"Tatort"-Faktencheck Standen hinter Stuttgart 21 wirklich korrupte Politiker?

Der Stuttgarter "Tatort" erzählte vom Projekt Stuttgart 21 als tödliches Tête-à-Tête von Politik und Wirtschaft - und zeigte die Gegner als zu allem fähige Fanatiker. Wie nah kam der Film der Realität?
S21-Untersuchungsausschuss im "Tatort": Nah an der Realität

S21-Untersuchungsausschuss im "Tatort": Nah an der Realität

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Gerade saß der ehemalige Bau-Staatssekretär Dillinger noch im Untersuchungsausschuss des Stuttgarter Landtags - nun liegt er erschossen im Kofferraum seines Autos. Dillinger scheint die politische Schlüsselfigur beim Bahn-Projekt Stuttgart 21 gewesen zu sein: Seinen Posten hat er wegen eines Millionen-Investitions-Flops im Zuge von S21 verloren.

Dillinger gehörte der abgewählten Regierung von Baden-Württemberg an, die sich für S21 stark gemacht hat. Er war ein enger Vertrauter von Ex-Ministerpräsident Heinerle (Ulrich Gebauer) - und ein Freund des Groß-Architekten Busso von Mayer (Thomas Thieme). Der sitzt allerdings inzwischen im Knast, derweil der U-Ausschuss die politischen Hintergründe von "Bombay-Gate" aufzuklären versucht.

Der Stuttgarter "Tatort" am Sonntag erzählte von Größenwahn und Raffgier, am Ende gab es zwei Tote. Das reale Bahn-Projekt S21 wird nicht verschlüsselt, genau wie die politische Auseinandersetzung in der Stadt - dafür allerdings die Parteien. Was wohl Grünen-Regierungschef Winfried Kretschmann und sein Vorgänger Stefan Mappus von der CDU zu der Geschichte sagen?

Ging es bei Stuttgart 21 wirklich so korrupt zu?

Nach aktuellem Kenntnisstand: nein. Allerdings gab und gibt es bei den besonders hartnäckigen Gegnern die Vermutung, dass auch Schmiergelder geflossen sind. Doch nachweisen konnte man das nie.

Richtig ist, dass zu Zeiten der früheren CDU-geführten Regierung von Stefan Mappus die Verbindungen zwischen der Politik auf der einen und Deutscher Bahn und weiteren Akteuren der anderen Seite mitunter eng waren. Auch die im Film genannten Gesamtkosten von sieben Milliarden Euro kommen der aktuell taxierten Summe sehr nahe.

Wie im Film wurden auch Mappus und weitere Vertreter der alten Regierung zu ihrer S21-Rolle in einem Untersuchungsausschuss gehört. Aber dabei ging es nie um den Vorwurf der Korruption.

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"Tatort" mit Lannert und Bootz: Stuttgart 21, ein mörderisches Projekt

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Wurde tatsächlich ein Ex-Staatssekretär umgebracht?

Nein. Damit wagt sich der "Tatort" aus dramatischen Gründen sehr weit vor. Ohnehin erscheint die Figur des korrupten Dillinger inklusive bezahlter Bordellbesuche stark fiktiv. Auch die Figur des abgewählten MP Heinerle ist überzeichnet.

Welche Rolle spielen Spekulanten?

"S21 ist ein reines Spekulationsobjekt ohne Nutzen für die Allgemeinheit", sagt die Chefin des Untersuchungsausschusses und vormalige Oppositionspolitikerin Keller im Film. Das entspricht nicht der Realität. Ziel von S21 war ursprünglich der Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs von einem Sack- zu einem Durchfahrtbahnhof sowie die gleichzeitige Verbesserung der Nord-Süd-Strecken von und nach Stuttgart.

Dass dabei durch die Verlegung des Bahnhofs und bestimmter Streckenabschnitte unter die Erde oberirdische Flächen frei werden, die dann wiederum bebaut werden können, ist richtig. Und natürlich können dabei Projektentwickler, Baufirmen und andere beteiligte Unternehmen eine Menge Geld verdienen.

Sind die S21-Gegner wirklich so radikal?

Der Widerstand gegen S21 hat mit zur Abwahl der Mappus-Regierung geführt und dem Grünen Kretschmann geholfen, Ministerpräsident zu werden. Der Schlachtruf "Oben bleiben" der S21-Gegner wurde zum Symbol einer Bewegung, die mitunter als Aufstand der Wutbürger bezeichnet wird und auch anderswo in Deutschland Menschen aus der Mitte der Gesellschaft beflügelt hat, gegen politische Entscheidungen zu protestieren. Bis heute gibt es in Stuttgart jeden Montag Demonstrationen gegen S21.

Zwischen dem harten Kern der Bewegung und der Polizei kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen, unter anderem wegen Sachbeschädigung, allerdings eskalierte die Lage besonders nach einem Wasserwerfer-Angriff der Polizei auf Demonstranten am 30. September 2010. Die Ereignisse rund um diesen "Schwarzen Donnerstag" wurden von einem Untersuchungsausschuss im Landtag aufgearbeitet.

Einen Brandanschlag von S21-Gegnern auf ein besetztes Polizeiauto - wie im Film gezeigt - hat es nicht gegeben.

Welche Folgen hatte der Regierungswechsel in Stuttgart?

Wer geglaubt hat, die neue Regierung von Grünen und SPD würde das Projekt beenden, der wurde enttäuscht. Diese Hoffnungen vor der Landtagswahl 2011 geschürt zu haben, gehört wohl auch zu den größten Fehlern von Kretschmann und seiner Partei. Im Amt angekommen, musste der Ministerpräsident rasch einsehen, wie weit fortgeschritten die Planungen und die vertraglichen Bindungen schon waren. Zudem waren Teile des sozialdemokratischen Koalitionspartners ohnehin für S21.

Die Volksabstimmung im Herbst 2011 war der letzte Versuch, das Projekt auf breiter Basis zu stoppen - doch eine klare Mehrheit der Baden-Württemberger sprach sich für einen Weiterbau aus. Für Kretschmann war damit klar: Er muss mit S21 leben.

Ist das echte Stuttgart auch eine ständige Baustelle?

Ja. Der Landtag wird tatsächlich renoviert - und Baustellen auf den Straßen der Landeshauptstadt sind ohnehin Dauerzustand. Das liegt auch daran, dass Stuttgart, wie es der Architekt von Mayer sagt, eine Art "zubetonierter Talkessel" ist. Dazu kommt, dass viele Stuttgarter aufgrund der Auto-Tradition durch die ansässigen Hersteller Mercedes und Porsche nicht auf ihr "Heilix Blechle" verzichten wollen auf dem Weg zur Arbeit und zurück.

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