Terror-Opfer "Aufarbeitung scheint für die RAF nicht zu gelten"

Wer hat meinen Vater ermordet? Viele Angehörige von RAF-Opfern suchen bis heute eine Antwort auf diese Frage. Anne Siemens hat zahlreiche Hinterbliebene gesprochen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht sie über deren Gefühle und das Unvermögen der Mörder, sich zu ihren Taten zu bekennen.


SPIEGEL ONLINE: Frau Siemens, in Ihrem Buch "Für die RAF war er das System, für mich der Vater" haben Sie viele Angehörige von Opfern terroristischer Anschläge in der Bundesrepublik befragt. Die meisten wissen bis heute nicht, wer ihren Vater umgebracht hat.

Siemens: Patrick von Braunmühl, der Sohn des 1986 ermordeten Diplomaten Gerold von Braunmühl sagt, wie jämmerlich er das Ergebnis der strafrechtlichen Verfolgung empfindet. Er will – wie andere auch – wissen, wer seinen Vater ermordet hat. Bis heute ist nicht ermittelt, wer dem RAF-Kommando angehörte, das Gerold von Braunmühl ermordete. Alle der RAF zugeordneten Morde von 1985 an sind nicht aufgeklärt. Und Patrick von Braunmühl bringt noch etwas sehr klar zum Ausdruck: Man weiß noch immer so gut wie nichts über die internen Prozesse der RAF, etwa darüber, nach welchen Kriterien die Opfer ausgewählt wurden.

Autorin Siemens: "Den Blick auf die Geschichte der RAF erweitern"
Kaveh

Autorin Siemens: "Den Blick auf die Geschichte der RAF erweitern"

SPIEGEL ONLINE: Heute jährt sich der RAF-Anschlag auf die deutsche Botschaft von Stockholm, bei dem am 24. April 1975 der Militärattaché Andreas von Mirbach an den Folgen von Schüssen verstarb, die die Besetzer auf ihn abfeuerten. Sind dort die Täter bekannt?

Siemens: Es ist bekannt, wer dem Kommando der RAF angehörte, aber nicht, wer die Schüsse abgegeben hat. Clais von Mirbach, der Sohn des 1975 ermordeten Andreas von Mirbach, sagt, dass es ihm sein Dasein erleichtern würde, wenn er wüsste, wer geschossen hat. Zwei der Täter aus der RAF – Ulrich Wessel und Siegfried Hausner – leben nicht mehr. Wenn es einer der beiden Männer oder beide gewesen wären, die damals geschossen haben, dann könnte Clais von Mirbach zumindest sicher sein, nicht mehr den Mördern seines Vaters begegnen zu müssen.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Sohn des ermordeten Generalbundesanwaltes Siegfried Buback ist jemand an die Öffentlichkeit getreten, der die klassische Opferrolle - nämlich zu schweigen - nicht mitspielt und der vehement Aufklärung verlangt von Seiten der Täter. Können Sie Michael Buback verstehen?

Siemens: Ich habe natürlich Verständnis dafür, dass er wissen will, wer seinen Vater ermordet hat. Wie er ja auch sagt, bleibt es für ihn als nahen Angehörigen wichtig, den Ablauf der Tat genau zu kennen – so wie Angehörige von Unfallopfern die zum Tod führenden Ereignisse möglichst genau erfahren möchten, um das Geschehene besser verarbeiten zu können.

SPIEGEL ONLINE: Musste erst jemand wie Sie kommen, Jahrgang 1974, der die Zeit des Terrorismus nur noch als Nachhall einer historischen Epoche der Bundesrepublik erlebt hat, um sich den Angehörigen zu widmen?

Siemens: Einer anderen Generation anzugehören und mit teils anderem Blick auf diese Zeit zu schauen, mag ein Grund sein, aber sicher nicht der einzige. Einige Familien haben sich aus einem sehr verständlichen Reflex heraus lange Zeit eher zurückgezogen, während die Täter aus der RAF die Öffentlichkeit gesucht haben, um für ihre Ziele in einem Teil der linken Öffentlichkeit zu werben. Es gab wohl auch eine Zeitlang eine gewisse Meinungshoheit der 68er, die sich vor allem auf die Frage des 'Warum' konzentriert hat – warum entstanden Anfang der Siebziger Jahre terroristische Gruppen in der Bundesrepublik. Aber ich möchte nicht missverstanden werden: Mein Ansatz ist nicht, die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Täter zu tabuisieren oder zu beschneiden. Mit dem Buch ging es mir darum, den Blick auf die Geschichte der RAF zu erweitern, die eben nicht nur eine Täter-Geschichte ist.

SPIEGEL ONLINE: Wieso sind gerade Sie auf dieses Thema gestoßen?

Siemens: Ich hatte meine Magisterarbeit über zwei Frauen aus der RAF - Astrid Proll und Gudrun Ensslin - geschrieben, später meine Dissertation über den Lebensweg von vier Männern, die sich in den Siebzigern im gleichen politischen Milieu bewegten, letztlich aber ganz unterschiedliche Wege gingen: Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit wurden Spitzenpolitiker der Grünen, Johannes Weinrich und Hans-Joachim Klein gingen zu den "Revolutionären Zellen" und damit den Weg in den Terrorismus. Etwa zur gleichen Zeit, als ich mit meiner Arbeit fertig wurde, war in Berlin die RAF-Kunstaustellung zu sehen...

