Thomas de Maizière Leitkultur? Da war doch was!

"Wir sind nicht Burka": Der Innenminister sinniert über die deutsche Leitkultur - wie schon so viele Unionsmänner vor ihm. Die Geschichte eines Wortes in kontroversen Politikerzitaten.

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Endlich wieder eine richtig schöne Leitkultur-Debatte! "Wer sind wir? Und wer wollen wir sein?", fragte sich Bundesinnenminister Thomas de Maizière in einem Gastbeitrag in der "Bild am Sonntag".

Seine Antwort: Leitkultur. Die hat etwas mit Haltung zu tun, sagt er. "Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand." Und weiter: "Wir sind eine offene Gesellschaft. Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka." Ein Satz, wie gemacht für die sonntäglichen Schlagzeilen der Bundesrepublik. "Wer sich seiner Leitkultur sicher ist, ist stark", schreibt de Maizière weiter.

Der Leitkultur-Begriff wabert schon seit vielen Jahren durch die deutsche Politik. Die Debatte darüber kocht immer wieder hoch, oft angestachelt durch markige Politikermeinungen - auffallend häufig treibt das Thema weiße Männer in eher fortgeschrittenem Alter aus Unionskreisen um, wie es scheint. Ein Rückblick in Zitaten auf ein Wort, das nicht totzukriegen ist:



