Terrorismus Deutschsprachige Islamisten sammeln im Web für die Taliban

Spenden für den Dschihad: Im Umfeld der "Globalen Islamischen Medienfront" sammeln Sympathisanten für die Taliban. Kein Cent werde verloren gehen, verspricht ihre deutschsprachige Webseite, das Geld werde zu 100 Prozent am Hindukusch ankommen.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Keine Propaganda, keine bluttriefenden Terrorvideos - nur schwarze Schrift auf grau-blauem Grund: Für eine Webseite von Terrorsympathisanten ist die Internetdependance denkbar karg gestaltet. Umso klarer tritt der einzige Zweck des Webauftritts hervor: "Liebe Geschwister, wir sammel Spenden für das Jihad, denn Geld spielt eine wichtige Rolle. Es ist einer der wichtigsten Bestandteile des Jihad", heißt es gleich zu Beginn des dort eingestellten Aufrufs - dem einzigen Dokument auf der Webseite namens "islamic donations" ("Islamische Spenden").

Spenden für die Taliban: Screenshot des Web-Aufrufs

Spenden für die Taliban: Screenshot des Web-Aufrufs

Im weiteren Verlauf des Textes werden die Autoren noch expliziter: "Die Mujahideen brauchen jede Hilfe! (...) Die Taleban brauchen uns dringend in diesen Zeiten." Auch daran, dass hier für Geldspenden geworben wird, lassen sie keinen Zweifel: "Jeder kann etwas spenden, egal ob klein oder groß. 1 € von 1000 Leuten macht 1000 €."

Kein Cent werde verloren gehen, versprechen die Online-Sammler weiter vollmundig: "Das Geld wird zu 100% ankommen." Zwei E-Mail-Adressen, eine für Männer, eine für Frauen, werden genannt - hierhin soll sich wenden, wer Geld an die Taliban schicken will. "Weitere Informationen wird es dann geben."

Bei dem Aufruf dürfte es sich um den ersten Versuch handeln, im deutschsprachigen Raum online Geld für die Taliban zu sammeln, heißt es in deutschen Sicherheitskreisen. Seit Monaten verfolgen die Behörden mit Sorge, dass es offenbar durchaus belastbare Beziehungen zwischen in Europa lebenden militanten Islamisten und den gegen die Nato kämpfenden bewaffneten Gruppen in Afghanistan und Pakistan gibt.

Links zur GIMF - und retour

Wer die Spendensammel-Webseite geschaltet hat, ist nicht ohne weiteres zu eruieren. Aus welchem geistigen Umfeld sie stammt, ist dagegen schon klarer: Die Spendensammler verlinken auf nur eine einzige andere Adresse, und zwar auf das Internetangebot der "Globalen Islamischen Medienfront" (GIMF).

Bei der GIMF handelt es sich um einen virtuellen Zusammenschluss von Sympathisanten des globalen islamistischen Terrorismus. Seit über zwei Jahren machen sie anderen Dschihad-Fans im deutschsprachigen Raum die Propaganda von al-Qaida & Co. zugänglich, indem sie das ursprünglich arabische Material ins Deutsche übertragen. Um Bekennerschreiben, Ansprachen von Terrorchefs und Videos von Anschlägen zu verstehen, braucht man seither keine Fremdsprachenkenntnisse mehr.

Auch in die andere Richtung lässt sich eine Verbindung herstellen: Am 29. Januar 2008 wurde im Diskussionsforum der GIMF-Seite ein Posting veröffentlicht, das auf die Spendensammel-Seite aufmerksam machte. Der Login-Name des Absenders des Postings taucht wiederum in der für männliche Spender gedachten E-Mail-Adresse auf. Ausweislich der Angaben auf der GIMF-Seite handelt es sich bei dem Poster dieses Namens allerdings nicht um einen Administrator der GIMF, sondern lediglich um ein einfaches Mitglied des Forums.

Nicht der erste Versuch, online Geld zu sammeln

Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass Dschihad-Sympathisanten das Internet nutzen, um für die Kämpfer an der Front Geld aufzutreiben. Schon vor dem 11. September 2001 sammelte etwa der in London studierende Babar Ahmad Spenden für die Taliban. Seine Website azzam.com, mittlerweile längst vom Netz gegangen, gilt als eine der ersten Dschihad-Websites überhaupt.