SPIEGEL ONLINE: ...die im Januar 2005 eröffnet wurde und sehr umstritten war...

Siemens: ...in der Zeit kam bei mir die Frage auf: Wer waren die Menschen, die zu Opfern der RAF wurden? Wieso weiß man so wenig über sie? Wie haben sie im Kontext ihrer Zeit gelebt? Und wie denken ihre Angehörigen über den Umgang mit der Geschichte der RAF? Das hat mich motiviert, näher hinzuschauen. So kam dann das Buch zustande.



insgesamt 1440 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
C.Jung 28.03.2007
1. KEINE Plattform zur Selbstdarstellung geben.
Jedenfalls sollte Leuten, die keinerlei selbstkritisches Verhältnis haben zu ihren Morden und dem Leid, das sie anderen zugefügt haben, KEINERLEI Plattform zur Selbstdarstellung und -rechtfertigung gegeben werden!
charcharinus, 28.03.2007
2. Fahndungseinstellung?
Zitat von sysopNach der Freilassung von Brigitte Mohnhaupt wurden sogleich Befürchtungen einer steilen "Medienkarriere" der Ex-Terroristin laut. Ist eine Resozialisierung mit so viel Öffentlichkeit überhaupt möglich? Wie soll mit den ehemaligen RAF-Mitgliedern umgegangen werden?
Da wird diskutiert, ob die Fahndung der bisher noch nicht festgenommenen RAF-Mitglieder der 3. Generation, die vor noch nicht einmal 8 Jahren ihren letzten Überfall begangen haben, eingestellt werden soll! Und jetzt die Resozialisierung der RAF oder deren Mitglieder der 1. und 2. Generation? Das beißt sich doch! Da wird mit zweierlei Recht Maß genommen. Die normalen Mitbürger, die, warum auch immer, einen Menschen totgeschlagen haben, werden zu lebenslänglich verurteilt und je nach dem, ob feminin oder maskulin, früher oder später wieder rausgelassenö Die RAF, also die gegen den Staat und die Kapitalisten und die Kapitalistenknechte (eigentlich jeder Normalo, der Geld verdienen muß um etwas zu knabbern zu haben) gemordet haben; da wird die Abgeltungsdauer für einen Mord mal schnell auf 3 Jahre verkürzt. Ich weiß nicht, irgendwie kommt mir das "spanisch" vor!
Andreas Heil, 28.03.2007
3.
Zitat von sysopNach der Freilassung von Brigitte Mohnhaupt wurden sogleich Befürchtungen einer steilen "Medienkarriere" der Ex-Terroristin laut. Ist eine Resozialisierung mit so viel Öffentlichkeit überhaupt möglich? Wie soll mit den ehemaligen RAF-Mitgliedern umgegangen werden?
Felix Ensslin hat in einem großartigen Artikel in der ZEIT Überlegungen angestellt, die übliche Geplänkel hinausgehen: ... Es ist die Geschichte einer Wiederkehr des Politischen – in der gespenstischen Anwesenheit einer anderen Welt ... ... Nicht Straftaten machen den Terroristen zum Terroristen – und zum Gegenstand rechtsstaatlicher Maßnahmen –, sondern Gedanken, die zur bestehenden Ordnung eine Alternative erträumen ... ... Denn es ist ein Grundgedanke des Konservatismus, dass die Unfähigkeit, die Realität zu akzeptieren, der Anfang allen Übels ist und in letzter Konsequenz also auch der Nährboden für Terrorismus ... ... Vielleicht erklärt das die Aufregung der vergangenen Monate: Unter all den Hülsen und populistischen Einlassungen ist ein Bewusstsein vorhanden, dass es sich bei der Debatte um die Begnadigung eines Terroristen um eine traumatische Wiederkehr des Politischen selbst handelt. Der Akt der Gnade, so er vollzogen würde, verwiese in sich selbst schon darauf, dass die Welt, so wie sie ist, nicht die einzig denkbare – vielleicht sogar nicht die wirklich wünschenswerte – ist. Die doppelte Verdrängung (http://www.zeit.de/2007/13/RAF-Staatsverstaendnis)
LucasF, 28.03.2007
4.
"Wie soll mit den ehemaligen RAF-Mitgliedern umgegangen werden?" Mit äußerster Härte. Wenn man bedenkt, wie die Betroffenen leiden, geht es den ehemaligen Mitgliedern dieser Organisation viel zu gut.
kräuterhexe, 28.03.2007
5. Warum nicht?
Man sollte sie in der Alten-oder Behindertenbetreung oder Strassenkinderbetreuung etc. arbeiten lassen.....Dann können die mir was erzählen über ihre komischen Ansichten über ihren komischen Klassenkampf.an könnte sie nützlich machen.....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.