Teilrückzug aus Afghanistan Uno fürchtet neue Attacken auf Mitarbeiter

Offiziell soll es kein Abzug, sondern nur eine Sicherheitsprüfung sein: 600 Uno-Mitarbeiter werden aus Afghanistan ausgeflogen. Doch hinter der spektakulären Entscheidung steckt neben der Angst vor den Taliban auch ein tiefes Misstrauen gegenüber der Kabuler Regierung von Hamid Karzai.

Uno-Gesandter Eide in Kabul: Die Vereinten Nationen rufen ihre Mitarbeiter ab
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Uno-Gesandter Eide in Kabul: Die Vereinten Nationen rufen ihre Mitarbeiter ab

Aus Kabul berichtet


Kabul - Die Entscheidung der Uno-Zentrale in New York kam überraschend. Am sonnigen Donnerstagvormittag saßen Uno-Mitarbeiter in Kabuler Cafes. Viele waren froh, dass die nach dem Anschlag auf ein Uno-Guesthouse vergangene Woche massiv verschärften Sicherheitsmaßnahmen in der afghanischen Hauptstadt erstmal wieder gelockert worden waren. Nach Tagen in Bunkern ohne Ausgang durften sie endlich wieder ins Freie. Zur gleichen Zeit trat der Sprecher der Weltorganisation nur einige Straßen weiter vor die Mikrophone. Aleem Siddiqi hatte eine spektakuläre Mitteilung zu machen: 600 der insgesamt 1100 ausländischen Uno-Mitarbeiter, sollen aus Sicherheitsgründen aus Afghanistan abgezogen werden.

Details wollte der Sprecher nicht nennen. Einige der Mitarbeiter würden aus dem Land ausgeflogen, andere an "sicherere Orte" innerhalb Afghanistans gebracht. Der Grund für die Entscheidung ist offensichtlich: Vergangene Woche hatten Bewaffnete ein Gästehaus im Zentrum von Kabul angegriffen, in dem zwei Dutzend Wahlbeobachter der Uno wohnten. Bei einem stundenlangen Feuergefecht wurden fünf ausländische Uno-Leute, ein amerikanischer Wachmann und mehrere Afghanen getötet. Uno-Chef Ban Ki Moon hatte danach zwar von einem "schwarzen Tag" für die Organisation gesprochen, aber zugleich betont, die Arbeit der Vereinten Nationen werde weitergeführt.

Genau dies erscheint nun durch die aktuelle Entscheidung fraglich. Gebetsmühlenartig wiederholten Uno-Leute und andere Diplomaten, der Abzug des Personals sei nur befristet. Es gehe darum, die Sicherheitsmaßnahmen für die Unterbringung der Mitarbeiter zu überprüfen und baulich zu verbessern. Spätestens nach drei oder vier Wochen sollen die Mitarbeiter dann zurückkehren. Ob die Uno ihre Leute künftig weiter in rund 90 über die Stadt verteilten Gästehäusern unterbringen wird, ist unklar.

Erinnerungen an den Irak

Der Abzug einer so großen Zahl von Mitarbeitern wirkt reichlich überhastet für eine reine Überprüfung der Sicherheitsmaßnahmen. Die Entscheidung, die laut Uno-Kennern aus New York angeordnet worden war, wirkt fast so fatal wie der Rückzug der Uno aus dem Irak im Jahre 2003. Damals waren bei einer Bombenexplosion vor dem Hauptquartier Dutzende Uno-Leute getötet worden.

Die Angst der Uno vor weiterer Gewalt ist augenscheinlich größer, als die Sorge, mit dem Abzug ein falsches Signal auszusenden. Die Sicherheitsabteilung hat die Pamphlete der Taliban aufmerksam gelesen, in denen die Uno kürzlich als verlängerter Arm der Imperialmacht USA bezeichnet wurde. Vor allem die Mitwirkung an den Wahlen, die aus Sicht der Taliban eine US-Show zur Bestätigung der aus Washington gesteuerten Marionette Hamid Karzai ist, mache die Uno und alle ihre Mitarbeiter zum legitimen Ziel für die Aufständischen, hieß es darin.

Zusammen mit der professionellen Ausführung der letzten Attacke erschien den Uno-Experten die aktuelle Gefährdung einfach zu groß. Ein weiterer tödlicher Anschlag, das wissen auch die Chefstrategen der Vereinten Nationen, würde die Arbeit der Organisation schnell unmöglich machen.

Neben der Angst vor den Taliban herrscht bei der Uno ein tiefes Misstrauen gegenüber der Regierung und den Sicherheitsorganen von Hamid Karzai. Noch immer gibt es viele Fragen zu dem Überfall auf das Gästehaus, zum Beispiel wie die Angreifer über ein Nachbarhaus in den Hof der Herberge gelangen konnten. Oder woher sie wussten, dass sich ausgerechnet in diesem Haus sehr viele an der Wahlorganisation beteiligte Uno-Leute befanden.

Ein tiefer Graben zwischen der Uno und Karzai

Dass die afghanische Polizei möglicherweise an den Attacken beteiligt war oder es zumindest in ihren Reihen Informanten gibt, die den Taliban bei ihren Anschlägen helfen, gilt in Kabul als offenes Geheimnis. Deswegen wurden in den letzten Tagen hochrangige Uno-Leute bei Karzai vorstellig und forderten einen besseren Schutz ihrer Mitarbeiter. Ob sie dem Präsidenten, dem die Uno beinahe eine ärgerliche Neuwahl abpresste, noch trauen können, bezweifeln einige.

