Terrorprozess Vom Nesthäkchen zum Kofferbomber

Die Zünder klickten, doch die Bomben detonierten nicht. Aus Versehen? Mit Absicht? Mehr als zwei Jahre nach den versuchten Anschlägen auf zwei Regionalzüge in NRW endet einer der wichtigsten deutschen Terrorprozesse. Mit Milde kann der Angeklagte Youssef al-Hajdib nicht rechnen.

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Berlin/Düsseldorf - Der Terror kommt im Trikot der deutschen Nationalmannschaft. Am Mittag des 31. Juli 2006 wartet ein junger Mann mit dunklen, schulterlangen Haaren scheinbar gelassen am Gleis 3 des Kölner Hauptbahnhofs auf den Zug. Auf dem Rücken seines Fußball-Shirts prangt die schwarze 13, die Nummer des deutschen Kapitäns. Seinen Trekking-Rucksack hat der Mann auf einer Bank abgelegt, daneben steht ein dunkler Rollkoffer. Als der Regionalexpress 12519 in Richtung Koblenz hält, wuchtet er den Trolley in den Waggon.

Die Aufnahmen der Überwachungskameras sind zum Sinnbild geworden für eine bis dahin abstrakte Anschlagsgefahr in der Bundesrepublik. Sie zeigen Youssef al-Hajdib - mit potentiell tödlichem Gepäck.

Im Koffer befanden sich zwei große Stahlflaschen, gefüllt mit je elf Kilo Flüssiggas, Plastikflaschen mit Benzin, eine Zündvorrichtung aus Wecker und Draht. Eine Höllenmaschine. Die Bombe detonierte jedoch nicht, genauso wenig wie der Bombenkoffer, den Hajdibs Komplize Dschihad Hamad im Regionalzug nach Hamm abstellte - ein "handwerklicher Fehler", sagen die Ermittler später. Als Experten des Bundeskriminalamtes den nachgebauten Sprengsatz zu Testzwecken zündeten, wurde klar: Eine Explosion hätte ein blutiges Inferno ausgelöst.

Vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf steht nun der Prozess gegen Youssef al-Hajdib vor dem Abschluss. Zehn Monate nach Beginn der Hauptverhandlung hält die Bundesanwaltschaft am Mittwoch ihr Plädoyer. Sie wirft dem mutmaßlichen Kofferbomber aus dem Libanon vielfachen versuchten Mord vor. In zwei Wochen folgt der Schlussvortrag der Verteidiger, am 18. November will der Staatsschutzsenat unter Vorsitz von Richter Ottmar Breidling sein Urteil verkünden.

Mit Milde darf Hajdib dabei wohl nicht rechnen. Immerhin bleibt ihm der berüchtigte Knast von Rumieh nordöstlich von Beirut erspart, auch wenn ihn ein libanesisches Gericht schon im Februar wegen der Taten in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilte. Hamad dagegen sitzt in der libanesischen Hauptstadt ein, zwölf Jahre bekam er aufgebrummt.

Widrige Prozessumstände

Dass sie die Koffer in den beiden Zügen abstellten, bestreiten weder Hamad noch Hajdib. Die treibende Kraft hinter den Anschlagsplänen aber will keiner der beiden gewesen sein. Stattdessen zeichnet jeder vom jeweils anderen das Bild des Anstifters, des Verführers, der einen mörderischen Partner suchte, um "Ungläubige" zu töten - aus Rache für die Veröffentlichung der umstrittenen Mohammed-Karikaturen und auch den Tod von Terroristenführer Abu Mussab al-Zarkawi im Juni 2006 im Irak.

Mit ihrem letzten Zeugen wollten Hajdibs Verteidiger in der vergangenen Woche noch einmal Zweifel an Hamads Erklärungen in Beirut schüren. Dessen Geständnis sei unter Folter erpresst worden, sagte ein aus Schweden angereister, gebürtiger Libanese aus. Das allerdings hat er nur erzählt bekommen, von Hamads Vater, bei dessen Vernehmung er einst dolmetschte. Persönlich wollte der Vater nicht aus dem Libanon zur Aussage nach Düsseldorf reisen.

