Rechtsextreme Zelle "Gruppe S." Terrorverdächtiger Polizeimitarbeiter war für Waffenscheine zuständig

Sein Job war heikler als gedacht: Nach SPIEGEL-Informationen war ein mutmaßlicher Unterstützer der rechtsextremen "Gruppe S." als Verwaltungsmitarbeiter vor einigen Jahren an der Vergabe von Waffenscheinen beteiligt.
Einer der zwölf Verdächtigen wird zum Haftrichter in Karlsruhe gebracht

Einer der zwölf Verdächtigen wird zum Haftrichter in Karlsruhe gebracht

Foto: Uli Deck/ dpa

Ein Polizeiverwaltungsmitarbeiter, der als Beschuldigter im Verfahren gegen die mutmaßliche rechtsextreme Terrorzelle "Gruppe S." geführt wird, war offenbar mit sensibleren Vorgängen an seinem Arbeitsplatz befasst als bisher bekannt. Nach SPIEGEL-Informationen war Thorsten W., 50, in den Jahren 2013 und 2014 im Polizeipräsidium Hamm im Bereich "waffenrechtliche Erlaubnisse" tätig.

Demnach soll er an Prüfvorgängen beteiligt gewesen sein, wer einen Waffenschein bekommt. Intern wird nun untersucht, ob es in dieser Zeit Unregelmäßigkeiten gegeben hat - ob Thorsten W. also womöglich Gesinnungsgenossen geholfen hat, legal an Schusswaffen zu gelangen. Zuletzt arbeitete W. bei der Hammer Polizei im Verkehrskommissariat. Das Polizeipräsidium ließ eine SPIEGEL-Anfrage hierzu unbeantwortet.

Chemikalien und Handgranaten

Nach der Festnahme von Thorsten W. am vergangenen Freitag wurde der Polizeimitarbeiter suspendiert. Er und elf weitere Tatverdächtige sitzen zurzeit in Untersuchungshaft. Bei den bundesweiten Razzien hatte die Polizei am vergangenen Wochenende zahlreiche Waffen gefunden. Beim mutmaßlichen Rädelsführer Werner S. stellten die Beamten eine schussbereite Pistole sicher. Bei einem angeblichen Unterstützer in Nordrhein-Westfalen fanden sie selbst konstruierte Handgranaten. Bei einem Beschuldigten aus Niedersachsen beschlagnahmte die Polizei nach SPIEGEL-Informationen auch verdächtige Chemikalien.

Nach Erkenntnissen der Ermittler wollte sich die Gruppe zudem mit sogenannten Slam-Guns ausrüsten, wie sie auch der Synagogen-Angreifer von Halle verwendet hatte. Eine dieser großkalibrigen Schrotflinten wurde samt Munition bei einem mutmaßlichen Terrorhelfer in Sachsen-Anhalt gefunden.

Hakenkreuze und SS-Symbole

In seiner Freizeit kleidete sich der Polizeimitarbeiter Thorsten W. häufig wie ein germanischer Krieger. Fotos auf Facebook zeigen ihn mit Schwert und runenverziertem Schild. Mit seiner Meinung habe er auch am Arbeitsplatz nie hinterm Berg gehalten, heißt es aus dem Kollegenkreis. Die Polizei in Hamm räumt inzwischen ein, "die einzelnen Mosaiksteine seines Agierens" nicht ausreichend geprüft zu haben.

Im Nachhinein attestieren die Behörden dem Beamten in einem vertraulichen Vermerk, wie ein Reichsbürger zu denken. Gegen ihn wird nach SPIEGEL-Informationen nun auch wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen ermittelt. Bei der Auswertung eines seiner Profile in sozialen Medien fanden sich zahlreiche Abbildungen von Hakenkreuzen und SS-Symbolen.

Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen die "Gruppe S." wegen Terrorverdachts. Vier Männer stufen die Karlsruher Fahnder als Mitglieder der Terrorzelle ein, acht als Unterstützer - darunter Polizeimitarbeiter W. Er soll sich bereit erklärt haben, der Gruppe 5000 Euro zur Verfügung zu stellen, wenn nötig auch noch mehr. Sein Verteidiger wollte sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern.

Spitzname "Teutonico"

Trifft der Verdacht zu, planten die Rechtsextremisten Anschläge auf Moscheen. Nach SPIEGEL-Informationen soll der mutmaßliche Anführer der Terrorgruppe bei einem konspirativen Treffen am 8. Februar im nordrhein-westfälischen Minden seine Pläne skizziert haben, Muslime gezielt während des Gebets anzugreifen. In einem von den Behörden überwachten Gespräch wenige Tage nach dem Treffen war die Rede von "Kommandos", die angeblich in bis zu "zehn Bundesländern" zuschlagen sollten.

Die Gruppe wird von den Behörden intern als "Gruppe S." bezeichnet, nach dem Namen des mutmaßlichen Anführers Werner S. In der rechtsextremen Szene ist der 53-Jährige auch unter dem Spitznamen "Teutonico" bekannt.

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