Terrorwarnungen Das Rätsel um den Europlot

Australier sollen in Deutschland aufpassen, Franzosen in England, US-Bürger in ganz Europa - in der westlichen Welt gehen Terrorwarnungen um. Dazu kommen Festnahmen, angebliche Drohnen-Tote, düstere Drohungen. Doch belastbare Informationen, die diese Aufregung rechtfertigen, sind rar.

Im US-Lager Bagram sitzt der derzeit wichtigste Terror-Häftling: Ahmad Sidiqi aus Hamburg
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Im US-Lager Bagram sitzt der derzeit wichtigste Terror-Häftling: Ahmad Sidiqi aus Hamburg

Von Yassin Musharbash


Berlin - Wertvoll. Wertlos. Oder irgendetwas dazwischen.

Die Bedeutung der Informations-Puzzlestücke, auf deren Grundlage im Moment in nahezu der gesamten westlichen Welt über möglicherweise bevorstehende Terroranschläge spekuliert wird, ist zumeist ziemlich unsicher. Geheimdienstlern, Polizisten und Terrorexperten wissen darum - aber selbst ihnen fällt es zunehmend schwer, sich dem Sog der Sorgen zu entziehen.

Am Montag berichteten verschiedene Medien unter Berufung auf anonyme pakistanische Geheimdienstquellen, fünf oder auch acht deutsche Dschihadisten seien durch eine oder auch zwei Drohnen des US-Auslandsgeheimdienstes getötet worden. Keine deutsche Sicherheitsbehörde ist derzeit imstande, diese Berichte zu bestätigen. Es ist nach Informationen von SPIEGEL ONLINE noch nicht einmal sicher, ob sich die Meldung über die deutschen Opfer überhaupt auf Drohnenangriffe vom Montag bezieht - oder vielleicht sogar auf einen Drohnenangriff, der bereits am 8. September stattfand.

Und das ist nur ein Beispiel für die Verworrenheit der Lage. Denn schon gehen die Spekulationen weiter: Die gezielte Tötung der Deutschen habe den befürchteten Terrorplot vereitelt. Nein, der Plot laufe noch. Es gehe um Anschläge in verschiedenen Staaten Europas, angeblich nach dem Muster der Terroranschläge in Mumbai 2008. Frankreichs Regierung mahnt daher ihre Bürger, bei Reisen nach Großbritannien aufmerksam zu sein. Ein Anschlag dort sei "sehr wahrscheinlich". Die USA und Großbritannien wiederum warnten ihre Bürger generell vor einer erhöhten Anschlagsgefahr in ganz Europa. London stufte allerdings das Gefahrenrisiko für das eigene Land nicht herauf. Indes warnen Japan und Australien vor Terrorrisiken in Deutschland.

Wieso gerade Deutschland?

Wieso gerade Deutschland? Noch am Mittwoch erklärt Innenminister Thomas de Maizière, er sehe keine erhöhte Terrorgefahr im Land. Ist Deutschland zu unbesorgt angesichts der Gefahr, wie sich Analysten in den USA beschweren?

Deutschland taucht in den Szenarien möglicher Anschläge nicht zuletzt deshalb immer wieder auf, weil ein deutscher Bürger im Zentrum der Aufregung steht: Im Juli nahmen die USA in Afghanistan Ahmad Sidiqi aus Hamburg fest; im Gefangenenlager von Bagram soll er von ausgefeilten Anschlagsplanungen berichtet haben, mehrere Staaten Europas seien im Visier, Attentäter bereits instruiert. Der SPIEGEL berichtete bereits Anfang September darüber. Seither hat sich nichts daran geändert, dass der Wahrheitsgehalt dieser Aussagen schwer einzuschätzen ist. Alles oder nichts - oder irgendetwas dazwischen.

Es gibt noch andere Stränge, die Analysten, Geheimdienstler und Regierungen bei ihren Überlegungen verfolgen. Bei dem bereits erwähnten Drohnenangriff vom 8. September soll auch ein Brite getötet worden sein, bekannt unter dem Kampfnamen Abdul Jabbar. Die BBC berichtet, Abdul Jabbar sei bereits vor drei Monaten bei einem gigantischen Treffen von Taliban und al-Qaida zum Anführer einer Art Qaida-Filiale in Großbritannien designiert worden, die sich "Islamische Armee Großbritanniens" nenne. Dabei sei er beauftragt worden, Anschläge in Frankreich, Deutschland und Großbritannien auszuführen. Und zwar im "Mumbai-Style", also vermutlich wie in der indischen Metropole mit Hilfe von bewaffneten Teams, die in Hotels oder ähnliche Einrichtungen eindringen, sie besetzen, Geiseln nehmen und töten. Aber auch hier ist die Quelle anonym, sie stamme aus "Übersee", heißt es. Also auch hier: Alles oder nichts, oder irgendetwas dazwischen.

Al-Qaidas Nummer drei - Mythos oder Mastermind?