Für die Anwälte und Richter ein bekanntes Problem: Mehrere Zeugen verweigerten aus Angst vor Racheakten die Aussage in Deutschland. Nicht einmal Mittäter Hamad konnte im Laufe der Verhandlung befragt werden. Obwohl man ihm freies Geleit zusicherte, durfte er nicht nach Deutschland. Und eine ursprünglich geplante Reise in den Libanon sagten die deutschen Juristen vor einigen Wochen aus Sicherheitsgründen ab.

"Mein Herz fühlte sich nicht wohl"

Nicht nur wegen solcher bilateralen Schwierigkeiten und einer möglicherweise wenig zimperlichen libanesischen Justiz ist ungewiss, ob bei der Urteilsverkündung in Düsseldorf wirklich die Stunde der Wahrheit schlägt. Auch die entscheidende Frage, wie ernst die Absichten der beiden mutmaßlichen Extremisten waren, ist nach bislang 53 Verhandlungstagen und der Vernehmung von mehr als 70 Zeugen nicht abschließend geklärt.

Die Verteidiger behaupten, ihr Mandant habe den Bombenbau in letzter Sekunde bewusst sabotiert und so das Blutbad verhindert. Denn als die Zünder an jenem 31. Juli vor zwei Jahren um 14.30 Uhr klickten, fehlte dem Sprengsatz für eine verheerende Explosion der Sauerstoff. Und genau das will Hajdib, der die Bomben nach Anleitungen aus dem Internet bastelte, geplant haben - ohne seinen Mittäter einzuweihen. "Hundertprozentig sicher" sei er sich gewesen, dass die Gasflaschen nicht hochgehen würden, gab Hajdib vor Gericht zu Protokoll. "Mein Herz fühlte sich nicht wohl bei der Sache."

Am Ende sollte also alles nur bei einer makaberen Drohung, einem symbolischem Akt bleiben? Richter Breidling hatte Hajdib zum Prozessauftakt eindringlich aufgefordert, keine Geschichten "aus Tausend und einer Nacht zu erzählen". Dass die verhinderten Terroristen die Bomben nach Expertenmeinung bis auf jene entscheidende Beigabe des Oxidationsmittels offenbar bis ins Detail funktionstüchtig konstruierten, lässt die Version des Angeklagten tatsächlich wenig glaubhaft erscheinen. Auch ein ernst zu nehmender Bewusstseinswandel in der Planungsphase ließ sich nach dem bisherigen Prozessverlauf nicht unbedingt nachvollziehen.

Flucht in den militanten Islamismus

Ehemalige Kommilitonen beschrieben Hajdib als streng gläubigen Muslim, der in Deutschland nie angekommen sei, als Verfechter des Heiligen Kriegs und Anhänger Osama Bin Ladens. Im Gerichtssaal dagegen gab sich der Angeklagte freundlich, höflich und aufgeschlossen. Ähnlich beschrieben ihn auch die psychologischen und psychiatrischen Gutachter.

Die verarmte Familie aus dem nordlibanesischen Tripoli habe alles versucht, dem jüngsten ihrer 13 Kinder ein Ingenieurstudium in Deutschland zu ermöglichen. Doch für das umsorgte "Nesthäkchen" sei der Erwartungsdruck zu hoch gewesen. Als "Gegenreaktion", so werteten es die Experten, flüchtete Hajdib sich in den militanten Islamismus. Eine Flucht, die ihn nun wohl für viele Jahre hinter Gitter bringen wird.

Wenn der Kofferbomber-Prozess Mitte November zu Ende ist, steht der nächste Aufsehen erregende Terrorprozess schon kurz bevor. An gleicher Stelle, im Hochsicherheitstrakt des Düsseldorfer OLG muss sich dann die dreiköpfige, sogenannte Sauerland-Gruppe verantworten. Die vor zwei Jahren ausgehobene Terrorzelle hatte laut Anklage das gleiche Ziel wie die Kölner Kofferbomber: Sie wollte so viele Menschen wie möglich töten.



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