Terror-Alarm in Deutschland Zugriff vor dem tödlichen Knall

So viele Menschen wie möglich umbringen: Das war das Ziel der drei Terrorverdächtigen von Oberschledorn. In Pakistan lernten sie das tödliche Handwerk - in Deutschland wollten sie Bomben mit furchtbarer Sprengkraft zünden. In einer der größten Polizeiaktionen der Nachkriegsgeschichte flog die Zelle auf.

Berlin – Das Haus, aus dem der Tod kommen sollte, wirkt von außen mehr als unscheinbar. Ein perfektes Versteck.

Geduckt steht das kleine Einfamilienhaus mitten an der Eichenstraße im nordrhein-westfälischen Oberschledorn. Vor der Front lagert Holz für den Kamin, nichts fällt auf. Die Bewohner der Straße sind an Fremde gewöhnt. Seit Jahren wird das Haus an Touristen vermietet, meist aus den nahen Niederlanden.

Folglich wunderte sich niemand, als vor einigen Tagen drei junge Männer vorfuhren und ihre Sachen ins Haus schleppten. Dass sie später ein blaues Fass mit Chemikalien in das Haus schleppten, sah keiner. Vermutlich trugen die Männer den auffälligen Kanister in der Nacht hinein.

Erst am Mittwochmorgen erfuhren die Einwohner von Oberschledorn, was sich ganz in ihrer Nähe abgespielt hatte.

Es war Dienstag gegen 14.30 Uhr, als plötzlich Dutzende zivil gekleidete BKA-Beamte und ein Trupp der Elite-Einheit GSG9 das Gelände lautlos stürmten - und schließlich die drei jungen Männer festnahmen. Wieso, blieb noch ein paar Stunden im Dunkeln. Erst am Mittwochvormittag erfuhr der Ort, dass in der Nachbarschaft eine oder mehrere Bomben für einen Terrorschlag von radikalen Islamisten zusammengesetzt werden sollten.

Am Mittwoch waren in der Eichenstraße nur noch einige Spurensicherer zu sehen, die Ruhe war zurückgekehrt.

Fernab der Kleinstadt herrschte Erleichterung: Nacheinander gingen die Spitzen der deutschen Sicherheitsbehörden vor die Presse, waren voll des Lobes für ihre Ermittler. Nur durch den unermüdlichen Einsatz von Hunderten Fahndern über mehr als sechs Monate sei es möglich gewesen, einen schweren Terror-Anschlag in Deutschland zu verhindern, sagte Jörg Ziercke, Chef des Bundeskriminalamts (BKA). Es sei ein "guter Tag für die Sicherheit", stellte Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) wenig später fest.

Ein hochrangiger Beamter in Berlin formulierte die Nachricht des Tages etwas anders: "Wir haben in diesem Fall Glück gehabt", sagte der erfahrene Terror-Jäger. "Jetzt müssen wir schauen, ob es nicht noch weitere solcher Gruppen hier gibt."

Was in den sechs Monaten zuvor ablief, war einer der größten Polizeiaktionen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Seit die Fahnder von den deutschen und ausländischen Geheimdiensten über die Gruppe des 28-jährigen deutschen Konvertiten Fritz G. aus Ulm, seines 22-jährigen deutschen Freundes Daniel S. aus Saarbrücken und dem Türken Adem Y. aus Langen erfahren hatten, waren sie wie elektrisiert.

Alle drei waren als Islamisten bekannt. Alle drei waren zuvor in Trainings-Camps in Pakistan gewesen. Als Fritz G. schließlich am Silvestertag 2006 mit einem anderen Verdächtigen die US-Basis Hutier in Hanau mit dem Auto auffällig genau beobachtete, reifte der Verdacht, er könnte einen Terror-Anschlag planen.

Seitdem waren die Fahnder der Gruppe von Fritz G. auf den Fersen. Im März 2007 eröffnete die Bundesanwaltschaft ein Verfahren – zunächst gegen unbekannte Mitglieder der "Islamic Dschihad Union", zu der die drei Männer per E-Mail Kontakt hielten.

Die Verdächtigen höhnten noch in E-Mails, die Behörden hätten gar nichts gegen sie in der Hand

Stets beobachtete ein Observationsteam alle Bewegungen, Telefone waren angezapft, der E-Mail-Verkehr wurden überwacht. Stets mussten die Teams wechseln, um nicht entdeckt zu werden. Außerdem hatten sie es mit einer Gruppe zu tun, die äußerst konspirativ agierte. Telefoniert wurde kaum noch, die E-Mails waren durch eine Code-Sprache verschlüsselt.

Es war schwierig. Doch die Ermittler blieben dran – auch als die Verdächtigen begannen, flüssige Chemikalien zu kaufen.

Jetzt wussten die Fahnder, dass ihr Verdacht richtig war. Wie im Handbuch des Terrors, mittlerweile im Internet leicht verfügbar, wollten die jungen Männer aus Wasserstoffperoxid eine Bombe bauen.

