Terroristen-Fahndung Neue Spuren in Deutschland

Aus immer mehr Mosaik-Steinchen setzt sich langsam ein Bild der mutmaßlichen Selbstmordattentäter zusammen, die in Hamburg gelebt haben. Vor zwei Jahren sollen sie fast zeitgleich ihre Pässe verloren haben - möglicherweise um verdächtige Visa-Einträge verschwinden zu lassen.


Mohammed Atta (r.), aufgezeichnet von der Flughafenüberwachung am 11.September in Portland (Maine)
AP

Mohammed Atta (r.), aufgezeichnet von der Flughafenüberwachung am 11.September in Portland (Maine)

Hamburg - Den Umstand, dass alle Pässe fast zeitgleich verschwanden, werten die Ermittler der Suhler Zeitung "Freies Wort" zufolge als einen wichtigen Hinweis auf den zeitlichen Beginn der Planungen für die Anschlagsserie in den USA. Demnach könnte das Personal für die Attentate bereits 1999 ausgewählt worden sein. Ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums sagte laut dem Bericht, vermutlich hätten die Terroristen ihre Pässe verschwinden lassen, weil verdächtige Visa-Einträge darin Verbindungen zum Irak oder Afghanistan dokumentiert hätten. Mit solchen Visa-Stempeln wäre eine Einreise in die USA schwer möglich geworden.

Der mit den Terroranschlägen in den USA in Verbindung gebrachte Student Said Bahaji hat nach Angaben des Verteidigungsministeriums mehrere Monate Wehrdienst in Hamburg geleistet. Der 26-Jährige Marokkaner mit deutschem Pass habe vom 1. Januar 1999 bis Mai 1999 beim Panzergrenadierbataillon 72 im Stadtteil Fischbek-Neugraben gedient und sei dann aus gesundheitlichen Gründen entlassen worden.

Bahajis Name war auf einer Liste des FBI aufgetaucht, auf der Personen genannt waren, die Kontakt zu den mutmaßlichen Terroristen Mohammed Atta und Marwan al-Schahi gehabt haben sollen. Bahaji, der als logistischer Kopf der Hamburger Terrorgruppe gilt, soll sich in Pakistan aufhalten. Wie Atta und al-Schahi hatte er an der TU Harburg studiert. Ein weiterer mutmaßlicher Terrorist, der Libanese Ziad Samir Jarrah, studierte an der Fachhochschule Hamburg Flugzeugbau. Er saß offenbar in der Maschine, die am vergangenen Dienstag bei Pittsburgh abstürzte.

Der Ausweis von Said Bahaji

Der Ausweis von Said Bahaji

Hinweise auf Stasi-Kontakte

Die "Bild"-Zeitung zitiert heute aus einer französischen Biografie über Osama Bin Laden, die diese Woche in Frankreich in die Buchläden kommen soll. Darin schreibt der französische Journalist und Terrorismusexperte Roland Jacquard, Bin Laden werde möglicherweise von ehemaligen Stasi-Kadern beraten. Das Blatt zitiert wörtlich aus dem Buch: "Es scheint tatsächlich, dass zwei frühere Experten der ostdeutschen Stasi kürzlich acht Monate in einem Camp in Afghanistan verbrachten, um Rekruten der Bin-Laden-Bruderschaft mit der Handhabung chemischer und bakteriologischer Einzelwaffen vertraut zu machen - genauer gesagt, wahrscheinlich mit dem Verschießen giftgefüllter Granaten."

Bin Ladens Leute in NRW

Der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen hat Erkenntnisse, dass Anhänger Bin Ladens auch dort aktiv sind. Die Islamisten versuchten, mit Videos besonders junge Studenten als Kämpfer anzuwerben und Spenden zu sammeln, sagte NRW-Innenminister Fritz Behrens am Donnerstag in Düsseldorf.

"Es ist unsere vordringliche Aufgabe, die so genannten Schläfer des islamischen Terrorismus gezielt aufzuspüren", sagte Behrens. Das Land dürfe kein Rückzugs- oder Ruheraum für Massenmörder werden. Unter den 1,1 Millionen Muslimen in NRW seien etwa 500 Gewaltbereite, heißt es in einem Zwischenbericht des Verfassungsschutzes. Die Staatsschützer beobachteten in dem bevölkerungsreichsten Bundesland islamisch-extremistische Organisationen mit knapp 10.000 aktiven Anhängern.

Insgesamt sind seit dem vergangenen Dienstag bei der deutschen Polizei mehr als 2000 Hinweise zu den Drahtziehern der Terrorangriffe in den USA eingegangen.



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