"Tagesspiegel"-Cartoon Empörung vom Hörensagen

Damit hatte Klaus Stuttmann nicht gerechnet: Seine "Tagesspiegel"-Karikatur, die auf den WM-Einsatz der Bundeswehr abzielen sollte, sorgt in Iran und bei Exiliranern für Empörung. Inzwischen gibt es Wut-Mails und Morddrohungen gegen den Zeichner - meist von Leuten, die das Bild nicht gesehen haben.
Von Henryk M. Broder

Berlin - Die erste Morddrohung kam am Samstagnachmittag. Klaus Stuttmann saß an seinem Computer, da machte es "klick": "Sie haben Post." Und dann ging es Schlag auf Schlag. Bis Sonntagabend waren es mehr als 150 Mails aus der ganzen Welt, sogar aus Kanada, USA und Australien, darunter vier Morddrohungen. Stuttmann rief das Landeskriminalamt an. Die Beamten rieten ihm zur Vorsicht. Er rief die Telekom an, um seinen Namen und seine Adresse aus dem Telefonbuch löschen zu lassen, aber nicht einmal die Telekom kann einen Eintrag aus Tausenden ausliegenden Telefonbüchern entfernen.

Da zog Klaus Stuttmann die Notbremse: "Ich habe das Weite gesucht." Soll heißen: Er zog aus seiner Wohnung aus und suchte sich "eine andere Bleibe". So sehr ihm die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst am Herzen liegen, sein Leben ist ihm wichtiger.

Klaus Stuttmann, 1949 in Schwaben geboren, ist Karikaturist. Er arbeitet unter anderem für die "Leipziger Volkszeitung" und den Berliner "Tagesspiegel". Und da erschien letzten Freitag eine Karikatur von ihm, mit der er die laufende Debatte um den Einsatz der Bundeswehr bei der Fußball-WM kommentieren wollte: Vier bewaffnete Bundeswehrsoldaten treten gegen vier iranische Spieler an, die Sprengstoffgürtel um ihre Trikots angelegt haben. "Ich wollte damit zeigen, wie absurd die Idee ist, die Bundeswehr bei der WM einzusetzen, nicht dass die Iraner Terroristen sind." Die Karikatur war allenfalls bundeswehrfeindlich, aber bei der Truppe fühlte sich niemand beleidigt.

Dafür empörte sich tags darauf die iranische Sportzeitung "90", nannte die Zeichnung "schamlos", der Generalsekretär der iranischen Sportpressegemeinschaft sprach von einem "schmutzigen Witz". Und das Gästebuch auf der Homepage von Klaus Stuttmann füllte sich mit Zuschriften wie diesen: "Herr Stuttmann, nicht Ihre Tat ist verwerflich, sondern Ihr Gedankengut, ihre Rechtsbeugung und Verlogenheit. Iranische Fußballer mit Terroristen gleich zu setzen ist unverschämt und gar rassistisch..." - "Sie haben mit Ihrer Karikatur sehr viele iranische (Fussball-) Freunde beleidigt..." - "Schade, dass es Kleingeistern wie Ihnen erlaubt wird, eine mediale Plattform wie diese Zeitung zu nutzen."

Wie schon im Falle der zwölf Mohammed-Karikaturen, die in der dänischen "Jyllands-Posten" erschienen waren, war es eine Empörung aus zweiter Hand, vom Hörensagen. Kaum ein Mail-Schreiber hatte die Zeichnung wirklich gesehen, viele Mails fingen mit dem Satz an: "Wie ich gehört habe..." Dennoch stand fest, Stuttmann habe "damit das ganze iranische Volk und unsere Nationalmannschaft schwer beleidigt". Die Botschaft der Islamischen Republik Iran in Berlin forderte den "Tagesspiegel" auf, sich schriftlich zu entschuldigen "und die notwendigen Schritte für eine Wiedergutmachung dieses unmoralischen Akts zu unternehmen", andernfalls würde man "die Angelegenheit rechtlich" weiter verfolgen.

"Nazi", "Hitler", "Motherfucker"

Was Stuttmann an der Hasswelle, die sich mit Nettigkeiten wie "Nazi", "Hitler" und "Motherfucker" artikulierte, am meisten überraschte, war der Umstand, dass die Mails "mehrheitlich von regierungskritischen Exiliranern geschrieben wurden, die darauf bestehen, dass man Politik und Sport trennen müsse". Und bei Sport hört eben der Spaß auf, sogar für Iraner, die mit der Politik ihrer Regierung nicht einverstanden sind. Das habe er nicht gewusst, er sei auch noch nie wegen einer Zeichnung bedroht worden, sagt Stuttmann SPIEGEL ONLINE.

Allerdings, als er vor zwei Jahren für eine Zeitung der IG Metall einen Zeichnung über einen SPD-Parteitag gemacht und die Delegierten "wie Betende in einer Moschee" gezeichnet habe, da haben sich "die muslimischen IG-Metall-Mitglieder wahnsinnig beschwert". Dabei wollte er nur mit seinen Mitteln darauf hinweisen, dass sich bei dem SPD-Parteitag niemand getraut habe, Schröder zu kritisieren. "Damals spürte ich zum ersten Mal, dass es eine andere Kultur mit einem anderen Humorverständnis gibt, die in Deutschland eine Rolle spielt." Jetzt ist aus dem Gefühl eine Gewissheit geworden.

Der "Tagesspiegel" dokumentiert den Fall heute auf seiner Meinungsseite ("Das Rätsel einer Empörung") und erklärt sein Bedauern über die iranischen Reaktionen: "Wir können sie uns nur mit mangelnder Vertrautheit mit der innenpolitischen Debatte in Deutschland erklären." Um die Situation zu deeskalieren, ist auch Klaus Stuttmann zu Konzessionen bereit: "Ich habe weder das iranische Volk noch die iranische Fußballnationalmannschaft verunglimpfen oder beleidigen wollen. Und wenn das iranische Volk und die iranische Nationalmannschaft verlangen, dass ich mich bei ihnen entschuldige, dann tu ich das hiermit auch. Wenn ich mir auch keiner Schuld bewusst bin."

Was ihm dagegen sehr wohl bewusst ist: "Die Selbstzensur ist in vollem Gang. Man muss zweimal überlegen, wer sich wodurch verletzt fühlen könnte. Man muss aufpassen, dass nicht wieder alles explodiert." Die Flut der empörten Mails hört nicht auf.

Allerdings melden sich inzwischen auch Leser zu Wort, die keine Entschuldigungen mehr hören oder abgeben wollen, wie beispielsweise "Ahmed": "Jeder kriegt das Zerrbild, das er verdient - die Deutschen werden schließlich auch schon seit Jahrzehnten als Nazis karikiert, und sie haben dafür ganz Europa in Brand gesetzt. Iran ist nachgewiesenermaßen seit Jahren ein aktiver Unterstützer des islamischen Terrorismus. Wenn die Iraner wieder 'nur' als Teppichhändler und Ziegenhirten dargestellt werden wollen, müssen sie eben an ihrem Image arbeiten."

Und "Andreas" schreibt: "Schlimme Zeiten, wenn Karikaturen die Wogen höher kochen lassen, als es die realen Verhältnisse tun."

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