Ein dritter Strang, der ebenfalls für die Gefahrenanalyse relevant ist, sind angebliche geheimdienstliche Informationen, die den USA vorliegen, und denen zufolge ein Team von rund einem Dutzend Attentätern in Europa beauftragt worden sei, Anschläge durchzuführen. Doch der Wahrheitsgehalt ist auch in diesem Fall schwer zu fassen.

Weil aber nun alle Sicherheitsbehörden umso genauer hinschauen, werden sie auch fündig. In Frankreich gab es am Mittwoch Festnahmen, angeblich handelt es sich um militante Islamisten, Details sind unbekannt, weswegen auch schwer zu beurteilen ist, ob sich die dadurch gewonnenen Informationen in das vage Gesamtbild fügen oder nicht.

Besonders viele Rätsel gibt es in der Frage, wer denn hinter dem mutmaßlichen Serienanschlagsplan stecken soll. Ahmad Sidiqi, der eigentlich der Islamischen Bewegung Usbekistans zugerechnet wird, berichtete im Verhör von einem Treffen mit einem Qaida-Kader namens Abu Junus al-Mauretani. Dieser habe versichert, Osama Bin Laden höchstpersönlich habe den Plot gebilligt und finanziert. Niemand kann sagen, was daran stimmt.

Eines aber ist sicher: Informationen über Mauretani sind äußerst rar. Bisher hat man ihn eher für einen Ideologen als einen Operationsplaner gehalten und sicher nicht für die "Nummer drei", jenen sagenumwobenen und möglicherweise gar nicht existierenden Posten bei al-Qaida, bei dem angeblich alle internationalen Planungen zusammenlaufen.

Aber in der pakistanischen Presse werden auch ganz andere Gruppen genannt, die in den angeblichen "Europlot" verwoben seien - die pakistanischen Taliban, einige lokale militante Dschihadisten-Gruppen. Ein kohärentes Bild geben die Meldungen nicht her.

Kapazitäten und Wahrscheinlichkeiten

Das muss nicht heißen, dass alles falsch ist. In Nordwaziristan existiert eine extrem verdichtete Terrorszene, alle genannten Gruppen sind dort vertreten und aktiv, und inwieweit sie kooperieren, ist unbekannt. Deshalb kann auch niemand ausschließen, dass sie alle irgendwie beteiligt sind.

Die Sicherheitsbehörden agieren daher unterschiedlich. Jede Behörde bewertet die Lage anders, je nachdem, welche Informationen sie selbst erlangt hat. Das führt zu unterschiedlichen Gewichtungen auch mit Blick auf die Frage, wo der nächste Anschlag stattfinden könnte. In den westlichen Staaten wird allerdings die Ansicht weitgehend geteilt, dass es - mindestens abstrakt, also ohne harte Fakten - Anlass zur Sorge vor Anschlägen im Westen gibt. Wenn auch jedes Puzzleteil für sich wenig aussagekräftig sein mag, addieren sie sich dennoch. Viele vage Hinweise bedeuten dann eine erhöhte abstrakte Gefahr: Man weiß, dass etwas in Bewegung ist. Aber weder wer, noch wo und wohin.

So scheint es im Moment zu sein, nur dass die deutschen Behörden eher gelassen reagieren und die US-amerikanischen eher besorgt. Es ist sicher, dass die USA über mehr Informationen und Hinweise verfügen als alle anderen. Doch scheinen diese auch nicht übermäßig konkret zu sein, denn sonst stünde zu erwarten, dass sie die Partnerdienste mehr mit Hinweisen versorgen, als dies im Moment der Fall zu sein scheint.

Schließlich gilt es aber auch noch, eine weitere Unbekannte in die Gleichung einzuführen: die Frage der Fähigkeit zu Anschlägen. Denn wenn man auch sicher sein kann, dass alle relevanten Gruppen im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet gerne Anschläge ausüben würden, sind vermutlich nicht alle dazu in der Lage. Die IBU beispielsweise dürfte deutlich schlechter organisiert sein als noch vor einem Jahr. Nicht nur ist sie permanent im Fadenkreuz der US-Drohnen; im vergangenen Jahr wurde auf diese Weise sogar ihr Gründungs-Emir Tahir Joldaschew getötet. Allerdings heißt das nicht, dass die IBU lahmgelegt ist. Und vielleicht erhofft sie sich ja von einem gelungenen Anschlag im Westen neue Rekruten und frisches Geld.

Lieber zu früh als zu spät warnen

Al-Qaidas Zentrale steht derweil unter ähnlichem Verfolgungsdruck. Vor fast genau einem Jahr kündigte das Terrornetzwerk Anschläge in Deutschland an, bis jetzt ist es dazu nicht gekommen. Einige Analysten glauben, dass sei ein Beleg für die Schwächung von Bin Ladens Organisation. Andere sehen al-Qaida dagegen als überaus geduldige Truppe, die in der Regel ohnehin erst ein bis anderthalb Jahre nach einer Ankündigung zuschlage.

Je weniger Fakten und harte Informationen verfügbar sind, desto mehr Gewicht fällt solchen Einschätzungen zu - auch das kann man im aktuellen Chor der Terrorwarnungen heraushören. Regierungen halten sich Geheimdienste nicht zuletzt deshalb, damit diese als Frühwarnsystem funktionieren. Die Dienste tendieren allerdings dazu, lieber zu früh zu warnen.

