Terrorfahndung Hamburger Kontaktmann seit Wochen im US-Verhör

Seit Monaten fahnden deutsche Behörden im Zusammenhang mit dem WTC-Anschlag nach Mohammed Haidar Zammar. Jetzt kam heraus: Der Deutsch-Syrer, mutmaßlicher Kontaktmann der Hamburger Terror-Zelle, sitzt offenbar in einem syrischen Gefängnis ein, wo US-Beamte ihn vernehmen. Ihre deutschen Kollegen ließen sie ahnungslos.


Mohammed Haydar Zammar gilt als Kontaktmann zwischen der al-Qaida und den Hamburger Terror-Piloten
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Mohammed Haydar Zammar gilt als Kontaktmann zwischen der al-Qaida und den Hamburger Terror-Piloten

Berlin/Damaskus - Schon Ende voriger Woche hatten verschiedene deutsche Geheimdienstquellen angedeutet, man habe Hinweise auf den Aufenthaltsort des mutmaßlichen Kontaktmanns der Hamburger Terror-Zelle um Mohammed Atta. Genaueres wollte jedoch niemand sagen. Nach Recherchen des ZDF sitzt der 41-jährige Kaufmann, der lange in Hamburg gelebt hat und regen Kontakt zu den drei Terror-Piloten aus der Hansestadt unterhalten haben soll, seit Monaten in Syrien in Haft und wird seit längerem vom amerikanischen Geheimdienst CIA verhört.

Die "Washington Post" berichtete am Dienstag, dass Zammar im Verhör bereits gestanden habe, dass er den Terror-Piloten Mohammed Atta für die al-Qaida rekrutiert habe, außerdem habe er auch seine Schlüsselrolle für den Terror-Coup eingestanden. Unklar wiar indes, ob Zammar direkt von amerikanischen Beamten verhört wird, oder ob die Syrer die Fragen der US-Behörden übermitteln.

Mohammed Haidar Zammar war im Oktober 2001 aus Hamburg abgereist und zunächst nach Marokko geflogen. Dort verlor sich für die deutschen Fahnder die Spur des Gesuchten. Die marokkanischen Behörden hatten mitgeteilt, sie hätten Zammar nach Spanien abgeschoben, wo er jedoch nie ankam. Nun kommt heraus, dass die Marokkaner nicht die Wahrheit gesagt haben. Denn offenbar schickten sie den von deutschen und amerikanischen Ermittlern gesuchten Mann nach Syrien, wo gegen den gebürtigen Landsmann ein Haftbefehl wegen der angeblichen Beteiligung an einem Bombenanschlag vorlag.

Fragen liefen ins Leere

Dabei düpierten die Amerikaner einmal mehr ihre deutschen Partner bei der Fahndung nach den Hintermännern der Terrorangriffe vom 11. September. Erst in der vergangenen Woche informierten sie die deutschen Behörden über Zammars Aufenthaltsort, obwohl sie ihn offenbar schon seit Wochen vernehmen. Die Deutschen mussten erst energisch nachfragen, nachdem schließlich die "Washington Post" berichtet hatte, die US-Behörden hätten Kontakt zu Zammar.

Das Auswärtige Amt hatte noch am Montag auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärt, das State Departement in Washington habe mitgeteilt, es habe "keine Kenntnis von Zammars Aufenthaltsort". Die jetzt bekannt gewordenen Fakten belegen so, dass die vom Bundeskriminalamt (BKA) und vom Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) bei offiziellen Gelegenheiten so oft beteuerte "gute Zusammenarbeit" mit den Amerikanern eine sehr einseitige Angelegenheit ist, die von deutschen Ermittlern auch gern als "Einbahnstraße" bezeichnet wird.

Syrer betrachten Zammar vermutlich als Landsmann

Nach Angaben des ZDF wäre aber auch die Regierung in Damaskus völkerrechtlich verpflichtet gewesen, deutsche Stellen über die Inhaftierung Zammars zu informieren, da er als deutscher Staatsbürger Anspruch auf konsularischen Beistand hat. Nach Meinung von Experten ist dies jedoch nur bedingt richtig. "Die Syrer betrachten den Mann vermutlich einfach als Syrer und ignorieren, dass er mittlerweile Deutscher ist", sagte ein Diplomat am Dienstag. Von daher sei eine Meldung von Damaskus nach Berlin aus Sicht der Syrer auch nicht zwingend gewesen.

Schon kurz nach dem 11. September hatte das BKA Zammar als Schlüsselfigur bei der Bildung der Hamburger Zelle ins Visier genommen und ihn sogar vernommen. Doch auf Grund fehlendender Beweise mussten die BKA-Beamten ihn wieder laufen lassen. Der gelernte Kfz-Schlosser, der 1971 nach Deutschland kam und sich 1982 einbürgern ließ, galt seit Jahren als radikaler Islamist. Seit 1996 verdächtigten ihn die Behörden, ein Anhänger Bin Ladens zu sein. Den Ermittlern gestand "Bruder Haydar", bei der Durchsuchung gefundene Propaganda-Flugblätter, Aufrufe Bin Ladens zum "Heiligen Krieg", persönlich kopiert zu haben. Bei der Durchsuchung von Zammars Wohnung fanden die Staatsschützer neben Dokumenten aus Pakistan auch zwei Patronen, vermutlich Munition für eine Kalaschnikow.

Zammar soll es auch gewesen sein, der den Kontakt der Hamburger Zelle zum Terror-Netz al-Qaida hergestellt hat, nachdem er den Studenten Mohammed Atta und seine beiden Komplizen für den geplanten Massenmord als geeignet befunden hatte. Schon länger ist den Fahndern bekannt, dass Zammar eine Art Reisebüro für islamische Radikale nach Afghanistan unterhielt. Das bestätigten auch zwei deutsche Feierabendkämpfer - ein 22-jähriger gebürtiger Libanese und ein 27-jähriger Deutscher - die am 10. September 2001 an der afghanischen Grenze festgenommen wurden. Ähnliche Aufenthalte soll er nach Meinung der Fahnder auch für Atta und seine Komplizen arrangiert haben.

Matthias Gebauer



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