Nach Terroranschlag in Wien Razzien bei deutschen Islamisten

Spuren des Attentäters aus Wien führen nach Deutschland. Nach SPIEGEL-Informationen gab es am Freitagmorgen Durchsuchungen bei Bekannten des Mannes – in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hessen.
Polizist in Wien nach Kranzniederlegung nahe dem Tatort

Polizist in Wien nach Kranzniederlegung nahe dem Tatort

Foto: Hans Punz / dpa

Er gilt als Einzeltäter, und doch scheint der Attentäter von Wien, Kujtim F., gut vernetzt gewesen zu sein. Von dem Mann, der am vergangenen Montag in der Wiener Innenstadt vier Menschen getötet und 23 teils schwer verletzt hat , führen jedenfalls auch Spuren nach Deutschland. Nach SPIEGEL-Informationen durchsuchen Fahnder des Bundeskriminalamts (BKA) seit Freitagmorgen die Wohnungen von mehreren Islamisten. Dazu gehören insgesamt vier Männer aus Osnabrück, Kassel und dem Kreis Pinneberg, zu denen der österreichische Attentäter offenbar Kontakte pflegte.

Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe will herausfinden, ob die Männer etwas mit dem Attentat zu tun hatten. Bislang wird gegen sie nicht ermittelt. Ein durch den Generalbundesanwalt eingeleitetes Verfahren im Zusammenhang mit dem Anschlag in Wien läuft noch gegen unbekannt.

Nach SPIEGEL-Informationen hatten zwei der Islamisten, einer aus Osnabrück sowie G. aus Kassel, Kujtim F. erst im Juli für mehrere Tage in seiner Wohnung in Österreich besucht. Das Treffen soll von österreichischen Behörden bemerkt worden sein.

Islamist aus dem Kreis Pinneberg

In Schleswig-Holstein steht nach SPIEGEL-Informationen ein Gefährder mit dem Nachnamen W. aus dem Kreis Pinneberg im Visier der Ermittler. Er soll mit seiner Familie in Wien gelebt haben, kürzlich aber nach Deutschland zurückgekehrt sein. Der 22-Jährige ist bereits einschlägig aktenkundig. 

Vor zwei Jahren verurteilte ihn das Landgericht Hamburg wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zu einer Bewährungsstrafe. Zusammen mit fünf weiteren Islamisten hatte W. versucht, zum "Islamischen Staat" (IS) nach Syrien auszureisen. Laut Urteil wurde die Gruppe jedoch bereits in Bulgarien festgenommen.

Der Mann, dessen Wohnung nun durchsucht wurde, besuchte früher den Unterricht des Hasspredigers Abu Walaa in Hildesheim, der sich derzeit als mutmaßliches IS-Mitglied vor Gericht verantworten muss. Zahlreiche junge Männer aus seinem Umfeld hatten sich der Terrormiliz in Syrien angeschlossen. Auch Anis Amri, der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, bewegte sich zeitweise in Abu Walaas Dunstkreis. 

Bei W. fand die Polizei im Frühjahr 2016 nach dem Besuch eines "Osterseminars" in der Hildesheimer Moschee handschriftliche Notizen. Die Ermittler glaubten darin eine To-do-Liste vor einer Ausreise in den Dschihad zu erkennen, was er abstritt. Auf dem Zettel stand: "Fit halten, Schlafrhythmus aufbauen, letzten Monat mit der Familie verbringen, Abschiedsbilder machen, PC löschen." In Chats nannte sich W. "Mohammed al-Schischani", Mohammed der Tschetschene. 

Deutsche Behörden alarmiert

Die deutschen Behörden waren angesichts der Kontakte des Österreichers Kujtim F. in die deutsche Islamistenszene schon vor Monaten alarmiert. Nach SPIEGEL-Informationen nahmen Terrorfahnder den späteren Attentäter und seine Bekanntschaften in Deutschland Ende September im Rahmen eines sogenannten Gefahrenabwehrvorgangs ins Visier.

Solche Ermittlungen ermöglichen der Polizei zeitlich befristete Überwachungsmaßnahmen bei drohender Gefahr. Die BKA-Ermittlungen förderten aber offenbar wenig Substanzielles zutage.

Allerdings weckten sowohl die Männer aus Osnabrück, W. aus dem Kreis Pinneberg, als auch der Mann mit dem Nachnamen G., dessen Wohnung in Kassel am Freitagmorgen durchsucht wurde, die Aufmerksamkeit der Ermittler. W. soll mit dem Attentäter über Telegram in Kontakt gestanden haben. Der zweite Mann aus Osnabrück soll Kontakt zu Bekannten von Kujtim F. gehabt haben.

Hinweis verschlafen

Im Sommer versickerte allerdings im österreichischen Sicherheitsapparat ein brisanter Hinweis. So hatten slowakische Behörden bereits im Juli ihre Kollegen im Nachbarland gewarnt, dass zwei verdächtige Männer in einem weißen BMW mit Wiener Kennzeichen in Bratislava unterwegs waren und versuchten, Munition für ein Kalaschnikow-Gewehr zu kaufen. Am 10. September meldeten die Österreicher über Europol, dass sie einen der beiden Männer identifiziert hätten: den einschlägig vorbestraften Islamisten Kujtim F. Das Auto war zugelassen auf die Mutter eines weiteren IS-Anhängers aus Wien.

Dennoch konnte sich Kujtim F. von den österreichischen Behörden unbemerkt vor seinem Anschlag scharfe Waffen besorgen – eine Kalaschnikow, eine Pistole und eine Machete. Wie es zu einer solchen schwerwiegenden Panne kommen konnte, soll nun eine Untersuchungskommission klären.

Kontakte zu deutschen Dschihadisten

Wie aus einem Urteil des Landesgerichts in Wien hervorgeht, lernte Kujtim F. bereits bei einem Ausreiseversuch nach Syrien im Jahr 2018 zwei deutsche Dschihadisten in der Türkei kennen. Um wen es sich dabei handelte, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Noch bevor Kujtim F. über die Grenze nach Syrien gelangen konnte, wurde er festgenommen. 

Im Frühjahr 2019 wurde F. in Wien wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 22 Monaten Haft verurteilt. Er wurde jedoch im Dezember vorzeitig entlassen und von De-Radikalisierungsexperten betreut.

Unter den Menschen, die der 20-jährige Österreicher mit nordmazedonischen Wurzeln am Montag tötete, war auch eine Deutsche. Bei einem Schusswechsel mit der Polizei wurde Kujtim F. tödlich getroffen.