Terrorwarnungen "Die Angst ändert ihre Richtung"

In Deutschland wird vor einer konkreten Terrorgefahr gewarnt. Was löst das bei der Bevölkerung aus? Traumaforscher Lüdke rät im Interview den Menschen, sich auf ihr Bauchgefühl zu verlassen. Und: "Lasst euch nicht einschüchtern, zeigt eure Angst nicht."

Schwer bewaffnete Polizisten nach Terrorwarnung: "Aufforderung ein waches Auge zu haben"
dapd

Schwer bewaffnete Polizisten nach Terrorwarnung: "Aufforderung ein waches Auge zu haben"


SPIEGEL ONLINE: Innenminister Thomas de Maizière hat deutlich wie nie vor einem Terroranschlag in Deutschland gewarnt. Was löst eine solche Warnung bei Menschen aus?

Lüdke: Diese Äußerung ist wenig konkret und deshalb können die Menschen mit ihr nicht viel anfangen. Sie schärft das Bewusstsein - Terror gerät wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit. Viel mehr aber nicht. Denn mit einer grundsätzlichen Verunsicherung leben die Deutschen sowieso seit den Anschlägen vom 11. September 2001. Es ist ja keine Frage, ob es hier irgendwann einen Terrorangriff geben wird, sondern nur wann. Das wissen die Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt die offenbar begründete Sorge, dass Attentäter in Deutschland einen Anschlag nach dem Vorbild des Terrors von Mumbai 2008 planen - in Hotels, auf Bahnhöfen. Glauben Sie, dass viele Menschen in Deutschland ihr Leben ändern, Bahnhöfe etwa meiden?

Lüdke: Ich glaube nicht, dass es Panikanfälle in der Bevölkerung gibt, die meisten werden genauso weitermachen, wie sie es geplant haben. De Maizières Warnung ist ja eher die Aufforderung, ein waches Auge zu haben. Es wäre etwas komplett anderes, wenn die Regierung konkrete Informationen herausgegeben hätte - etwa: Es ist wahrscheinlich, dass etwas im Süden in einem Regionalexpress an dem und dem Tag passiert. Dann bleibt man halt zuhause.

SPIEGEL ONLINE: Also einfach weitermachen wie bisher?

Lüdke: Alles andere wäre verheerend. Ich rate den Menschen, sich auf ihr Bauchgefühl zu verlassen, denn das trügt nur selten. Menschen haben einen angeborenen Schutzinstinkt vor seelischen und körperlichen Verwundungen. Wer also in einem Stadion oder auf einem Bahnhof sitzt und das Gefühl hat, irgendetwas ist komisch, der sollte gehen. Aber das gilt nicht erst seit der neuesten Warnung, sondern spätestens seit dem 11. September 2001. Im Übrigen haben Menschen ein Angstlevel, das immer gleich bleibt - die Angst ändert nur ihre Richtung: Im Moment haben die Menschen vielleicht für ein paar Tage weniger Angst davor arbeitslos zu werden, dafür fürchten sie einen Terroranschlag.

SPIEGEL ONLINE: In anderen Ländern leben Menschen seit Jahren mit der ständigen Furcht vor Anschlägen - in Israel zum Beispiel. Hört die Angst irgendwann auf?

Lüdke: Es gibt keine Gewöhnung an die Angst vor Terror, es gibt nicht so etwas wie ein dickes Fell. Sobald zum Beispiel ein Freund durch einen Terroranschlag getroffen wird, brechen auch die Menschen, die mit dieser Angst jahrelang leben, zusammen. Psychologen sprechen von sogenannten "Realängsten", also begründeter Furcht. In Gesellschaften, in denen Terror fast zum Alltag gehört, ist diese natürlich größer. Aber: Das kann man nicht behandeln, sondern nur Vorkehrungen treffen und etwa nicht mehr mit bestimmten Buslinien fahren.

SPIEGEL ONLINE: Ein Hauptziel von Terroristen ist es, Angst zu schüren. Wie könnten die Deutschen ein kollektives Trotzgefühl entwickeln oder Gelassenheit?

Lüdke: Hier gilt für Gesellschaften das gleiche wie für den einzelnen Mensch: Lasst euch nicht einschüchtern, zeigt eure Angst nicht. Das wird schon Kinder im Selbstbehauptungstraining beigebracht. Eine Gesellschaft kann und muss sich psychologisch auflehnen und vermitteln: "Wir sind groß und stark, wir lassen uns nicht in die Knie zwingen und werden uns vor Angriffen schützen - notfalls mit Gewalt". Diese Botschaft sendet man eben dadurch, dass man sein Leben nicht ändert.