In den vergangenen zwölf Monaten wurden die USA zweimal (erfolglos) von Terroristen angegriffen:

  • An Weihnachten 2009 versuchte die Qaida-Filiale im Jemen, einen US-Jet über Detroit zum Absturz zu bringen;
  • im Mai schickten die pakistanischen Taliban einen Attentäter mit einer Autobombe zum New Yorker Times Square.

Beide Gruppierungen hatten noch nie außerhalb ihrer Region zugeschlagen. Die US-Dienste waren überrascht und sind seitdem besonders vorsichtig beim Blick auf vermeintlich rein lokale Gruppierungen. Es ist gut möglich, dass ein Teil der US-Sorge daher rührt.

Auch in der Summe, auch wenn man alle Warnungen und alle bekannten oder erahnbaren Informationsschnipsel einbezieht, bleibt das Bild sehr vage. Terroristen wollen im Westen zuschlagen und machen entsprechende Pläne: Das ist im Grunde nichts Neues, jede westliche Regierung erklärt das seit Jahren.

Neu wäre es, wenn es eine kritische Masse entsprechender Pläne, dazu notwendiger Ressourcen und bereitwilliger und reisefähiger Attentäter gäbe - und nichts ist derzeit schwieriger einzuschätzen. Im Moment scheinen die Hinweise zu überwiegen, dass Ressourcen und Attentäter bereitstehen.

insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
creativefinancial 06.10.2010
1. ich glaube es nicht
Zitat von sysopAustralier sollen in Deutschland aufpassen, Franzosen in England, US-Bürger in ganz Europa - in der westlichen Welt gehen Terrorwarnungen um. Dazu kommen Festnahmen, angebliche Drohnen-Tote, düstere Drohungen. Doch belastbare Informationen, die diese Aufregung rechtfertigen, sind rar. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,721538,00.html
Nein, ich glaube nicht an einen Terrorakt der Muslime in D. Wie könnte es denn sein, wo doch unser verehrter Bundespräsident der Präsident aller Muslime ist ?
Tastenhengst, 06.10.2010
2. Politlüge
Zitat von sysopAustralier sollen in Deutschland aufpassen, Franzosen in England, US-Bürger in ganz Europa - in der westlichen Welt gehen Terrorwarnungen um. Dazu kommen Festnahmen, angebliche Drohnen-Tote, düstere Drohungen. Doch belastbare Informationen, die diese Aufregung rechtfertigen, sind rar. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,721538,00.html
Naja, ganz direkt zu sagen "wir wollen unseren Polizeiapparat aufrüsten, weil wir Angst vor unseren Bürgern haben" wäre auch ein bißchen dreist. Da behilft man sich mit fiktiven Terroristen.
pilucopilu 06.10.2010
3. Endlich
Zitat von sysopAustralier sollen in Deutschland aufpassen, Franzosen in England, US-Bürger in ganz Europa - in der westlichen Welt gehen Terrorwarnungen um. Dazu kommen Festnahmen, angebliche Drohnen-Tote, düstere Drohungen. Doch belastbare Informationen, die diese Aufregung rechtfertigen, sind rar. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,721538,00.html
Bravo fuer diesen Bericht. Endlich mal jemand der versucht diese "Terrorhysterie" anzusprechen.Ich hatte es wirklich satt diese ewige Panikmache. War on Terror , die Legitimierung fuer alle Vorkommnisse auf der Weltbuehne, gerade richtig um gegen den Islam und die uns unheimlichen Muslime Barrieren aufzubauen. Um es im gleichen Atemzug zu sagen: Damit will ich keinesfalls die Situation verharmlosen, aber in meinen Augen bedeutet Objektivitaet nicht immer der Herde nachzulaufen, sondern auch mal andere Sichtweisen zu beruecksichtigen,...so einen Bericht habe ich schon seit laengerem auf SPON vermisst.nochmals BRAVO
neun11turbo, 06.10.2010
4. ...das ist doch der Klassiker...
...um vor eigenen Problemen abzulenken wird eine diffuse "Bedrohung" von aussen konstruiert... Und seit die bösen kommunistischen Russen da ausgefallen sind braucht man eben andere Preisfrage: wieviele US Amerikaner sterben pro Jahr an den Fogen von falsch bzw. unlerserlich ausgestellten Arztrezepten...? Richtig: mehr PRO JAHR als es Tote bei 9/11 gab... Nur... Wo ist der "WAR ON ILLEGIBLE HANDWRITINGS OF US DOCTORS"...? und das entsprechende Gesetz...? ;) Aber die Amis sind nunmal genauso blöde wie der Deutsche Michel... ;)
tieger, 06.10.2010
5. Anonyme Quellen
Ich bin überrascht, wie leicht "anonyme Quellen aus Sicherheitskreisen" Eingang in die Nachrichten finden. Wird denn ohne Überprüfung jeder Mist gleich gedruckt? Seit den Massenvernichtungswaffen im Irak nichts dazu gelernt?
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