Terror-Ermittlungen "9/11-Anschläge nicht in Hamburg geplant"

Laut Verfassungsschutz-Präsident Fromm sind die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon nicht in Deutschland geplant worden. Die Hamburger Studenten Atta, al-Shehhi und Jarrah hätten frühestens Ende 1999 bei einem Aufenthalt in einem Terrorcamp Bin Ladens von ihren Aufgaben erfahren.


Das verheerende Attentat wurde in Afghanistan geplant
DDP

Das verheerende Attentat wurde in Afghanistan geplant

Hamburg - Im Hamburger Prozess gegen den Marokkaner Abdelghani Mzoudi sagte Verfassungsschutz-Präsident Heinz Fromm, die mutmaßlichen Flugzeugentführer Mohammed Atta, Marwan al-Shehhi und Ziad Jarrah hätten nach den Erkenntnissen seines Amtes zwar in Hamburg studiert und eine Gruppe militanter Islamisten um sich geschart, doch für die Anschläge vom 11. September 2001 seien sie erst Ende 1999 bei einem Aufenthalt in Afghanistan von al-Qaida rekrutiert worden.

Die drei seien nach Afghanistan gefahren, um sich von der Terrororganisation Osama Bin Ladens militärisch ausbilden zu lassen. Sie hätten sich am "Heiligen Krieg" beteiligen wollen, sagte Fromm in dem Prozess. Von der Planung der Anschläge auf das Pentagon und die Türme des World Trade Center hätten sie erst dort erfahren.

In dem Prozess wirft die Bundesanwaltschaft dem Marokkaner Mzoudi vor, Beihilfe zum Mord in mehr als 3000 Fällen begangen zu haben und einer terroristischen Vereinigung anzugehören. Nach Angaben Fromms beantragte Mzoudis Verteidigung eine Aufhebung des Haftbefehls, weil die Anklage gegen ihn davon ausgehe, dass die Anschläge in Hamburg geplant worden seien.

Mzoudi soll - wie sein im Februar verurteilter Freund Mounir al-Motassadeq - zu der Gruppe um Atta in Hamburg gehört und von der Planung der Anschläge gewusst haben. Die Gruppe habe sich "spätestens im Frühsommer 1999 entschlossen", aktiv am "Heiligen Krieg" teilzunehmen und den Plan entwickelt, "durch Anschläge mit entführten Flugzeugen Tausende von Menschen zu töten", heißt es in der Anklage der Bundesanwaltschaft.

Fromm dagegen sagte, Atta, al-Shehhi und Jarrah hätten ursprünglich geplant gehabt, in Tschetschenien gegen Russland zu kämpfen. Ende 1999 hätten sie jedoch ihr Vorhaben geändert. Statt nach Tschetschenien seien sie nach Afghanistan geflogen. Die Entscheidung, sich an den Attentaten vom 11. September zu beteiligen, sei erst dort gefallen.

Zusammen mit dem in den USA inhaftierten Ramzi Binalshibh seien sie von al-Qaida "für ihre Zwecke rekrutiert worden, weil sie Englisch konnten und sich in der westlichen Welt auskannten".

Fromm sagte aus, die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes beruhten auf "offenen Quellen" und nachrichtendienstlicher Arbeit. Außerdem hätten Bin Ladens Stellvertreter Scheich Mohammed und Ramzi Binalshibh im Sommer 2002 in einem Interview mit dem arabischen TV-Sender al-Dschasira gesagt, die Anschläge seien in Afghanistan geplant worden und auch die Rekrutierung der Attentäter sei dort erfolgt.

Das Interview werde von den Nachrichtendiensten international als glaubwürdig eingeschätzt, sagte Fromm. Zudem hätten die mutmaßlichen Attentäter der Hamburger Gruppe vor Ende 1999 keine Aktivitäten unternommen, die auf einen Anschlag in den USA hindeuteten. "Wir wissen nichts davon", sagte der Verfassungsschutz-Präsident und erklärte, diese Erkenntnisse seien auch schon im Bericht des Verfassungsschutzes für 2002 formuliert. Fromm war von dem Hamburger Gericht als Zeuge vorgeladen worden, weil er entsprechende Angaben über den Ort der Attentatsplanung in einem Zeitungsinterview gemacht hatte.

Nach Ansicht von Mzoudis Rechtsanwalt Michael Rosenthal stehen die Angaben des Verfassungsschutz-Präsidenten der Anklage "diametral entgegen". "Die Aussage hat die Anklage in keinem Punkt bestätigt", sagte Rosenthal zu Fromms Auftritt. Bundesanwalt Walter Hemberger wies den Antrag zurück. "Es gibt keinen Widerspruch zur Anklage", sagte Hemberger. Wann das Gericht eine Entscheidung darüber treffen wird, ist noch offen.



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