Terrorbotschaft Bayerischer Selbstmordattentäter buhlte um Nachahmer

Es sind die letzten Worte des Cüneyt Ciftci: Bevor der Islamist aus Bayern sich im März in Afghanistan in die Luft sprengte, warb er um Nachahmer aus "der Türkei und Europa“. Das zeigt ein Video, das die "Islamische Dschihad-Union“ jetzt veröffentlicht hat.

Von und Yassin Musharbash


Berlin/Kabul - Er war der erste Selbstmordattentäter, der aus Deutschland kam: Am 3. März gegen 16 Uhr Ortszeit betätigte Cüneyt Ciftci aus Ansbach in Bayern nach bisherigen Erkenntnissen den Zündknopf, einen umfunktionierten Lichtschalter im Armaturenbrett eines blauen Toyota-Kleinlasters. Gerade eben war der 28-Jährige getarnt als Händler auf das Gelände des Sabari District Centers in der ostafghanischen Provinz Khost gefahren. Der junge Mann mit dem schwarzen Bart und der weißen Kappe hielt neben dem Gebäude, das von US-Soldaten bewacht wurde, bevor er seine Bombe zündete. Die gewaltige Explosion riss Cifti, zwei US-Soldaten und zwei Afghanen in den Tod.

Cüneyt C. vor IJU-Banner: Verklärung eines Terroristen

Cüneyt C. vor IJU-Banner: Verklärung eines Terroristen

Der letzte Beweis für Ciftcis Täterschaft steht noch aus, doch kaum noch jemand in Kabul und Berlin zweifelt daran.Wenn es nach den Hintermännern des Anschlags geht, dann war Cüneyt Ciftci nicht der letzte Bomber aus der Ferne. Der Ansbacher hinterließ sein Testament auf Video, er lächelte dabei: "Mein Ziel ist es, dass meine Botschaft, so Gott will, bei jungen Gotteskriegern in der Türkei und in Europa ankommt, die Liebe und Feuer des Dschihad in ihrem Herzen tragen, und die auf dem Weg Allahs mit Herz, Seele, Hab und Gut zum Dschihad schreiten. Durch diese Selbstmordaktion möchte ich sie dazu bewegen, .... Selbstmordaktionen durchzuführen."

Diese letzten Worte des jungen Türken aus Deutschland, sind auf einem knapp 28 Minuten langen Propagandaband zu hören, das die "Islamische Dschihad-Union" ("Islamic Jihad Union", IJU) am Dienstag veröffentlichte. Sie tat dies auf einer türkischsprachigen Dschihadisten-Website, die sie schon in der Vergangenheit genutzt hatte, um ihre Kommuniqués abzusetzen.

Dschihad-Gesänge vor IJU-Banner

Das Band zeigt außerdem die Planung des Anschlags anhand von Fotoaufnahmen der US-Basis, es zeigt darüber hinaus, wie Ciftci und seine vermummten Komplizen den Kleinlaster mit Sprengstoff beladen, die Fracht verkabeln, schließlich die Explosion selbst und den Abtransport der Toten und Verletzten.

Einen Teil der Aufnahmen spielte die Propagandaabteilung der Taliban SPIEGEL ONLINE bereits Ende März zu, ein 45 Minuten langes Band, in dem die letzten Stunden im Leben des in Freising geborenen Ciftci zu sehen sind. Die Bilder in beiden Filmen stammen offenkundig von derselben Kamera.

Doch es gibt Unterschiede in Details - und die sind, auch für deutsche Terrorfahnder, interessant.

Zum einen sind auf dem gestern veröffentlichten Band mehr Zitate Ciftcis enthalten - unter anderem jene Passage, in der er erklärt, dass er auf Nachahmer hoffe. Um genau diese Botschaft zu verbreiten, dürfte die IJU ihre Version des Videos verbreitet haben. Offenkundig haben die Hintermänner den jungen Deutschen absichtlich und detailliert gefilmt, um aus ihm eine Art Vorzeige-Bomber zu machen. Sorgfältig hat der Kameramann darauf geachtet, dass keiner der anderen Beteiligten zu erkennen ist. Ciftci hingegen guckt direkt in die Kamera, lacht und reckt immer wieder den Zeigefinger gen Himmel.

Der zweite Unterschied: In dem neuen Zusammenschnitt ist der Bezug Ciftcis zur IJU deutlich herausgestellt: Man sieht, wie er vor einem schwarzen Banner der Organisation sitzt und dschihadistische Gesänge singt. Diese Passage scheint allerdings hineinmontiert worden zu sein. Der Bartlänge nach zu urteilen, wurden sie zeitlich früher aufgenommen – vermutlich, als Ciftci in Pakistan ein Terror-Lager besuchte.

Deutsche Sicherheitsbehörden werten das Band derzeit aus.

Kontakt zur Sauerland-Gruppe

Die Terrorgruppe IJU wurde einst von Usbeken in Usbekistan gegründet. Mittlerweile hat sie jedoch eine internationale dschihadistische Agenda übernommen. Wegen des Verfolgungsdrucks im Ursprungsland verlagerte sie sich immer weiter nach Pakistan, wo sie heute ihr Hauptquartier hat.