Auch die Worte des Gesandten Kai Eide dürften den tiefen Graben zwischen dem Karzai-Establishment und der Uno nicht verkleinern: Am Tag der symbolischen Entscheidung ging Eide so weit, Karzai indirekt zu erpressen. Es gebe die Einstellung, die Staatengemeinschaft werde wegen der strategischen Bedeutung des Landes ihr Engagement niemals einstellen. "Das ist nicht korrekt", so Eide. Das Bild von Afghanistan entscheide, ob man weitermache oder nicht.

Die Drohungen der Taliban und der zunehmende Druck auf die Regierung von Karzai, die von den USA noch wesentlich härter bedrängt und ebenfalls mit einem möglichen Abzug der Truppen erpresst wurde, wird die Arbeit der Uno in Afghanistan in den kommenden Monaten sehr schwer machen. Um ihre Leute so gut es geht zu schützen, erwägen die Sicherheitsexpeten nun sogar, alle Mitarbeiter in einer massiv geschützten Einrichtung außerhalb Kabuls unterzubringen.



insgesamt 94 Beiträge
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Geziefer 02.11.2009
1. Der Bürgermeister von Kabul
So, nun ist er also inthronisiert, der Bürgermeister von Kabul. Denn mehr ist er nicht und mehr Macht hat er nicht. Lasst ihn seinen Job machen. Und lasst in vielen, vielen kleinen Dörfern und Städten Bürgermeister wählen, Patriarchen, die was tun wollen für ihr Dorf. Das Land von unten aufbauen, das wäre doch was. Wie schrieb schon im Februar dieses Jahres unter der Überschrift "Vergesst den Sieg!" Andrea Böhm in der Zeit unter anderem: "Dass hier unter westlicher Anleitung ein demokratischer Zentralstaat geschaffen werden kann, glaubt keiner mehr, am allerwenigsten erwarten es die Afghanen selbst. Der Anspruch war von Anfang an vermessen und in Anbetracht des unzureichenden und chaotischen zivilen Aufbaus auch verlogen. Afghanistan ist ein fragmentiertes Land. Jedes Dorf ist sich sein eigener Staat. Es ist kein Zufall, dass das wohl erfolgreichste Aufbauprogramm in den Händen von 20000 gewählten Lokalräten liegt, die mit Kleinkrediten den Wiederaufbau ihrer Gemeinden betreiben. Hier ein Bewässerungskanal, dort eine Krankenstation oder eine Stromleitung. Kleine, in unseren Augen lächerlich kleine und politisch interessante Fortschritte. So lächerlich, dass erst jetzt, nach sieben Jahren Intervention, der Gedanke politisch salonfähig wird: Womöglich ist das der einzig denkbare Anfang für einen »Staatsaufbau«. Dorf für Dorf, Gemeinde für Gemeinde, zumindest dort, wo es die Sicherheitslage erlaubt. Die Entwicklungshelfer, die in Afghanistan übrigens mindestens so gefährlich leben wie die Bundeswehrsoldaten, wissen das schon lange."
sysiphus, 02.11.2009
2. lol
Zitat von sysopDie afghanische Wahlkommission hat die für kommenden Samstag geplante Präsidentenstichwahl abgesagt. Hamid Karzai hatte zuvor angekündigt, allein antreten zu wollen - nachdem sein Konkurrent Abdullah Abdullah seinen Verzicht erklärt hatte. Bringt Karzai Stabilität für Afghanistan?
Diese Frage kann ja wohl nur ein Scherz sein. Der "Bürgermeister von Kabul" wird vermutlich so enden wie sein früherer Amtsvorgänger Najibullah.
Gandhi, 02.11.2009
3. Wie denn?
Zitat von sysopDie afghanische Wahlkommission hat die für kommenden Samstag geplante Präsidentenstichwahl abgesagt. Hamid Karzai hatte zuvor angekündigt, allein antreten zu wollen - nachdem sein Konkurrent Abdullah Abdullah seinen Verzicht erklärt hatte. Bringt Karzai Stabilität für Afghanistan?
With more of the same?
spieglfechter 02.11.2009
4.
Zitat von sysopDie afghanische Wahlkommission hat die für kommenden Samstag geplante Präsidentenstichwahl abgesagt. Hamid Karzai hatte zuvor angekündigt, allein antreten zu wollen - nachdem sein Konkurrent Abdullah Abdullah seinen Verzicht erklärt hatte. Bringt Karzai Stabilität für Afghanistan?
Klar doch - Karzai bringt mindestens so viel Stabilität für Afghanistan wie Ngo Dinh Diem (http://original.antiwar.com/justin/2009/10/29/karzai-as-diem/) für Vietnam brachte ...
Viva24 02.11.2009
5. Warum ist die Bundeswehr in Afghanistan? Für Karzai??
Sicherlich nicht um die Demokratie in Afghanistan zu verteidigen, oder ?. Hier regieren Banditen und Drogenhändler!. Wir sollten unsere Armee sofort abziehen!
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