Thierse rügt Wirtschaft "Vaterlandslose Gesellen"

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse kritisiert die „Unkultur der radikalen und rücksichtslosen Profitmacherei“ in der deutschen Wirtschaft und fordert von den Unternehmern endlich eigene Reformbemühungen. Die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland sei „unpatriotisch“.


Wolfgang Thierse: Kritisiert die Reformunwilligkeit der Wirtschaft
DDP

Wolfgang Thierse: Kritisiert die Reformunwilligkeit der Wirtschaft

Berlin - Thierse fordert von der Wirtschaft Reformanstrengungen ein. "Bisher haben die Wirtschaftsführer nur Forderungen an die Arbeitnehmer und die Politik gerichtet", sagte der SPD-Politiker der "Welt am Sonntag". Nun müsse darüber geredet werden, was Unternehmen und Manager an Reformen zu leisten hätten und welche Forderungen sie an sich selbst stellen müssten. Thierse kritisierte die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland ebenfalls als unpatriotisch.

Zu entsprechenden Ankündigungen einiger deutscher Unternehmer sagte der Bundestagspräsident: "Sie sind in gewissem Sinne "vaterlandslose Gesellen', weil sie in einem Widerspruch leben." Einerseits erwarteten sie an ihrem Lebensort Deutschland eine perfekte Infrastruktur, hervorragende Theater, Universitäten, Krankenhäuser, Straßen und gut ausgebildete Fachkräfte. Zugleich verlagerten sie aber Standorte ins Ausland, um weniger Steuern und Abgaben zu zahlen, aus denen all dies finanziert werde. "Diesen Widerspruch müssen die Unternehmer auflösen", forderte Thierse.

Er sehe "mit einer gewissen Beunruhigung", dass ein bestimmter Unternehmensbegriff zerstört werde, der einmal zur Erfolgsgeschichte Deutschlands gehört habe, erklärte der SPD-Politiker. Die Unternehmen würden auf "reine Profiterzeugungsmaschinerien" reduziert. "Je schneller der Profit erzeugt wird, desto besser." Auch wenn das Gewinnstreben der Motor der Marktwirtschaft sei, sei es früher auch ein wesentliches Ziel der Unternehmen gewesen, Beschäftigung zu organisieren. "Dieses Konstitutivum der sozialen Marktwirtschaft müssen wir zurückgewinnen und verteidigen gegen diese Unkultur der radikalen und rücksichtslosen Profitmacherei", betonte Thierse.



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