Aber im deutschsprachigen Raum ist die Webseite vermutlich der erste Versuch dieser Art. Bekannt sind hingegen Fälle, in denen Kuriere Bargeld zu dem Terroristen schafften. Erst im September 2007 etwa verurteilte das Stuttgarter Oberlandesgericht einen Iraker, weil er im Jahr 2003 8000 Euro an die irakische Dschihadisten-Organisation Ansar al-Islam weitergeleitet hatte.

Die Online-Sammler haben bislang keine Angaben gemacht, ob und wenn ja, wie viel Geld bereits eingegangen ist. Wie sie es nach Afghanistan zu schaffen beabsichtigen, lassen sie - zumindest öffentlich - ebenso wenig erkennen. Auch, ob es sich bei ihnen um Deutsche oder in Deutschland ansässige Personen handelt, ist unklar. Anfragen von SPIEGEL ONLINE ließen die Taliban-Unterstützer unbeantwortet.

Verbindungen zu Wiener Islamisten?

Bislang lag das Zentrum der GIMF-Aktivitäten freilich in Österreich. Erst vor vier Wochen wurden Mohamed M. und seine Frau Mona M. in Wien zu vier Jahren beziehungsweise 22 Monaten Haft verurteilt. (Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.)

Ihnen wurde zur Last gelegt, ein Drohvideo der GIMF produziert zu haben. In dem Band, das im März 2007 veröffentlicht worden war, warnte die GIMF vor Anschlägen gegen deutsche und österreichische Ziele, falls die Regierungen beider Staaten nicht ihre Soldaten aus Afghanistan abzögen. Der 22-jährige Mohamed M. gilt überdies als Gründer der deutschen GIMF-Filiale. Eine arabisch-sprachige "Ur-GIMF" gibt es bereits seit fünf Jahren, eine englische Filiale seit 2004.

Mit der Verhaftung M.s hörte die deutschsprachige GIMF allerdings nicht auf zu existieren. In österreichischen und deutschen Sicherheitskreisen, die die GIMF beobachten, heißt es, man gehe davon aus, dass bis zu zwei Dutzend Personen zum erweiterten Aktivistenkern der GIMF zählen. Darunter sollen nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland lebende Personen sein. Bei der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe ist bereits seit dem vergangenen Jahr in Sachen GIMF ein Verfahren anhängig.

Taliban-Unterstützung ist strafbar

Sollten die Online-Werber tatsächlich für die Taliban bestimmte Gelder in Empfang nehmen und aushändigen, würden sie sich nach deutschem Recht der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland strafbar machen.

Im Falle der GIMF konnte bislang nicht bis ins Letzte geklärt werden, ob sie zu irgendeinem Zeitpunkt in Geldtransfers verwickelt war. Die Ermittler im Verfahren gegen Mohamed M. hatten zwar Chats protokolliert, in denen M. mit anderen Islamisten über das Sammeln von Geld sprach. Aber der genaue Zweck blieb verborgen. Ebenfalls unbekannt ist, ob Mitglieder der GIMF oder Personen aus ihrem Umfeld regelmäßig etwa nach Pakistan oder Afghanistan reisen - eine denkbare Route, die die Spendengelder nehmen könnten, denn häufig werden solche Spenden in bar transportiert.

Auf der anderen Seite ist natürlich noch gar nicht klar, ob die Online-Sammler wirklich zur GIMF gehören oder nur von deren Bekanntheit profitieren wollen. Sicher ist nur eines: In ihren Zielen dürften sie sich einig sein.



