Terror-Prozess Kofferbomber aus gutem Hause

Ein libanesisches Gericht hat ihn in Abwesenheit verurteilt, in Düsseldorf sitzt Youssef al-Hajdib seit heute leibhaftig auf der Anklagebank. Zur Tat schweigt der mutmaßliche Kofferbomber. Stattdessen zeichnet er das Bild eines wohlbehüteten Sohnes, der erst in Deutschland zum Islam fand.

Von , Düsseldorf


Düsseldorf - Die Nachricht aus Beirut macht in der ersten kurzen Prozesspause die Runde: Lebenslang für Youssef al-Hajdib. Ein libanesisches Gericht hat den mutmaßlichen Kofferbomber von Köln in dessen Abwesenheit wegen des versuchten Massenmordes schuldig gesprochen. Sein Komplize Dschihad Hamad, der in Beirut auf der Anklagebank gesessen hat, muss zwölf Jahre hinter Gitter.

Auf dem Weg in den Düsseldorfer Gerichtssaal: Youssef al-Hajdib
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Auf dem Weg in den Düsseldorfer Gerichtssaal: Youssef al-Hajdib

Al-Hajdib habe das Urteil ohne erkennbare Reaktion aufgenommen, sagt sein Anwalt Johannes Pausch später. "Er war ja in diesem Moment selbst gerade in einer Stresssituation." Der 23-jährige Libanese muss sich seit heute für die gescheiterten Anschläge vom 31. Juli vergangenen Jahres vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf verantworten. Gemeinsam mit Hamad soll er zwei baugleiche Kofferbomben in zwei Nahverkehrszügen abgestellt haben - eine im NRW-Express 10121 von Aachen nach Hamm, die andere in der Regionalbahn 12519 von Mönchengladbach nach Köln. Die Zünder klickten, doch das Blutbad blieb aus. Wegen eines "handwerklichen Fehlers" - wie die deutschen Terrorfahnder es nennen - explodierten die Höllenmaschinen der beiden libanesischen Islamisten nicht.

Versuchten Mord "an einer unbestimmten Vielzahl von Menschen" wirft die oberste Anklagebehörde al-Hajdib vor, "heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen", nämlich als Vergeltung für die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in deutschen und anderen westlichen Zeitungen. Als Bundesanwalt Horst Salzmann im großen, unterkühlten Saal 1 des Hochsicherheitstraktes im Düsseldorfer Süden die Anklageschrift verliest, wirkt der junge Angeklagte angespannt aber gefasst.

Spekulationen über einen Moment des Wandels

Eingerahmt von drei Justizbeamten sitzt er im schlabberigen, hellen Kapuzenpulli und dunkelblauer Hose leicht gebeugt auf dem blau-grau gepolsterten Stuhl. Das Sicherheitsglas vor ihm ist extra entfernt worden, die gesetzlichen Voraussetzungen dafür sind nicht geben, weil es kein Prozess nach dem Terrorparagrafen 129 ist. Die dunklen, fast schulterlangen Haare, in der Mitte gescheitelt und hinter die Ohren geklemmt, der leichte Vollbart - der Angeklagte sieht noch so aus, wie man ihn von den unscharfen Fotos der Überwachungskameras des Kölner Hauptbahnhofs in Erinnerung hat. Als er im Michael-Ballack-Trikot noch schnell ordentlich seinen Müll entsorgte, bevor er mit dem potentiell tödlichen Gepäck in den Zug stieg.

Dass sein Mandant an den ersten Prozesstagen keine Angaben zur Sache machen wird, haben seine Verteidiger Johannes Pausch und Bernd Rosenkranz kurz vor der Verhandlung bekräftigt. Sie stellen aber auch in Aussicht, dass sich dies Anfang nächsten Jahres ändern könnte. Die Verteidigungslinie ist klar: Niemand schließe aus, dass al-Hajdib und Hamad den Anschlag tatsächlich wollten. Doch irgendwann sei womöglich der Zeitpunkt gekommen, "an dem ein Wandel stattgefunden hat", sagt Pausch. "In diesem Moment wurde die Planung bewusst unterbrochen."

Was sich in den Köpfen des verhinderten Terror-Duos zunächst als Inferno abspielte, soll plötzlich nur noch als makabere Warnung gedacht gewesen sein? Dieses Szenario hat zuletzt auch Dschihad Hamad in seinem Prozess in Beirut gezeichnet. Die klickenden Zünder? Die Elf-Kilo-Propangasflaschen? Die mit Benzin gefüllten Limonaden-Pullen? Alles nur Attrappe? "Nun ja, Attrappe, wäre vielleicht zuviel gesagt", räumt Anwalt Pausch ein. "Aber es kommt nun mal jeder Gymnasiast darauf, dass da noch was fehlt." Tatsächlich hätte erst an der richtigen Stelle eingesetzter Sauerstoff die ganze Konstruktion in hochexplosives Gemisch verwandelt. "Es stellt sich die Frage, warum jemand, wenn er in der Lage ist, 90 Prozent eines Bauplans nachzubauen, nicht auch 100 Prozent nachbauen kann", fragt Verteidiger Rosenkranz.

Lieblingskind mit viel Spielzeug

Der erfahrene Vorsitzende Richter des 6. Strafsenats, Ottmar Breidling, redet dem Angeklagten zum Prozessauftakt ins Gewissen. "Ich kann ihnen nur ans Herz legen, mit ihren Verteidigern zu prüfen, ein Geständnis abzulegen - wenn es denn etwas zu gestehen gibt." Und wenn er sich dazu durchringen sollte, dann bitte doch "keine Geschichten aus 1000 und einer Nacht".

Dann spricht al-Hajdib. Auf mehreren Seiten hat er handschriftlich seinen Lebenslauf ausgebreitet, den er in zum Teil fast schon rührender Detailtreue vorträgt. Er erzählt, wie er gut behütet von seinen Eltern im nordlibanesischen Tripoli aufwächst, gemeinsam mit vieren von insgesamt 13 Geschwistern, die er alle mit ein paar Sätzen einführt. Youssef ist der jüngste und als solcher das "Lieblingskind", wie er sagt. "Ich hatte Spielzeug, so viel ich wollte", übersetzt ihn seine Dolmetscherin. Wie alt sein Vater, pensionierter Beamter einer staatlichen Landwirtschaftsgenossenschaft, und seine Mutter, die liebevolle Hausfrau, sind, das weiß er nicht so genau. Der Vater vielleicht 65, die Mutter 59. Geburtstage seien in der Familie nicht so wichtig.

Privatschule, Grundschule, Oberschule - "ich bin ein im großen und ganzen fleißiger Schüler gewesen", sagt al-Hajdib, nur in der dritten Klasse, da sei er einmal sitzengeblieben. Besonders in Mathe, Physik und Chemie sei er gut gewesen, er berichtet von hohen Punktzahlen, die er in diesen Fächer erreicht hat, von stundenlangen, harten Mathematikprüfungen. In seiner Freizeit ging es vor allem um Fußball: Stürmer und Mannschaftskapitän in der Schulmannschaft war er. Wenn al-Hajdib spricht, gestikuliert er viel mit der linken Hand, mit der rechten stützt er sich vorgebeugt auf den Oberschenkel.



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