In Deutschland wurde die Organisation im vergangenen Jahr bekannt: Die "Sauerland-Bomber" um Fritz G., Adem Y. und Daniel S., die in einer Ferienwohnung in Nordrhein-Westfalen eine Bombe bauen wollten, hatten Kontakt zu einem IJU-Kader und waren wohl auch in einem IJU-Ausbildungslager.

Cüneyt C. wiederum stand in Kontakt mit dieser Zelle: Er war ein Bekannter von Adem Y., der wahrscheinlich auch Ciftcis Trip nach Pakistan organisierte. Deutsche Ermittler vermuten, dass Ciftci spätestens im April 2007 bei der IJU in Pakistan eintraf. Das geht aus einer E-Mail hervor, die ein IJU-Kommandant mit dem Decknamen "Sule" am 26. April an Fritz G. schrieb, und der zu Folge bereits "zwei Familien" aus Deutschland bei ihm angekommen seien. Wie C. von dort weiter nach Afghanistan gelangt, ist nicht geklärt.

Die Tatsache, dass C. auf dem neuen Video vor einem IJU-Banner zu sehen ist, erhärtet die These, dass die IJU eine reale und aktive Organisation ist. Im Internet hat sie sich bereits im Herbst 2007 zu den Anschlagsplanungen der Sauerland-Gruppe bekannt. Als immer wahrscheinlicher gilt, dass sie auch mit dem Abtauchen etwa eines halben Dutzend weiter Islamisten aus Deutschland zu tun hat, die heute in Pakistan oder Afghanistan vermutet werden. Subtil reklamiert die IJU die Anschlagsvorbereitung in ihrer Version für sich: Die ersten zehn Minuten des Films zeigen eine Gruppe usbekisch sprechender Männer, die den Anschlag planen.

Taliban und IJU nutzen dasselbe Rohmaterial

Die Tatsache, dass es zwei Versionen des Videos von den Taliban und der IJU gibt, widerspricht dem nicht: Sie stützt vielmehr die Hypothese, dass die IJU im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet ein gut vernetzter Terror-Akteur ist, der Beziehungen zu den Taliban pflegt - und zu al-Qaida.

So teilen sich die Organisationen offenbar auch das Rohmaterial für ihre jeweiligen Propagandaveröffentlichungen. Wer auch immer die Kamera geführt hat, seine Bilder landeten jedenfalls sowohl in einer Taliban-DVD-Presse als auch bei der "Medienabteilung" der IJU. Die Taliban webten in das Filmmaterial über Ciftci eine andere Botschaft ein als die IJU: Sie schnitten den Taliban-Führer Jalaluddin Haqqani ein, um zu beweisen, dass dieser am Leben ist.

Die IJU hingegen legt in ihrer Fassung den Schwerpunkt auf die Rekrutierung neuer Attentäter aus dem türkischen Raum oder der türkischen Diaspora im Westen.

Die IJU tut alles, um Cüneyt Ciftci als strahlendes und glückliches Vorbild zu präsentieren. Er selbst teilt offensichtlich den Wunsch, andere zur Nachahmung zu animieren. Selig lächelnd spricht er davon, wie er hofft, ins Paradies einzugehen und als Märtyrer von Gott akzeptiert zu werden.

Der Märtyrer wird mystisch verklärt

Das IJU-Video enthält auch verklärende und verherrlichende Elemente, ganz in der Tradition dschihadistischer Märtyrer-Testamente. So erklärt Ciftci, er habe geträumt, dass er um genau 16:33 Uhr zum Märtyrer werden wird. Als er mit seinem blauen Toyota losfährt, um den Anschlag auszuführen, läuft am oberen Bildrand deshalb die Uhrzeit mit: 16:32:58, 16:32:59 zeigt sie an, schließlich 16:33:00 - und plötzlich sieht man, wie eine gigantische Explosion das Sabari District Center erschüttert.

Wie groß die Gefahr ist, die von solchen Rekrutierungsvideos ausgeht, kann niemand präzise sagen - aber die Behörden sind immer alarmierter ob der Tatsache, dass es auch in der türkischen Community in Deutschland dschihadistische Bestrebungen gibt.

Zwei weitere aus Deutschland stammende Islamisten mit Kontakt zur Sauerland-Zelle, Eric B. und Houssein al-M., werden derweil in Afghanistan mit Fahndungsplakaten gesucht. Auch bei ihnen sind die Behörden besorgt, dass sie keine Rückkehr planen.

Die Propaganda tut unterdessen ihre Wirkung: Innerhalb weniger Stunden nach Veröffentlichung des IJU-Videos posteten gestern zwei Terrorsympathisanten begeisterte Kommentare. Für den Moment ist der Spuk allerdings unterbrochen. Seit Mittwochmittag ist die Website, auf der IJU das Band veröffentlichte, nicht mehr abrufbar.

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