Das Interview führte Anna Reimann

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Easyrider1958, 19.11.2010
1. Wenn meine ehrliche Meinung wirklich gefragt ist...
Zitat von sysopInnenminister de Maizière hat vor einem konkreten Anschlag in Deutschland gewarnt. Was löst das bei der Bevölkerung aus? Traumaforscher Lüdke rät im Interview den Menschen, sich auf ihr Bauchgefühl zu verlassen. Und: "Lasst euch nicht einschüchtern, zeigt eure Angst nicht." http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,730014,00.html
machen mir unsere momentanen Politiker und unsere Herren in Nadelstreifen aus der Wirtschaft und dem Bankenwesen tatsächlich Angst und nicht die Terrorgefahr... Ich möchte nicht in einem Überwachungsstaat a la George Orwell leben, der sich vermeintlich gegen Terroristen richtet, aber eine sehr große Gefahr für den freien Bürger darstellt....und unsere Demokratie...denn die Überwachung kann jederzeit gegen den Bürger gerichtet werden, wenn die falschen Leute am Ruder sind und jede Protestbewegung wird so im Keim erstickt, wehret den Anfängen....und wenn ich Merkel zu Stuttgart 21 höre und andere Politiker, geht aus deren Sicht die Gefahr von selbstbewußten demonstrierenden Bürgern aus....errinnert an "Schöne neue Welt" von Aldous Huxley Und wem ist das hier zu verdanken: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,729703,00.html Und die Arbeitsmarktreformen mit Hartz IV, 400€ Jobs, Niedriglöhnern, Lockerung Kündigungsschutz, Ausweitung von Zeitarbeitsverträgen....Rentenreform mit niedrigeren Renten mit dem Zwang zur Privatversicherung, will man im Alter noch Würdevoll leben... Gesundheitsreform....Mehr Zuzahlungen, weniger Leistungen, Zusatzversicherungen usw....wer soll das noch bezahlen, bei immer mehr Menschen mit niedrigem Einkommen, niedrigen Renten, Hartz IV Bezug usw..wer.... Von wo geht also die Gefahr tatsächlich aus für den Bürger...Wer bürdet ihm immer mehr Eigenverantwortung auf ohne Perspektiven zu bieten, diese Eigenverantwortung auch wahrnehmen zu können...Terroristen? Die Gefahr kommt für mich woanders her..solche Menschen machen mir Angst im Hier und Jetzt, vor Krankheit und Alter.... Gruß Randolf
roberttheory 19.11.2010
2. Das ist wahrer Terror!
"Es ist ja keine Frage, ob es hier irgendwann einen Terrorangriff geben wird, sondern nur wann."
dasbertl 19.11.2010
3. Was für Angst?
"Zeigt eure Angst nicht." Was für Angst? Wovor sollte ich Angst haben? Ich habe es schon öfter erwähnt und lasse es jetzt auch nicht bleiben: Wenn ich vor Terroranschlägen bzw. davor bei einem zu sterben Angst hätte, dürfte ich nicht mehr auf die Strasse gehen, denn die Gefahr von einem Auto überfahren zu werden ist ungleich höher. Angst? Wozu? Und wenn es mich tatsächlich erwischen sollte, hab ich ähnlich Pech gehabt, wie andere die im Lotto den Jackpot knacken Glück. Aber dann war meine Zeit wohl auch gekommen, denn sterben müssen wir alle und nur der Herrgott weiss wann.
conductor 19.11.2010
4. Schöner ...
... Beitrag @ Easyrider 1958
Berta, 19.11.2010
5. Turbokapitalismus und gekaufte Volksvertreter
Zitat von Easyrider1958machen mir unsere momentanen Politiker und unsere Herren in Nadelstreifen aus der Wirtschaft und dem Bankenwesen tatsächlich Angst und nicht die Terrorgefahr... Ich möchte nicht in einem Überwachungsstaat a la George Orwell leben, der sich vermeintlich gegen Terroristen richtet, aber eine sehr große Gefahr für den freien Bürger darstellt....und unsere Demokratie...denn die Überwachung kann jederzeit gegen den Bürger gerichtet werden, wenn die falschen Leute am Ruder sind und jede Protestbewegung wird so im Keim erstickt, wehret den Anfängen....und wenn ich Merkel zu Stuttgart 21 höre und andere Politiker, geht aus deren Sicht die Gefahr von selbstbewußten demonstrierenden Bürgern aus....errinnert an "Schöne neue Welt" von Aldous Huxley Und wem ist das hier zu verdanken: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,729703,00.html Und die Arbeitsmarktreformen mit Hartz IV, 400€ Jobs, Niedriglöhnern, Lockerung Kündigungsschutz, Ausweitung von Zeitarbeitsverträgen....Rentenreform mit niedrigeren Renten mit dem Zwang zur Privatversicherung, will man im Alter noch Würdevoll leben... Gesundheitsreform....Mehr Zuzahlungen, weniger Leistungen, Zusatzversicherungen usw....wer soll das noch bezahlen, bei immer mehr Menschen mit niedrigem Einkommen, niedrigen Renten, Hartz IV Bezug usw..wer.... Von wo geht also die Gefahr tatsächlich aus für den Bürger...Wer bürdet ihm immer mehr Eigenverantwortung auf ohne Perspektiven zu bieten, diese Eigenverantwortung auch wahrnehmen zu können...Terroristen? Die Gefahr kommt für mich woanders her..solche Menschen machen mir Angst im Hier und Jetzt, vor Krankheit und Alter.... Gruß Randolf
Mir auch!
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