Maaßen und Sarrazin im Thüringer Wahlkampf Sie sind doch nur besorgt

Thüringens CDU- und SPD-Kandidaten werben im Wahlkampf mit Ex-Verfassungsschutzchef Maaßen und Bestseller-Populist Thilo Sarrazin. Doch denen geht es weniger um ihre Parteien als um ihre eigenen Anliegen.
Ex-Verfassungsschutzpräsident Maaßen: "Ich bin nicht nach rechts gerutscht"

Ex-Verfassungsschutzpräsident Maaßen: "Ich bin nicht nach rechts gerutscht"

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DPA / Michael Reichel

Thilo Sarrazin hat auf der Bühne ein paar Herzen gefunden. Es sind SPD-rote Fruchtgummis in Herzform, die hier, bei einer Lesung mit Sarrazin im thüringischen Pößneck, zusammen mit Flyern und SPD-Fliegenklatschen verteilt werden. Eingeladen hat ihn sein Genosse Oskar Helmerich, der sich gerade mitten im Landtagswahlkampf befindet. Helmerich ist ein früheres AfD-Mitglied, das zur SPD wechselte - und damit der rot-rot-grünen Landesregierung die Mehrheit sicherte.

Es raschelt auf der Bühne. Sarrazin liest langsam vor, was auf der Fruchtgummitüte steht. "Am Sonntag SPD wählen", sagt er. "So. Wer was Süßes möchte, kann sich das hier später abholen. Das war jetzt aber mein einziger Wahlkampfbeitrag." Jetzt gehe es um sein jüngstes Buch.

Das sind recht offene Worte von Sarrazin, der offenbar nur vorgeblich nach Thüringen gekommen ist, um einen SPD-Kollegen zu unterstützen. Sarrazin, der frühere Berliner Finanzsenator und Bundesbank-Vorstand, ist eine von zwei Reizfiguren, die in ihren Parteien für ordentlich Knatsch sorgen und nun im Thüringer Wahlkampf mitmischen. Die andere heißt Hans-Georg Maaßen, bis 2018 Präsident des Verfassungsschutzes und Mitglied der CDU-WerteUnion. Die beiden treten getrennt auf, sie kennen sich nicht. "Wenn wir uns träfen, hätten wir einiges zu diskutieren", sagte Sarrazin vor einigen Wochen dem Magazin "Cicero".

Während sich die SPD seit Jahren mit Sarrazin darüber streitet, ob er in der Partei bleiben darf, löste eine von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer angezettelte Diskussion über den Ausschluss Maaßens heftige Gegenrede in ihrer Partei aus. Die Thüringer Spitzenkandidaten Wolfgang Tiefensee, SPD, und Mike Mohring, CDU, distanzierten sich von den Auftritten ihrer streitbaren Parteikollegen - das scheint diese aber kaum zu kümmern. Bei ihren Besuchen in Thüringen erwecken sie ohnehin eher den Eindruck, als ginge es ihnen weniger um ein gutes Abschneiden ihrer Parteien als um ihre eigenen Anliegen.

Maaßen war einst "der Softie"

Mittwochabend vergangener Woche. Maaßen ist in Gotha, die stramm konservative WerteUnion hat ihn eingeladen. Begründung: "Heute ist man ja schon Rechtspopulist, wenn man pünktlich zur Arbeit kommt", sagt Rechtsanwalt Christian Sitter aus Gotha, Gründungsmitglied und Vorsitzender der Thüringer WerteUnion. Maaßen sei ein Beispiel, wie man dagegenhalten könne.

Umstrittener Bestsellerautor Sarrazin: Thesen zu Muslimen

Umstrittener Bestsellerautor Sarrazin: Thesen zu Muslimen

Foto: John MACDOUGALL /AFP

Rund 100 Mitglieder hat Sitters Gruppe in Thüringen laut eigenen Angaben, doch die Sitzreihen in dem Tagungsraum eines Hotels sind leer: Nur gut 40 Zuhörer sind gekommen. Maaßen spricht leise und betont sachlich - es ist eine gemütliche Runde. Der geschasste Verfassungsschutzchef erzählt aus früheren Zeiten, als er in der CDU noch "der Liberale" gewesen sei. Unter SPD-Innenminister Otto Schily habe er im Ministerium das Zuwanderungsgesetz begleitet. Die CDU-Oppositionspolitiker Angela Merkel und Wolfgang Bosbach waren damals im Vermittlungsausschuss seine Gegenspieler, beschreibt er. "Die waren die Hardliner", er sei "der Softie" gewesen.

"Ich bin nicht nach rechts gerutscht" betont Maaßen. Gerade mit Menschen außerhalb des politischen Spektrums müsse man sprechen, "um sie vielleicht für die Demokratie zu gewinnen." Als Beispiele nennt er die AfD, Islamisten und Linke. "Auch der übelste Mensch kann recht haben", findet er. In Sachsen pilgerten AfD-Anhänger zu seinen Veranstaltungen - hier in Gotha sind es nur ein paar CDU-Mitglieder, die sich, wie sie sagen, von ihrer Partei verprellt fühlen.

Die rot-rot-grüne Landesregierung bezeichnet Maaßen als "Neuauflage des Sozialismus". "Wie man den Verfassungsschutz in Thüringen nach der Entdeckung des NSU demontiert hat, ist es einfach nicht gut für die Sicherheit in dem Land", sagt er. Er bekräftigt, dass eine Koalition mit der AfD auszuschließen sei, nachdem ein CDU-Mitglied im Publikum empfohlen hat, man könne die AfD doch in einer gemeinsamen Regierung "entzaubern".

Es sind solche Andeutungen aus dem Publikum, bei Maaßen wie bei Sarrazin, die man immer wieder heraushören kann. Ressentiments und Fremdenfeindlichkeit werden hier salonfähig ausgetauscht - auch wenn beide Ex-Behördenleiter ihre Grenzen ziehen: Beide geben vor, nur vor bestimmten Entwicklungen warnen zu wollen. Sie seien besorgt, beteuern beide. Doch das Publikum scheint bereits über weiterführende Konsequenzen aus ihren Worten nachzudenken - wie etwa über eine Koalition mit der AfD.

25 Euro für Sarrazins Thesen

Zurück nach Pößneck: Gut anderthalb Stunden dauert der Auftritt von Thilo Sarrazin. Er spricht davon, dass der Islam eine "Gewaltideologie" sei. Es gebe eine "Tendenz des Beleidigtseins" bei Muslimen. 35 bis 40 Prozent der Erstklässler in Bremen und Berlin seien heute Muslime. Die demografische Entwicklung müsse gestoppt werden.

Er arbeite mit Fakten, betont er. Eine dieser vermeintlichen Tatsachen: Dass so viele Medien nicht über die Probleme der Migration berichten würden, liege daran, dass Journalisten und Politiker so wenig Kinder hätten und sich deshalb nicht um die Zukunft Deutschlands scherten, behauptet er. Ein anderer angeblicher Fakt, den Sarrazin serviert: Nicht wir lebten auf dem Rücken der "Dritten Welt", vielmehr lebe sie auf unserer Kosten, rechnet er vor - und erhält dafür Applaus.

25 Euro Eintritt mussten die gut 200 Besucher bezahlen, um sich die Thesen des Bestsellerautors anzuhören. Nach Angaben des Büros von Oskar Helmerich habe man aber sogar noch 3000 Euro draufzahlen müssen, um Sarrazins Honorar bezahlen zu können.

Hans-Georg Maaßen erklärt auf Anfrage, er habe sich mit den Fahrtkosten begnügt.