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spontanistin 30.04.2017
1. Clash of cultures!
Multikulti bedeutet erst einmal ein Zusammentreffen unterschiedlichster Kulturen mit in der Regel in der frühen Kindheit geprägten und konditionierten Wertvorstellungen und Verhaltensweisen. Dabei dürfte es evident sein, dass sich jede dieser Kulturen der anderen als überlegen und weiter entwickelter, also "kultureller" fühlt. Denn sonst würde man ja Werte und Normen der anderen Kultur übernehmen resp. Integrieren. Aber selbst eine Schächtung von Tieren im Hausflur wird im Einzelfall nicht als primitiver und unhygienischer angesehen, als eine den deutschen Hygiene-, Gesundheits- und Arbeitsschutzvorschriften entsprechende Schlachtung im Schlachthof! Eine Leitkultur-Diskussionen führt nur zu Zank, Streit und Ausgrenzung. Zwingend wäre eine Verständigung über allgemein übergeordnete Standards des Zusammenlebens und der wissenschaftlichen Erkenntnis in gegenseitigem Respekt. Mit "Leitkultur" werden wieder nur tumbe rassistische Anschauungen unterstützt und plumper Wahlkampf betrieben.
aggelbagg 30.04.2017
2. Wider alle Schlagworte
Ich finde es flach, sich an einem Wort hochzuziehen bzw. es zu zerfleischen, statt sich mit den Inhalten zu beschäftigen. Meiner Erfahrung nach macht man das immer dann, wenn man das Thema umschiffen möchte und den anderen einfach nur mittels eines Schlagwortes in die Enge treiben will, um die Diskussion auf einen Nebenschauplatz zu verlagern. Das Ergebnis sind nur immer wieder neue synonyme Vokabeln, die eine Weile benutzt werden, bis sie auch wieder einen negativen Klang haben, ein sicheres Indiz dafür, dass man sich an den Inhalt nicht herangewagt hat. Es geht hier um so etwas wie die eigene Identität (wie immer die aussieht). Um Integration. Darum, einen Weg zu finden, der Vielfalt ermöglicht, ohne dass man seine eigenen Wertvorstellungen aus falsch verstandener (und oft einseitiger) Toleranz selber aufgibt. Niemand ist zwingend rechts oder gar extremrechts, nur weil er möchte, dass die hiesigen Werte erhalten bleiben sollen, für die im übrigen in der Regel sehr lange gekämpft werden musste. Dazu gehört unter anderem die Gleichberechtigung und Freiheit der Frau. Redefreiheit. Meinungsfreiheit. Darum, dass die Gewalt (in Teilung) beim Staat liegt, nicht in der Familie oder Ethnie. Nennt es Grundrechte, nennt es Leitkultur, mir egal. Es geht um den Inhalt. Wir dürfen nicht zulassen, dass an diesen Werten gerüttelt wird, egal von wem. Meiner Erfahrung nach sind die, die am meisten diesem Erhalt der eigenen Werte und der eigenen Kultur widersprechen und jede debatte dazu für böse und rechts halten, gleichzeitg häufig die, die verbissen für andere, gerne weit entfernte Kulturen darum kämpfen, dass sie ihre Identität pflegen und leben können (Yanomami, Tibeter, Schamanen,.... etc.)
keine-#-ahnung 30.04.2017
3. Es mag sein, dass Multikulti ...
Zitat von spontanistinMultikulti bedeutet erst einmal ein Zusammentreffen unterschiedlichster Kulturen mit in der Regel in der frühen Kindheit geprägten und konditionierten Wertvorstellungen und Verhaltensweisen. Dabei dürfte es evident sein, dass sich jede dieser Kulturen der anderen als überlegen und weiter entwickelter, also "kultureller" fühlt. Denn sonst würde man ja Werte und Normen der anderen Kultur übernehmen resp. Integrieren. Aber selbst eine Schächtung von Tieren im Hausflur wird im Einzelfall nicht als primitiver und unhygienischer angesehen, als eine den deutschen Hygiene-, Gesundheits- und Arbeitsschutzvorschriften entsprechende Schlachtung im Schlachthof! Eine Leitkultur-Diskussionen führt nur zu Zank, Streit und Ausgrenzung. Zwingend wäre eine Verständigung über allgemein übergeordnete Standards des Zusammenlebens und der wissenschaftlichen Erkenntnis in gegenseitigem Respekt. Mit "Leitkultur" werden wieder nur tumbe rassistische Anschauungen unterstützt und plumper Wahlkampf betrieben.
... irgendwie so sein soll, wie Sie es beschreiben. Und genau deswegen wird eine solche "Kulturform" auch von einer recht grossen Mehrheit in diesem Lande abgelehnt. Hat nicht funktioniert und kann nicht funktionieren - schauen Sie nach Duisburg, Offenbach, Neukölln et al. Sollten politische Mehrheiten für eine solche Ausprägung des gesellschaftlichen Miteinanders zustande kommen, müsste bspw. ich das so akzeptieren und meine Konsequenzen daraus ziehen, etwa emigrieren. Solange dies aber in der Gesellschaft nicht entschieden wurde, darf ich zumindest erwarten, dies nicht durch die Hintertür zu importieren und einen point of no return zu etablieren.
gersois 30.04.2017
4. BILD-Beitrag
Was dieser Politiker da offensichtlich in dem BILD-Artikel zusammen schwafelt, ist unerträglich! "Wir sind nicht Burka". Ich bin auch nicht Mütze, Hut oder sonstiges Kleidungsstück! Unsere Kultur beruht im übrigen auf den Erkenntnissen der Aufklärung und des Humanismus. Menschenrechte hat es weder im praktizierten Christentum noch im Islam gegeben.
kleinsteminderheit 30.04.2017
5. Der Innenminister liegt völlig richtig
Die Sie ihn und andere CDU Politiker mit dem Gedanken eines gemeinsamen Wertesystems in eine Reihe mit einigen unappetitlichen Rechtsauslegern stellen ist erhellend. Alle diese CDU und CSU Politiker wurden in der Vergangenheit für Ihre Vorstellung einer einenden Leitkultur gnadenlos niedergeschrieben. Dies war falsch, denn es überließ dieses Thema dem rechten Rand, der sich so bis in die Mitte der Bevölkerung ausdehnen konnte. Der Bevölkerungsmehrheit ist mittlerweile klar, dass Multikulti nicht Straßenfest sondern Parallelgesellschaft heißt und dass wir für ein gedeihliches Miteinander kulturelle Leitlinien und gemeinsame Werte brauchen. Ich hoffe, der Innenminister zeigt Durchhaltevermögen.
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