Tebartz-van-Elst-Skandal Politiker fordern Radikalreform des Kirchen-Finanzsystems

Der Eklat um den Protzbau des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst hat einmal mehr gezeigt: Kaum einer weiß, wie reich die katholische Kirche wirklich ist. Evangelische und katholische Politiker verlangen eine Modernisierung des Kirchen-Finanzwesens.
Wetterfahne auf der Limburger Bischofsresidenz: Weht in der katholischen Kirche bald ein anderer Wind?

Wetterfahne auf der Limburger Bischofsresidenz: Weht in der katholischen Kirche bald ein anderer Wind?

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Berlin - Wie groß ist das Vermögen des Bistums Limburg, wenn sich der Bischof eine 15.000-Euro-Badewanne, einen Lichthof für 2,3 Millionen und eine Privatkapelle für 2,67 Millionen Euro gönnt? Das undurchsichtige finanzielle Gebaren von Tebartz-van Elst wird seit Wochen heftig kritisiert. Doch es passt zur katholischen Kirche: Als der SPIEGEL 2010 alle 27 deutschen Bistümer um Auskunft über ihren Vermögenshaushalt bat, verweigerten 25 die Auskunft .

Die Bistümer haben eine Art doppelte Buchführung: Auf der einen Seite steht der öffentliche Haushalt, der vor allem aus der Kirchensteuer gespeist wird. Auf der anderen Seite steht das eigentliche Vermögen, der Bischöfliche Stuhl. Er ist eine sogenannte Körperschaft des öffentlichen Rechts - und nur der Bischof und seine engsten Vertrauten kennen diesen Schattenhaushalt. Das über Jahrhunderte angehäufte Vermögen ist vielseitig angelegt, etwa in Immobilien, kirchlichen Banken, Akademien oder Kliniken, hinzu kommen Erträge aus Aktienbesitz, Stiftungen, Erbschaften. Gegenüber dem Staat ist der Bischöfliche Stuhl nicht auskunftspflichtig.

"Ich kenne viele katholische Christen, die sich aus guten Gründen für eine Reform der Finanzstrukturen aussprechen", sagt Kerstin Griese, evangelische Kirchenbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, zu SPIEGEL ONLINE. Sie selbst fordert größtmögliche Transparenz, "denn Kirche ist mehr als jede andere Institution auf das Vertrauen der Menschen angewiesen". "Es stimmt mich traurig, wenn katholische Hilfs- und Wohlfahrtsorganisationen wie die Caritas jetzt unter dem Limburger Finanzskandal leiden müssen, weil die Spendenbereitschaft zurückgeht", sagt Griese.

Auch Grünen-Politiker Josef Winkler spricht sich für mehr Transparenz aus. In Limburg sei ein enormer Vertrauensverlust zu beobachten, sagt Winkler, der in seiner Partei bis vor kurzem Sprecher für Kirchenpolitik war. "Um das Vertrauen wiederherzustellen ist es notwendig, nicht nur mit Worten, sondern mit Taten etwas zu ändern." Die Kirche müsse ihre Finanzen offenlegen, frei nach dem Motto "Wir haben nichts zu verbergen".

Tebartz-van Elst steht wegen seiner 31 Millionen Euro teuren Bischofsresidenz und seinem verschwenderischen Lebensstil massiv unter Druck (hier können Sie die Chronologie zum Fall nachlesen). Die Staatsanwaltschaft Limburg prüft deswegen Vorwürfe der Untreue gegen ihn. Zudem läuft gegen den Geistlichen ein Verfahren wegen des Verdachts der Falschaussage.

"Hier oder da lässt die herrschende Praxis zu wünschen übrig"

SPD-Politikerin Barbara Hendricks ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Die Mitglieder der katholischen Kirche hätten einen Anspruch darauf, dass innerkirchlich in den entsprechenden Gremien volle Transparenz über Einnahmen und Ausgaben hergestellt werde, sagte sie SPIEGEL ONLINE. Doch laut Hendricks sind weniger die bestehenden Regeln mangelhaft, "sondern hier oder da lässt die herrschende Praxis zu wünschen übrig". Da müssten die gewählten Mitglieder der Gremien mutiger ihre Rechte einfordern.

"Die aktuellen Vorgänge machen deutlich, dass wir viele staatskirchenrechtliche Regelungen grundsätzlich überdenken müssen", sagt Joachim Poß - Vize der SPD-Fraktion, zuständig für Finanzen, katholisch. Auch eine Institution wie die katholische Kirche dürfe sich dem grundsätzlichen Ziel von Transparenz nicht verschließen - "das liegt vor allem auch in ihrem eigenen Interesse".

Das Beispiel Limburg zeige, dass gerade auch engagierte Katholiken weg wollen von geheimniskrämerisch geführten Kassen hin zu mehr Transparenz und Offenheit in Finanzangelegenheiten, sagt Poß. "Die katholische Kirche wird sich auf Dauer einer Modernisierung ihres Finanzwesens nicht verschließen können."

Dass die Politik darauf einen allzu großen Einfluss haben wird, bezweifelt Cornelia Seibeld, die kirchenpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. "Es gibt wesentliche Bereiche der Kirchen, in denen die Politik zwar Wünsche formulieren kann, aber keinerlei Möglichkeiten zur Umsetzung hat - es sei denn, es fände sich eine Mehrheit im Deutschen Bundestag zur Änderung der Verfassung", sagt Seibeld. "Ich bin mir aber völlig sicher, dass es eine solche Mehrheit zur Aufhebung der Trennung von Staat und Kirche nicht geben wird."

Im Grundgesetz ist festgehalten, dass die Kirche sich selbst verwaltet und ordnet - ohne staatlichen Einfluss, wie der Experte für kirchliche Finanzen, Carsten Frerk, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagt. "Politiker können da nichts machen." Der Bischöfliche Stuhl bekomme keine staatlichen Gelder, es handle sich also um eine rein innerkirchliche Angelegenheit. Wollte man dennoch alle Finanzen des Schattenhaushalts offenlegen, müsste man schon das Kirchenrecht ändern, sagt Frerk. "Und das wird im Vatikan entschieden."

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