Nähe von Mönchengladbach. Hier startet der Protest.

Die Route soll sich durch den Ort schlängeln, anschließend entlang des Tagebaus Garzweiler bis nach Keyenberg - einem Dorf, das von der Umsiedlung bedroht ist. Bunte Flaggen wehen, Menschen schützen sich mit Schirmen vor der Sonne. Die Aktivisten des goldenen Fingers, viele von ihnen sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, laufen gleich hinter den "Fridays for Future"-Demonstranten - Eltern, Kinder, Großeltern, Wissenschaftler. "Hurra, diese Welt geht unter", schmettert es aus den Boxen. Einwohnern, die neugierig zuschauen, rufen sie zu: "Leute, lasst das Glotzen sein, reiht euch in die Demo ein!"

"Bitte von der Kante wegbleiben!"

Dort, wo sich die Kante des Tagebaus befindet, warten schon die Polizisten auf den Demonstrationszug. Die Abhänge sind steil, 20, 50 Meter tief, gleich an der Kante kann der Boden abbrechen, warnt die Polizei. Die Demonstranten laufen deshalb auf einem Asphaltweg rund 15 Meter vor den Abhängen, näher soll niemand. Dann geht alles ganz schnell: Erst preschen ein paar der Aktivisten aus dem goldenen Finger bis zur Kante, dann immer mehr. Die Polizisten ziehen sie zurück, rufen, setzen Schlagstöcke ein, sprühen Pfefferspray. Vielen gelingt es trotzdem, an den Polizisten vorbei die Abhänge runter zu laufen. Ein Hubschrauber kreist, jemand ruft: "Alle von 'Fridays for Future' bitte von der Kante wegbleiben!"

Zwei Bewegungen mit identischen Zielen: mehr Klimagerechtigkeit, früherer Kohleausstieg. Allerdings äußern beide Gruppen ihren Protest unterschiedlich: Die einen schwänzen die Schule, die anderen besetzen Gleise und blockieren Bagger. Wie weit darf Protest gehen?

Marcel Kusch/ DPA

Mit den Aktionen überschreite man bewusst auch mal eine Grenze des Legalen, sagt Kathrin Henneberger, Pressesprecherin von "Ende Gelände". Damit wolle man deutlich machen, wie ernst es der Bewegung sei. Rosalie Münz, Pressesprecherin von "Fridays for Future" in Aachen, sagt: "Wir haben uns als Bewegung entschieden, nicht über das Streiken hinauszugehen, denn wir sind auch für viele Kinder verantwortlich."

Dort, wo "Fridays for Future" auf der Kante läuft, geht "Ende Gelände" einen Schritt weiter, in den Tagebau hinein. Aber: Beide Bewegungen vereint, dass sie friedlich für mehr Klimagerechtigkeit protestieren wollen. "Wir haben einen Aktionskonsens, in dem klar steht: Unsere Proteste sind gewaltfrei, wir gefährden keine Menschenleben", sagt Henneberger. Auf die Aktionen würde man sich gründlich vorbereiten, die Aktivisten würden sichere Wege aussuchen, um in den Tagebau zu gelangen. Man sei nicht auf Eskalation aus. Aber sollte doch irgendetwas vorfallen, gebe es Anwälte, die die Bewegung ehrenamtlich unterstützen.

Mehrere Einsatzkräfte wurden verletzt

Auf die könnte nun Arbeit zukommen. Nach Angaben der Polizei Aachen sollen acht Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte verletzt worden sein, mehrere Demonstranten wurden in Gewahrsam genommen. Das Eindringen in den Tagebau sei Hausfriedensbruch, auch der RWE-Konzern bezeichnete die Aktion als Rechtsverstöße. "Das geht nicht", sagte ein Sprecher der Nachrichtenagentur dpa. Die Aktivisten hätten sich schlimm verletzen können, davor hätte man zuvor eindringlich gewarnt. Der NRW-Chef der Gewerkschaft der Polizei, Michael Mertens, sprach von einem "unglaublichen Leichtsinn" der Aktivisten. Gleichzeitig lobte er die friedliche Demo der "Fridays for-Future"-Teilnehmer.

Beide Gruppen betonen sowohl vor als auch nach den Protesten am Samstag, dass man solidarisch in seinen Zielen sei. Das liegt natürlich auch daran, dass die Bewegungen voneinander profitieren: Viele Aktivisten sind Teil beider Bewegungen, unterstützen und beraten sich gegenseitig vor Demonstrationen. Dass "Fridays for Future" viele Teile der Bevölkerung angesprochen habe, zeigt sich mittlerweile auch bei den Protesten von "Ende Gelände": Noch nie hätten so viele Aktivisten an ihren Protestzügen teilgenommen wie in diesem Jahr. Außerdem würden sich immer öfter auch Eltern anschließen, die für ihre Kinder in den Tagebau wollen.

Am Ende des Tages verkündet "Ende Gelände": Finger grün befindet sich auf den Gleisen des Kohlekraftwerks Neurath, bleibt dort über Nacht. Die roten und goldenen Finger sind im Tagebau Garzweiler und werden von der Polizei geräumt. Der silberne Finger, der den ganzen Tag über die Hambachbahn im Tagebau Hambach lahmgelegt hat, packt alles zusammen - Feierabend. Wie lange die Blockaden anhalten würden, kann Daniel Hofinger, Sprecher von "Ende Gelände", noch nicht sagen: In jedem Finger gebe es mehrere Delegierte, die im Plenum entscheiden würden, wie es weitergehe. Denn: "Die Aktion gehört den Leuten, die sie machen."

mit dpa



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