Templin Staatsanwaltschaft erhebt Mordanklage gegen Neonazis

Die brutale Tat hatte bundesweit Aufsehen erregt: Vier Monate nach dem Mord an einem Obdachlosen in Templin hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen zwei Männer aus der rechtsextremen Szene erhoben.


Neuruppin/Templin - Die Ermittlungsbehörde wirft den 19- und 22-jährigen Männern vor, ihr Opfer aus niedrigen Beweggründen durch massive Gewalteinwirkung gegen den Kopf getötet zu haben. Dies teilte die Staatsanwaltschaft Neuruppin am Donnerstag mit. Der Mord an dem 55-jährigen Obdachlosen vor vier Monaten in Templin in der Uckermark hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt.

Tatort Templin: In dieser alten Tischlerwerkstatt sollen die jungen Männer den Obdachlosen getötet haben
DPA

Tatort Templin: In dieser alten Tischlerwerkstatt sollen die jungen Männer den Obdachlosen getötet haben

Beide Tatverdächtige sitzen in Untersuchungshaft und sind nach Angaben der Anklagebehörde bereits wegen gefährlicher Körperverletzung vorbestraft. Sie sollen die Tat begangen haben, nachdem ihre Restfreiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt worden war.

Die Ermittler sehen das Motiv für die Tat in erster Linie in der rechtsextremen Gesinnung der Beschuldigten. Sie hätten ihr Opfer aus sozialen Gründen als "minderwertig" eingestuft, hieß es in der Mitteilung der Anklagebehörde. Vor dem tödlichen Übergriff sollen die Tatverdächtigen und das Opfer gemeinsam Alkohol getrunken haben. Die jungen Männer sind wegen gemeinschaftlichen Mordes angeklagt. Dem 19-Jährigen wird zudem das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen zur Last gelegt. Er soll rechtsradikale Parolen gerufen haben.

Nur kurze Zeit nach dem Mord an dem 55-jährigen Mann wurde in Templin ein 16-Jähriger brutal misshandelt und schwer verletzt. Auch der in diesem Fall Tatverdächtige gehört der rechten Szene an. Er soll dem bereits am Boden liegenden Opfer mit dem Fuß auf den Kopf getreten haben.

Nach den Übergriffen war die Stadt Templin in die Kritik geraten, da Bürgermeister Ulrich Schoeneich (parteilos) von einer rechten Szene in dem idyllischen Kurort zunächst nichts wissen wollte. Vertreter von Politik, Kirche und Opferverbänden forderten mehr Zivilcourage und Einsatz gegen Rechtsextremismus.

Die Stadtverwaltung fühlte sich missverstanden, unterstützte dann aber Initiativen gegen Rechts und gründete eine Arbeitsgruppe. An einem Benefizkonzert zum Gedenken an das 55-jährige Mordopfer nahmen rund 250 Bürger teil. Stadtverordnete trafen sich mit Vertretern von Polizei und Verfassungsschutz. Jugendliche organisierten ein Fest der Demokratie.

2002 war im etwa 35 Kilometer entfernten uckermärkischen Potzlow ein 16-Jähriger von zwei Rechtsextremisten in einem Schweinestall bestialisch zu Tode gequält und anschließend in einer Jauchegrube versenkt worden.

phw/dpa/AFP



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