insgesamt 1112 Beiträge
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Seite 1
Marthe Schwertlein, 27.02.2008
1. Natürlich sind diese verdeckten Durchsuchungen KEIN wirksames Mittel.
Zitat von sysopDas Bundesverfassungsgericht hat heute über Online-Durchsuchungen entschieden - Innenexperten der Großen Koalition wollen schnell eine bundesweite Regelung. Sind solche Durchsuchungen ein wirksames Mittel zur Terrorbekämpfung?
Durchsuchungen, die ohne Beisein und Beobachtung durch Beschuldigten und dessen Rechtsvertreter durchgeführtt werden, führen zu zweifelhaften Beweisen: Ich diese Datei erst während der Beobachtung durch Irrtum oder Vorsatz des Ermitters auf den Rechner gekommen? Kann eine bestimmte Datei / Verbindung wirklich und ein-ein-deutig einem Anwender zugeordnet werden? Das sind nur zwei Fragen, die so ziemlich jedes Beweisgerüst erschüttern können. Die StVO hat da ziemlich genaue Vorgaben: http://bundestrojaner.info/ Nein, den Terror im Sinne von Schäuble bekämpft man damit nicht, aber die bürgerlichen Grundrechte. Traurig aber wahr: die Feinde unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung haben gesiegt, ohne auch nur einen einzigen Papierkorb oder gar eine Bombe (an-)gezündet zu haben. In vorauseilenden Zuckungen haben unsere Politiker die Axt schon lange an die Grundwutzeln dessen gelegt, was wir früher im Politik-Unterricht als die Wesensmerkmale einer demokratischen Verfassung im Vergleich zum Terrorregime in der DDR kennengelernt haben. Ob die entsprechenden (antiquarischen) Schulbücher wohl bald auf den Index kommen? Marthe Schwertlein
greenboy-X 27.02.2008
2. Wer schreibt solche Artikel?
Hallo, Es ist schon traurig das eine Zeitung wie der "SPIEGEL" noch immer allgemeine Floskeln von Herrn Schäuble übernimmt! Zitat: "Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU), der eine bundesgesetzliche Regelung anstrebt, hält die Online-Durchsuchung für zwingend erforderlich im Kampf gegen den Terrorismus." Das ist doch nun weitreichend wiederlegt. Es geht nicht nur um den Terrorismus sondern um die allgemeine Überwachung. Das hat selbst die Politik schon öffentlich zugegeben! Der Spiegel sollte keine Lügen abdrucken oder Online bereit stellen! Wir alle sollten froh sein wenn das Bundesverfassungsgericht diesen Gesetz entwurf der einfach so durch die Gremien gepeitscht wurde ablehnt!
Hans58 27.02.2008
3.
Zitat von sysopDas Bundesverfassungsgericht hat heute über Online-Durchsuchungen entschieden - Innenexperten der Großen Koalition wollen schnell eine bundesweite Regelung. Sind solche Durchsuchungen ein wirksames Mittel zur Terrorbekämpfung?
Warten wir doch erst einmal ab, wie das BVerfG heute entscheidet. Zumindest hier im Raum K/BN sprechen die heutigen Tageszeitungen davon, dass das NRW-Gesetz vermutlich gekippt wird. Dieses würde man aus der Anhörung und der dabei gestellten Fragen der Richter ableiten können. Welche Innenexperten der Großen Koalition haben im Übrigen Ihre Erwartungen auf ein ablehnendes Urteil zum Ausdruck gebracht?
champagnero 27.02.2008
4.
Ich denke, es ist komplett daneben, wenn sich die sogenannten "Innenexperten" schon vorher öffentlich wünschen, was sie gerne im Urteil drin stehen hätten. Gab es nicht mal sowas wie Gewaltenteilung? Gibt es denn gar keinen Respekt mehr vor dem Verfassungsgericht? Ich hoffe, die bekommen heute richtig einen vor den Bug, bzw die Fußablage.
KaaBee, 27.02.2008
5.
Zitat von sysopDas Bundesverfassungsgericht hat heute über Online-Durchsuchungen entschieden - Innenexperten der Großen Koalition wollen schnell eine bundesweite Regelung. Sind solche Durchsuchungen ein wirksames Mittel zur Terrorbekämpfung?
Wenn ich schon höre, dass ein Herr Bosbach von strengen Auflagen wie Richtervorbehalt faselt, kann man nur noch lachen oder besser weinen. Unterschriften von Richtern gibt es schon bei so tollen Verbrechen wie angeblich nicht bezahlter 29 € bei einer Sexseite, Verkauf einer 50-jährigen Kroko-Handtasche, Abgabe eines Angebotes zum Decken eines Gartenhauses oder auch einfach nur das Auffüllen eines Schüler-Chemie-Experimentier-Baukasten. Diese Reihe lässt sich beliebig fortführen. Dann wäre es doch besser Durchsuchungen per Zufallsgenerator zu genehmigen.
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