Ähnliches hatte schon in London und Madrid geklappt, wo die Täter die legal zu erwerbende Chemikalie konzentriert hatten. In London hatte im Juni 2006 jeder der vier Bomber vier oder fünf Kilo des Gemischs im Rucksack.

Doch Fritz G. und seine Truppe hatten offenbar Größeres vor: Bei einem Chemie-Großhandel in Hannover erstanden sie zwölf blaue Fässer mit 730 Kilogramm der Flüssigkeit mit einem Gehalt von 35 Prozent. Nach der Konzentrierung hätte daraus Sprengstoff mit der Kraft von 540 Kilo TNT entstehen können.

"Die haben doch nichts gegen uns in der Hand"

Der tödliche Plan der Gruppe waren nach Einschätzung der Ermittler gleich mehrere Autobomben, jedenfalls besorgten sie sich mehrere militärische Zünder und Zubehör für eine Fremdzündung. Per E-Mail redeten sie über mögliche Ziele.

Mal waren es Flughäfen, dann wieder Diskotheken, dann US-Einrichtungen wie die Basis in Ramstein. Richtig geeinigt hatten sich die jungen Männer noch nicht - oder die Behörden hatten trotz aller Beobachtung die Codes nicht richtig verstanden. An der Bombe arbeiteten sie intensiv, mieteten eine Garage in Freudenstadt im Schwarzwald, wo sie die blauen Fässer unterbrachten. Sie verhielten sich immer konspirativer.

Beteiligte Ermittler waren schockiert über die Kaltschnäuzigkeit der Zelle. Selbst als im Mai 2007 recht konkrete Zeitungsartikel über die Gruppe, den Bezug nach Pakistan und das deutsche Ermittlungsverfahren erschienen, agierte sie weiter – nur noch unauffälliger. Auch eine Durchsuchung bei Fritz G. brachte ihn nicht von ihrem Plan ab. Höhnisch raunten sie sich in ihren scheinbar unverdächtigen E-Mails zu, die Behörden hätten nichts gegen sie in der Hand.

Das stimmte zwar, doch untätig sahen die Fahnder dem Treiben nicht zu. Im Juli tauschten sie klammheimlich in Freudenberg die Chemiefässer aus. Statt 35 Prozent Wasserstoffperoxid hatten die Verdächtigen nun nur noch dreiprozentige Chemikalien in den Fässern.

Die riskante Rochade in Freudenstadt blieb unentdeckt. Die Männer machten weiter. Im August mieteten sie das kleine Haus in Nordrhein-Westfalen, kauften in Dortmund weitere Technik für die Zünder ein. Das BKA war stets dabei.

Selbst als sie vor einigen Tagen in eine Routinekontrolle der Polizei kamen, dachten sie sich zunächst nichts. Erst als sie in Oberschledorn eingerichtet waren, eines der blauen Fässer nach Nordrhein-Westfalen gebracht hatten, müssen ihnen erste Zweifel gekommen sein. Man könne entdeckt worden sein, sagte einer aus der Gruppe. Die Zelle beschloss die Verlegung der konspirativen Werkstatt. Jetzt wurden auch die Fahnder unruhig. Die Gefahr, die Gruppe aus den Augen zu verlieren, war zu groß und der Zugriff wurde beschlossen.

Angst vor den Rückkehrern aus Pakistan

Die Details zu der Gruppe sollen nun die weiteren Ermittlungen klären. Noch immer wird auch gegen andere Verdächtige aus der Gruppe ermittelt, mindestens fünf Männer sollen es noch sein. In den kommenden Tagen wird sich zeigen, welche Rolle diese Personen bei dem Plot spielen sollten.

Neben aller Erleichterung und dem berechtigten Lob für die Ermittler sorgt sich die Bundesregierung schon um das nächste Problem - um jene, die vielleicht nicht so schnell entdeckt werden. "Wir haben hier eine Gruppe gesehen, die sehr konspirativ vorgeht", sagt ein Beamter aus dem Innenministerium. "Doch was wäre passiert, wenn wir sie nicht am Anfang entdeckt hätten?"

Die Experten sind gerade wegen der Charakteristika der Zelle beunruhigt. Ihre Mitglieder waren allesamt in der sogenannten Gefährder-Datei - von dieser Klasse gibt es noch mindestens 300 Menschen in Deutschland.

Auch andere Eigenheiten der nun ausgehobenen Zelle kommen den Terrorfahndern bekannt vor. Alle drei wurden in Pakistan ausgebildet und radikalisiert - solche Personen kennen die Ermittler aus ihren Akten zu genüge.

Allein in den vergangenen Monaten wurden sieben Personen aus der deutschen islamistischen Szene in Pakistan festgenommen. Teilweise wurden sie abgeschoben, teilweise sitzen sie noch in Islamabad in Haft.

Außer den sieben aber gibt es mindestens noch sechs weitere, die sich in den vergangenen Monaten auf die Reise gemacht haben. Bei ihrer Rückkehr werden die Sicherheitsbehörden sehr genau hinsehen, was sie in Deutschland vorhaben.