"Tagesspiegel"-Karikaturen Proteste in Teheran, Unterstützung in Berlin
Berlin - Gegen neun Uhr trudeln in der Potsdamer Straße Mitarbeiter und Redakteure des "Tagesspiegel" ein. Die meisten ahnen wohl, dass auch heute vor allem ein Thema den Tag beherrschen wird: Wie soll die Zeitung auf den Protest reagieren, den Iraner gegen eine Karikatur geäußert haben? Und noch prekärer: Wie kann die Redaktion mit Morddrohungen umgehen, die der Karikaturist erhalten hat?
Wie heikel das Thema für die Redaktion ist, wird schon vor den Toren der Zeitung deutlich: Ziemlich wortkarg reagieren Mitarbeiter des "Tagesspiegel" auf Nachfragen, welche Reaktion nun richtig wäre: "No comment", "Dazu sage ich nichts" oder schlicht Abwinken. Nur einer sagt: "Gar nichts soll man jetzt machen. Ich fand die Karikatur gar nicht schlecht." Hinter den Türen der Chefredaktion wird an diesem Dienstagmorgen heftig diskutiert. Wortfetzen dringen auf den Flur im zweiten Stock.
In Teheran zogen derweilen mehrere Dutzend Studenten vor die deutsche Botschaft. Sie riefen "Tod Deutschland" und "Deutschland, Ihr seid Faschisten und willfährige Diener des Zionismus". Nach Berichten der Nachrichtenagentur dpa bewarfen sie das Botschaftsgebäude mit Molotow-Cocktails.
Beim "Tagesspiegel" hatte wohl kaum jemand damit gerechnet, dass das Blatt in den Karikaturenstreit, den eine dänische Zeitung ausgelöst hatte, mit hineingezogen werden würde. Am vergangenen Freitag hatte das Blatt aus Berlin, das zum Holtzbrinck-Verlag gehört, eine Karikatur gedruckt, die iranische Fußballspieler mit umgeschnallten Bombengürteln neben Bundeswehrsoldaten in einem deutschen Fußballstadion zeigt. "Warum bei der WM unbedingt ... die Bundeswehr zum Einsatz kommen muss", lautete die Unterzeile. Die Zeichnung zielte auf die innenpolitische Debatte, fordert doch seit Wochen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble den Einsatz der Bundeswehr beim sportlichen Großereignis dieses Sommers. Doch die Karikatur des Zeichners Klaus Stuttmann wurde ebenso schnell zum außenpolitischen Ereignis wie die Mohammed-Darstellungen der dänischen "Jyllands-Posten".
Eine Sportzeitung in Iran zeigte sich über Stuttmanns Zeichnung empört, wenig später wurde die iranische Botschaft in Berlin aktiv. Es seien "die notwendigen Schritte für eine Wiedergutmachung dieses unmoralischen Aktes zu unternehmen", forderte sie vom "Tagesspiegel". Man behalte sich außerdem rechtliche Schritte vor.
"Unterstellung völlig undenkbar"
Der "Tagesspiegel" reagierte prompt. Am Montag wurde die Redaktion versammelt, es wurde debattiert, am Dienstag erschien dann eine ganze Seite zum Karikaturen-Streit. Redaktionsdirektor Gerd Appenzeller zitierte in seinem Kommentar eine Erklärung der Chefredaktion: Selbstverständlich hätten weder der Zeichner Stuttmann, "noch der Tagesspiegel die Integrität der iranischen Fußballspieler in Frage stellen" wollen. "Schon aus der Tradition dieser, von jeher der Völkerverständigung verpflichteten Zeitung, wäre eine solche Unterstellung völlig undenkbar", heißt es weiter.
Die Chefredaktion hatte weiter erklärt: "Wir bedauern die iranischen Reaktionen auf diese Karikatur und können sie uns nur mit mangelnder Vertrautheit mit der innenpolitischen Debatte in Deutschland erklären." Ein einziger Blick auf die Karikatur zeige die Absurdität dieser innenpolitischen Debatte", so die Chefredaktion weiter. Eine förmliche Entschuldigung lehnte die Leitung des Blattes ab.
"Es ging um die Darstellung eines innenpolitischen Problems"
Vor dem Redaktionssitz in Berlin sind am heutigen Dienstag nur wenige Mitarbeiter bereit, Stellung zu beziehen. Viele eilen ins Gebäude. Der Redakteur Harald Schumann hält kurz inne: "In solch einer Situation ist es wichtig, dass die Redaktion voll hinter ihrem Mann steht", sagt er. Wie bei jeder anderen Karikatur auch, seien die Meinungen geteilt gewesen: Manche hätten sie gut und manche schlecht gefunden.
Andererseits müsse es jedem, der etwas über iranischen Fußball wisse, klar sein, dass es sich bei den Karikaturen um die Darstellung eines innenpolitischen, deutschen Problems handle. "Hassprediger" würden diese Karikaturen jetzt einem Publikum präsentieren, das nichts von deutscher Innenpolitik verstünde, sagt Schumann.
Ein Verlagsmitarbeiter des "Tagesspiegel" glaubt, dass der Streit um die Karikatur auf einem Missverständnis beruhe. "Normalerweise bin ich nicht dafür, aber da die Situation im Moment ohnehin schon so angespannt ist, kann man über eine Entschuldigung nachdenken."
Am Dienstag wurde beim "Tagesspiegel" in der Konferenz erneut über die Karikatur und den Umgang mit den Protesten diskutiert. Unterdessen liefen vor allem Unterstützermails bei der Zeitung ein. Viele wünschen sich, dass die Zeitungsmacher standhaft bleiben. Ein Leser schrieb: "Wenn Sie sich entschuldigen, dann kündige ich mein Abo."
Anna Reimann