Festnahme nach Anschlägen auf ICE-Züge Codename "Trasse"

Mit Stahlseilen über Bahnstrecken und Manipulationen an Gleisen wollte der Iraker Qaeser A. wohl schwere Unfälle herbeiführen. Am Montag nahmen ihn Spezialkräfte in Wien fest. Wer ist der Mann?

Daniel Karmann/ DPA

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Mit ernster Miene schaut Qaeser A. in die Kamera. Anfang November steht er im Sicherheitsbereich eines Fußballstadions und schießt ein Selfie, über seinem Hemd trägt er die gelbe Weste einer Securityfirma. Was die Fans auf den Rängen hinter ihm zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen: Für die Sicherheit von Menschen interessierte sich der Iraker womöglich nicht besonders. Und wenn sich bestätigen sollte, was die Ermittlungsbehörden annehmen, hat A. nur vier Wochen zuvor Hunderte Menschen erheblicher Gefahr ausgesetzt. Da soll der Iraker seinen ersten Anschlag auf eine ICE-Bahnstrecke verübt haben.

Ein damals unbekannter Täter hatte in der Nähe von Nürnberg ein Stahlseil zwischen zwei Oberleitungen angebracht und mit metallverstärkten Holzkeilen auf den Schienen versucht, einen Zug entgleisen zu lassen. Der ICE raste durch die Hindernisse, es entstand ein Sachschaden, verletzt wurde niemand. Einige Wochen später dann ein neuer Fall in Berlin. Wieder versuchte ein Täter, einen ICE mit ähnlichen Konstruktionen zum Entgleisen zu bringen, wieder entgingen die Passagiere einem Unglück nur knapp. Die Anschlagsversuche sorgten für Aufsehen, in beiden Fällen fanden Ermittler Drohschreiben in arabischer Sprache, in Berlin zudem eine Flagge der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS).

Nach SPIEGEL-Informationen wurden dem Täter nun unter anderem DNA-Spuren zum Verhängnis, die er an beiden Tatorten hinterlassen hatte. Monatelang ermittelten Fahnder aus Bayern und Berlin in der gemeinsamen Sonderkommission "Trasse". Am Montag verhaftete eine Spezialeinheit der österreichischen Polizei schließlich den Tatverdächtigen in Wien: Qaeser A.

Wie österreichische Behörden bekannt gaben, hat A. in Vernehmungen die Taten bereits eingeräumt, zudem scheint die Beweislage erdrückend. Neben den DNA-Spuren erhärten weitere kriminaltechnische Untersuchungen der Drohschreiben und Gegenstände, die in der Nähe der Gleise gefunden wurden, den Verdacht gegen Qaeser A. Auch konnten Ermittler seine Reisewege rekonstruieren. Am Tag des Anschlags im Dezember auf den ICE in Berlin fuhr der Iraker nach SPIEGEL-Informationen mit einer Mitfahrgelegenheit in die Hauptstadt. Am selben Tag reiste er mit einem Flixbus wieder zurück nach Österreich.

Trotzdem bereitet der Fall Polizei und Staatsanwaltschaft noch Arbeit, besonders das Motiv des Tatverdächtigen ist bisher nicht eindeutig geklärt. Denn trotz der aufgefundenen islamistischen Propagandaschriften scheint A. kaum Bezüge zum IS zu haben. Das werde auch in den Vernehmungen deutlich, sagt ein mit dem Fall vertrauter Fahnder. "Er wirkt nicht wie ein glühender IS-Anhänger", so der Beamte.

Bisher tauchte er in den Akten der Ermittler nicht auf

"In seinen Vernehmungen hat er nach meiner vorläufigen Kenntnis ausgesagt, dass er die Taten allein ausgeführt und ein Exempel habe statuieren wollen", sagte sein Verteidiger, der Wiener Rechtsanwalt Wolfgang Blaschitz, dem SPIEGEL. "Offenbar hegt er aus mir bislang unbekannten Gründen einen Groll gegen die deutsche Regierung. Er ist in der Vergangenheit nicht als Islamist aufgefallen und beteuert, keinen Kontakt zu Terrororganisationen zu haben", so Blaschitz.

Dass die Tat wahrscheinlich nicht durch eine Terrororganisation gesteuert wurde, vermutete auch das Bundeskriminalamt (BKA) bereits nach dem ersten Anschlag auf den ICE in Bayern. In einem vertraulichen Vermerk notierten die Beamten damals das Ergebnis einer islamwissenschaftlichen Analyse des aufgefundenen Drohschreibens. Möglich erscheine die Annahme, "dass es sich bei dem Täter oder den Tätern um eigeninitiativ handelnde Personen aus dem dschihadistischen Spektrum handelt". Es sei aber auch möglich, dass eine solche Motivlage lediglich vorgetäuscht wurde, so das BKA.

Nach der Festnahme von Qaeser A. könnte sich die Einschätzung nun bewahrheiten. Denn A., der vor einigen Jahren als Flüchtling nach Österreich gekommen sein soll, entspricht auch nicht dem klassischen Muster sogenannter Einsamer-Wolf-Attentäter: junger, radikalisierter Männer ohne Halt, die häufig kriminelle Karrieren hinter sich haben und den Behörden bereits als Extremisten bekannt sind.

Bisher führte er ein unscheinbares Leben in Wien

Qaeser A. kannten vor seinen mutmaßlichen Attacken gegen die ICE-Züge weder Polizei noch Geheimdienste. Der Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma lebte unauffällig mit seiner Ehefrau und vier Kindern in einer Wiener Hochhaussiedlung. Mögliche Hinweise auf eine extremistische Gesinnung ergeben sich lediglich aus seinem Facebook-Profil. Dort präsentiert er sich als Anhänger des irakischen Diktators Saddam Hussein und teilt Videos islamistischer Prediger.

Die deutschen Behörden wollen ihn in der Bundesrepublik vor Gericht stellen. Doch auch Österreich zeigt Interesse, Qaeser A. den Prozess zu machen. Bislang ist unklar, wo das Verfahren stattfinden wird. Nur A. selbst hat laut Verteidiger Blaschitz klare Präferenzen: "Mein Mandant möchte auf keinen Fall nach Deutschland ausgeliefert werden."



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