Münchhausen-Check Gibt es eine "Lügenpresse"?

Der Umgang mit den Bildern vom Pariser Marsch der Mächtigen belege, dass das Wort "Lügenpresse" nicht nur ein Hirngespinst der Pegida-Anhänger sei, meint "taz"-Chefin Pohl. Die SPIEGEL-Dokumentation machte den Faktencheck. Hat sie Recht?
Von Hauke Janssen
Staats- und Regierungschefs aus aller Welt beim Pariser Trauermarsch

Staats- und Regierungschefs aus aller Welt beim Pariser Trauermarsch

Foto: ERIC FEFERBERG/ AFP

Das "Unwort des Jahres" 2014 heißt "Lügenpresse". Dieses Schlagwort, so die Begründung , sei "bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff" gewesen "und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien".

Wie nicht anders zu erwarten, begrüßten Medienverbände und Journalisten diese Entscheidung. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) erklärte, das Wort werde von Menschen gebraucht, die weder mit objektiver Berichterstattung noch mit Pressefreiheit etwas anfangen könnten.

Aber es gab auch selbstkritische Kommentare. Die Chefredakteurin der "taz", Ines Pohl, sagte: "Leider belegt der Umgang mit den Bildern des Pariser Marsches der Mächtigen, dass das Wort 'Lügenpresse' nicht nur ein Hirngespinst der Pegida-Anhänger ist, sondern dass die Wirkung der Bilder - übrigens auch für deutsche Medienmacher - manchmal wichtiger ist als die Dokumentation der Realität".

Daran knüpften weitere Medienkritiker an. Die französische Tageszeitung "Le Monde" , so der Blogger Stefan Niggemeier , habe gezeigt, dass die Staats- und Regierungschefs beim großen "Republikanischen Marsch" in Paris den Zug gar nicht angeführt hätten, wie man es aufgrund der Berichte und Bilder in vielen deutschen Medien glauben mochte. Sie waren nicht wirklich Teil der Menschenmenge; vor und hinter ihnen war die Straße offenbar abgesperrt.

Politiker bei Pariser Gedenkmarsch: Von der Menge getrennt

Politiker bei Pariser Gedenkmarsch: Von der Menge getrennt

Foto: ERIC FEFERBERG/ AFP

Niggemeier: "Ich kann verstehen, dass Menschen das ärgert, wenn sie das erfahren. Wenn sie Grund haben anzunehmen, dass Journalisten ihnen etwas vormachen und Komplizen bei einer Inszenierung sind, anstatt diese Inszenierung kenntlich zu machen." Denn es sei nicht "die Aufgabe von Journalisten, den Aufmarsch von mehreren Dutzend Staats- und Regierungschefs durch eine geschickte Wahl der Perspektive besonders eindrucksvoll wirken zu lassen. Die 'Tageschau' und andere Medien hätten uns über die genauen Umstände der versendeten Bilder informieren müssen."

ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke platzte daraufhin der Kragen : Der Vorwurf der Inszenierung sei eine "wilde Verschwörungstheorie" und "kompletter Unfug". Später bedauerte er seine Wortwahl , blieb in der Sache aber hart.

Denn, so antwortete Gniffke der Kritik*, die Staats- und Regierungschefs seien auf der gleichen Route marschiert, auf der sich die nachfolgenden Menschenmassen auch bewegt hätten. Den dabei eingehaltenen Sicherheitsabstand hätten die Zuschauer in der Nachmittagsübertragung im "Ersten" sehen können, allerdings nicht, so gibt Gniffke zu, in dem Bericht in der Tagesschau um 20 Uhr, "weil es diesen Sicherheitsabstand bei jedem Auftritt von so vielen Staatschefs gibt". Das sei "normal". Daraus einen "Manipulationsvorwurf" zu konstruieren, hält er für unangemessen".

Die Diskussion über diesen Punkt hält noch an.

Mit Merkel - ohne Merkel

Währenddessen ergaben sich weitere Merkwürdigkeiten bei der Berichterstattung über den Pariser Trauermarsch: "Zeitungen strenggläubiger Juden", so lasen wir zum Beispiel in der "FAZ" , zeigten keine Fotos von Frauen. Sie halten solche Aufnahmen für unzüchtig. Deshalb sahen sich "zwei ultraorthodoxe Zeitungen" veranlasst, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel wegzuretuschieren. "Statt Angela Merkel lief nun der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas neben dem französischen Staatschef Francois Hollande."

Foto: GPO/ Haim Zach

So erschien dieselbe Aufnahme in der ultraorthodoxen Zeitung "Hamodia" (Der Verkünder), Auflage 25.000:

Foto: The Announcer

Beispiele manipulierter Pressebilder zu finden, ist nicht schwer. Vieles ist eher kosmetisch - etwa, wenn man Bilder aus Bayreuth zwar nicht um die Kanzlerin, aber um deren Schwitzflecken bereinigt.

Auch die "taz" gerät zuweilen in Manipulationsverdacht. Als etwa der 20-jährige Jonny K von einer Gruppe junger Männer mitten in Berlin totgeprügelt wurde, berichteten viele Medien, die Täter hätten ein "südländisches Aussehen" gehabt.

In der "taz" fehlt dieser Hinweis . Die Staatsanwaltschaft aber hatte tatsächlich "Hinweise auf eine vermutlich türkische Herkunft der Täter". Ist es diskriminierend, gar rassistisch, diesen Umstand zu erwähnen, fragte sich die "taz" später selbstkritisch . Und antwortete: "Besser: Man sagt, wie es ist."

Alle geschilderten Fälle haben eines gemeinsam: Sie kamen ans Licht und wurden dann - oft kontrovers - diskutiert, eingeordnet und wenn nötig richtiggestellt, und zwar, das ist unser Argument, von unseren Medien selbst - zu denen im Übrigen nicht nur "Tagesschau", "taz" oder SPIEGEL, sondern natürlich auch Blogger und Publizisten zählen.

Das System lebt und funktioniert

Die Wächterfunktion der Presse in einer offenen Gesellschaft liegt nicht darin, dass jede Meldung eines jeden Blattes immer richtig und politisch absichtslos ist. Wer glaubte denn das? Subjektive Wahrnehmungen und Verzerrungen, auch Lügen und Manipulationen kommen (leider) immer wieder vor. Und natürlich passieren auch Fehler, weil Redakteure nicht genau genug hinschauen.

Kein Medium hat die Wahrheit gepachtet. Diesen Anspruch erheben nur die Zentralorgane autoritärer Staaten, die dann sinnigerweise auch "Prawda" oder ähnlich heißen. Das Ergebnis ist bekannt.

Das Prinzip der Pressefreiheit gründet vielmehr auf der Überzeugung, dass eine freie Berichterstattung die beste Garantie dafür bietet, dass die Wahrheit am Ende schon herausgebracht wird. Und sollte sich beispielsweise die "Tagesschau" verirren, dann sind ganz schnell die lieben Kollegen da, um ihr auch den kleinsten Fehler genüsslich und hochtrabend vorzuhalten, ganz so wie wir es jetzt erleben.

Fazit: Die Berichterstattung über den Pariser Marsch belegt nicht die Realität einer "Lügenpresse", sondern sie zeigt, dass das System lebt und funktioniert.

*Anmerkung der Redaktion, 21 Uhr: Stefan Niggemeier weist auf Twitter zu Recht daraufhin , dass Gniffke nicht ihm geantwortet hat, sondern umgekehrt.

Mitarbeit: Jörg-Hinrich Ahrens und Malte Zeller