Terrorverdächtiger Fritz G. Die Heimat als Todfeind

Von und , Ulm

2. Teil: Späh-Fahrt um die US-Kaserne


Auch Tolga D., der kürzlich nach seiner Rückkehr aus Pakistan festgenommen wurde, verfasste dort Artikel. Er gilt nicht als Beschuldigter, aber als Kontaktperson der Zelle. Fritz G. lernte den jungen Mann vermutlich im Solaranlagen-Betrieb seines Vaters kennen. "Sie haben sich gegenseitig befruchtet", glaubt ein Fahnder.

Doch erst zwei Jahre später gerät Fritz G. endgültig ins Raster der Fahnder. Am 11. Dezember 2004 wird er von der Polizei mit seinem Kumpel Attila S., der ebenfalls im aktuellen Fall als Beschuldigter verfolgt wird, aufgegriffen. Die beiden jungen Männer hatten in der Nacht ein Buch verbrannt, wenig später finden die Polizisten in ihrem Auto Propaganda-Material des Terrorführers Osama Bin Laden. Wenig später erhalten die Ermittler einen neuen Hinweis. Ein Zeuge, ebenfalls Teil der ausgehobenen Zelle, berichtet, er habe G. und S. kürzlich gemeinsam in Saudi-Arabien getroffen.

Kurz danach reist Fritz G. erneut in den Nahen Osten. Anhand von einer Schulbescheinigung aus Damaskus wissen die Fahnder, dass er vermutlich im August 2005 einen Arabisch-Kurs in der syrischen Hauptstadt Damaskus belegte. Ob er den Kurs, der bis Juni 2006 gehen sollte, wirklich abschloss oder wo er nach einem Stopp in Syrien hinreiste, ist nicht bekannt.

In jedem Fall aber, so ein Fahnder, ging Fritz G. "weiter seinen Weg". Er wollte, so die Einschätzung, in eine Szene "eintauchen", die nicht mehr nur dem Koran, sondern immer mehr der Gewalt huldigte. Dazu reiste er im Herbst 2006 nach Pakistan und besuchte ein Terrorcamp. Spätestens jetzt war aus dem Konvertiten ein potentieller Dschihadist geworden.

Wenig später kommen Hinweise von den US-Geheimdiensten. Im Herbst 2006 kabeln sie, dass vermutlich zwei deutsche Konvertiten in einem Terrorlager in Pakistan waren und auf dem Rückweg nach Hause sind. Viel ist es nicht, was die amerikanischen Behörden liefern, sie hatten Mobiltelefone lokalisiert und E-Mails abgefangen. Der deutsche Geheimdienst geht der Spur trotzdem nach, zunächst verdeckt. Schnell identifizieren sie Fritz G. als einen der Männer, die in Pakistan waren. Die Vorgeschichte des Mannes passt erschreckend gut in das befürchtete Szenario eines radikalisierten Konvertiten mit deutschem Pass.

Selbst eine Durchsuchung beeindruckte Fritz G. nicht

Am Silvestertag 2006 wird der Verdacht konkreter. Gemeinsam mit einem Kumpel, dem iranischen Kurden Dana B., kurvt Fritz G. in einem Auto mehrmals um eine US-Kaserne in Hanau in Hessen. Die Fahrt, die Dana B. später als Spritztour beschreiben wird, elektrisiert die Verfassungsschützer. Statt Erinnerungsfotos zu machen, wie es Dana B. darstellt, vermuten die Terror-Jäger, dass die Gruppe die US-Basis als mögliches Ziel ausspionieren wollte. Aus der Geheimdienstaktion wird eine umfangreiche Ermittlung der Polizei, im März 2007 eröffnet der Generalbundesanwalt ein Verfahren.

Fritz G. allerdings lässt sich von den Ermittlungen nicht beeindrucken. Im Januar 2007 heiratet er eine türkische Frau, zieht mit ihr in eine kleine Parterrewohnung eines unscheinbaren Ulmer Miethauses. Als dort im gleichen Monat die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Tür steht, säubern sie gerade die Wohnung. Gefunden wird nichts Verwertbares, Propagandamaterial reicht nicht für ein Verfahren. Fritz G. hält trotzdem weiter den Kontakt mit Pakistan. Selbst als im Mai 2007 Zeitungsartikel über seine Observation in Hanau erscheinen, lässt er sich nicht beirren.

Dass er und seine Komplizen beobachtet wurden, muss den Männern bewusst gewesen sein. Mehrmals entkamen sie den Obseravtions-Teams der Polizei und ihre Kommunikation wurde immer konspirativer. Übers Telefon wurde kaum noch gesprochen, das Internet benutzten sie nur noch in Cafés oder über ungeschützte W-Lan-Netze, über die man ihre Identität nicht feststellen kann. "Je mehr wir machten, umso geschickter agierten sie", sagte ein BKA-Mann nach dem Zugriff, "sie waren sich erstaunlich sicher, dass sie schlauer sind als wir." Zumindest hier täuschten sich Fritz G., die Polizei konnte sogar unbemerkt ihre bereits beschafften Chemikalien austauschen.

Geburtstagsfeier vor der Festnahme

Ganz nach Plan mietete die Bande für den ganzen September ein kleines Ferienhaus im Sauerland, um das gekaufte Wasserstoffperoxid weiter zu konzentrieren. Niemandem fallen die drei jungen Männer besonders auf. 245 Euro wollen sie pro Woche an den Vermieter zahlen, wie alle anderen Touristen auch. Dass überall in dem Dorf bereits verdeckte Ermittler hocken und ein Wohnwagen, voll gestopft mit Technik, sie 24 Stunden am Tag überwacht, merken sie nicht.

Am Samstag feiern die drei Männer sogar ein bisschen. Es ist der 28. Geburtstag von Fritz G. alias Abdullah. Am Dienstag danach stürmt das BKA ihr kleines Versteck. Die Suche von Fritz G. hat vorerst ein Ende, er sitzt in Untersuchungshaft. Vor dem Ermittlungsrichter hat er kein Wort gesagt.

* Name von der Redaktion geändert

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurden aus Versehen ein Bild des Verdächtigen Daniel S. anstelle eines Fotos von Fritz G. gezeigt und im Text ein falsches Detail zu G.s Aussehen erwähnt. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.



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