Debatte über Strafvollzug Historiker vergleicht Schlafentzug bei Middelhoff mit Stasi-Methoden

Die permanente Kontrolle seiner Gefängniszelle soll den Ex-Manager Thomas Middelhoff krank gemacht haben: Er befindet sich derzeit in ärztlicher Behandlung. Seine Anwälte sprechen gar von Folter. Gedenkstätten-Chef Hubertus Knabe kritisiert den Schlafentzug im Knast als "Stasi-Methode".

Der frühere Top-Manager Middelhoff: Krank durch ständige Überwachung in U-Haft?
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Der frühere Top-Manager Middelhoff: Krank durch ständige Überwachung in U-Haft?


Die Haftbedingungen des früheren Top-Managers Thomas Middelhoff haben eine Debatte über den Alltag im Strafvollzug ausgelöst. Nach den Grünen kritisiert jetzt der Direktor der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, den Umgang mit möglicherweise suizidgefährdeten Gefangenen.

"Was über die Behandlung von Thomas Middelhoff in der Justizvollzugsanstalt Essen bekannt geworden ist, erinnert mich an die Methoden des DDR-Staatssicherheitsdienstes", sagte Knabe SPIEGEL ONLINE am Dienstag. "Aus zahllosen Opferberichten über das Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen weiß ich, wie zermürbend es ist, wenn in der Nacht alle paar Minuten das Licht angeschaltet wird." Das frühere Stasi-Gefängnis im Nordosten Berlins war nach dem Mauerfall in ein Informations- und Forschungszentrum umgewandelt worden.

Der frühere Arcandor-Chef Middelhoff sitzt in Essen wegen Fluchtgefahr im Gefängnis. Seine Anwälte erhoben in einer Haftbeschwerde schwere Vorwürfe. Mindestens jede Viertelstunde soll in Middelhoff Gefängniszelle das Licht angemacht worden sein, wochenlang, Tag und Nacht. Middelhoff soll auf diese Weise einen Monat lang indirekt zum Wachbleiben gezwungen worden sein. Das machte ihn krank.

Der 61-Jährige befinde sich nach Angaben seiner Verteidiger derzeit zur Behandlung im Universitätsklinikum Essen. Sein Gesundheitszustand soll sich verschlechtert haben. Die behandelnden Ärzte gingen von einer seltenen Autoimmunkrankheit aus. Die Verteidiger beantragten sofortige Haftprüfung - aus ihrer Sicht besteht bei Middelhoff Haftunfähigkeit.

Grüne sprechen von Menschenrechtsverletzung

Greift ein Gefängnis zu solch aufwendigen Maßnahmen wie bei dem ehemaligen Topmanager, steckt dahinter folgender Grund: Man will sichergehen, dass sich der womöglich verzweifelte Insasse nicht umbringt. Der Leiter des Gefängnisses hatte in der "Bild am Sonntag" die Behandlung mit der Notwendigkeit begründet, einem möglichen Suizidversuch vorbeugen zu können. Tatsächlich ist diese Art der Überwachung in deutschen Gefängnissen erlaubt und verbreitet.

Gedenkstätten-Chef Knabe forderte alternative Sicherheitsmaßnahmen. "Es muss doch möglich sein, gefährdete Häftlinge mit modernen Technologien wie zum Beispiel Nachtsichtgeräten zu beobachten", sagte er weiter.

Zuvor hatten bereits die Grünen die Praxis der ständigen Zellenkontrolle infrage gestellt. Andauernder faktischer Schlafentzug sei "eindeutig eine Verletzung der Menschenrechte und mit nichts zu rechtfertigen", sagte die Grünen-Politikerin Renate Künast SPIEGEL ONLINE.

Der 61-jährige Middelhoff war wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft verurteilt worden, sein Anwalt hat Revision eingelegt. Kürzlich meldete Middelhoff Privatinsolvenz an. Nach SPIEGEL-Informationen versuchte er offenbar vorher, Vermögen vor seinen Gläubigern zu retten.

amz

insgesamt 115 Beiträge
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chefchen1 07.04.2015
1. Stasi überall
Soso, herr Knabe bezeichnet das als Stasi-Methode und im nächsten Absatz steht, dass das überall in der Bundesrepublik gemacht wird. Ist dann überall in der Bundesrepublik die Stasi? Ist das jetzt eine dramatische Wendung bei der Bewertung der "Stasi-Methoden"?
jorgeG 07.04.2015
2.
Da wird dann auch mal so was diskutiert. Diese Praxis ist x-fach von Landgerichten, Oberlandesgerichten und dem Bundesverfassungsgericht abgesegnet.
Mertrager 07.04.2015
3. Überrascht ?
Wirklich ? Man muss nur die Entwicklungen betrachten und dann passt das schon. Hilfreich sind bei solchen Betrachtungen auch Vergleiche mit Staaten, die bei uns als Diktaturen bezeichnet werden. Da ist natürlich meist alles "viel schlimmer". Das Interessante dabei ist, die Tendenzen zu sehen. - Wir sind auf dem Weg.
broesel111 07.04.2015
4. Vielleicht anders herum
Vielleicht waren die Bedingungen in DDR Gefägnissen gar nicht so anders (abgesehen von der maroden Baulichkeit) als in der heutigen (und damaligen) Bundesrepublik. Der Umgang mit Häftlingen ist einfach nicht nett, und ist es nie gewesen.
flo_bargfeld 07.04.2015
5. Die Lösung ist doch ganz einfach:
Laut dem Buch "Knast" des Gefängnisarztes Joe Bausch können Suizidgefährdete in eine Mehrpersonenzelle verlegt werden, wo sie dann unter zuverlässiger Beobachtung ihrer Zellenkameraden sind und das Licht ausbleiben kann. Warum sollte das bei Herrn Middelhoff nicht auch funktionieren? Er wird sich doch wohl nicht etwa zu schade sein, mit ganz gewöhnlichen Insassen die Zelle zu teilen?
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