Zum Tod von Thomas Schäfer Zerbrochen an den eigenen Ansprüchen?

Der Tod von Thomas Schäfer lässt Weggefährten ratlos zurück. Sie erlebten den hessischen Finanzminister als selbstdiszipliniert und zielstrebig. Regierungschef Bouffier glaubt, dass ihn die gefühlte Last erdrückt haben könnte.
Thomas Schäfer 1966-2020

Thomas Schäfer 1966-2020

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SABRINA FEIGE HANDOUT/EPA-EFE/Shutterstock

Im vergangenen Oktober hatte Thomas Schäfer einige Journalisten zu einer kleinen Rundtour durch Hessen eingeladen. Politiker tun so etwas manchmal, vorzugsweise in Wahlkampfzeiten, um zu zeigen, wie nah sie an den Wählern und ihren Problemen sind. Schäfer hatte in Hessen keinen Wahlkampf vor sich, aber eine Bewerbung.

Nur wenige Wochen zuvor hatte Ministerpräsident Volker Bouffier in einem Interview angedeutet, dass er vor dem offiziellen Ende seiner Amtszeit im Herbst 2023 die hessische Staatskanzlei räumen und Platz für einen Nachfolger machen könnte. Niemand in der hessischen CDU zweifelte daran, dass Schäfer sich diesen Job zutraute, schon lange darauf hinarbeitete, und viele Parteifreunde hielten ihn auch für geeignet. Es gab jedoch auch Konkurrenten und einflussreiche Zweifler in seiner Partei. Deshalb, so sagten es enge Berater im Oktober, arbeite Schäfer nun verstärkt daran, zu zeigen, dass er nicht nur ein spröder Finanzminister sei, der mit großen Zahlen jongliere, detailliert über die Grundsteuerreform referieren und Steuerfahnder für ihren Einsatz bei den Ermittlungen in Cum-Ex-Verfahren loben könne.

Für die Fahrt durch Hessen hatten Schäfers Leute Termine rausgesucht, die ihn als vielseitigen und lockeren Allroundpolitiker zeigen sollten. Er machte Station bei den Hessischen Staatsweingütern und kletterte für die Fotografen in einen Weinberg, um Trauben zu naschen. Er ließ sich in ein südhessisches Berufsbildungswerk bringen, um mit benachteiligten Jugendlichen über ihre Ausbildungsmöglichkeiten zu sprechen und anschließend auf dem Ausbildungsgelände noch ein paar Runden in einem Radlader zu drehen, "ein kleiner Kindertraum", sagte er fröhlich in die Kameras. Und er ließ auf der Fahrt im Kleinbus auch ein paar dosierte Einblicke in sein Privatleben zu, das sich zwischen dem ehemaligen Elternhaus im mittelhessischen Biedenkopf und dem aktuellen Hauptwohnsitz bei Wiesbaden abspielte, wo der 54-Jährige mit seiner Ehefrau und zwei Kindern, damals acht und elf Jahre alt, wohnte.

Schäfer war ehrgeizig und zielstrebig, das merkte man schnell, wenn man mit dem 1,97 Meter großen und zuletzt etwa 110 Kilo schweren Mann über sein Leben sprach. Er erläuterte, warum es in seiner Ausbildungszeit gut gewesen sei, nicht nur auf ein Pferd zu setzen und neben der politischen Karriere, dem Jurastudium und der Promotion auch noch eine Bankausbildung bei der Sparkasse Marburg-Biedenkopf abgeschlossen zu haben. Und er erzählte, wie er als Jugendlicher das Hausdeputat seines Vaters, Prokurist in einer Brauerei, in Form von 6,5 Bierflaschen pro Tag gewinnbringend dafür eingesetzt habe, in seiner Handballmannschaft für gute Stimmung zu sorgen: Einen großen Teil dieser Flaschen habe er für Vereinsfeste gestiftet.

Mit Selbstdisziplin sei fast alles zu schaffen

In der Regel garnierte Schäfer solche Geschichten mit einem Schmunzeln, das Selbstironie andeuten sollte. Es waren aber immer Geschichten, die am Ende gut für ihn ausgingen, die zeigten: Ich weiß, wie es geht. Mit sehr viel Selbstdisziplin sei fast alles zu schaffen, meinte Schäfer einmal: Einen schuldenfreien Landeshaushalt hinzukriegen ebenso wie 30 Kilo abzunehmen, was er im vergangenen Jahr auch geschafft habe.

Misserfolge waren in dieser Außendarstellung nicht vorgesehen, weder in den vielen Presseerklärungen seines Ministeriums noch in seiner politischen Karriere. Zu Beginn seiner Zeit in der hessischen Landespolitik war Schäfer Büroleiter bei Justizminister Christean Wagner, dann bei Ministerpräsident Roland Koch, zwei harte Unions-Rechtsaußen, die extreme Anforderungen an ihre Zuarbeiter stellten. Schäfer biss sich durch und erzeugte bei vielen den Eindruck, unkaputtbar zu sein. Wie "ein Fels in der Brandung" habe er auch als Finanzminister immer gewirkt, erzählt ein Kabinettskollege aus der Wiesbadener Landesregierung. Einer, der scheinbar immer irgendwie eine Lösung finde. "Stress lasse ich nicht an mich heran", war einer der Sätze, die Schäfer gern sagte.

Jetzt machen sich andere Regierungsmitglieder Gedanken, ob sie nicht hätten merken können, dass Schäfer hinter der Fassade vielleicht doch verletzbarer gewesen sei. Dass ihm Kritik weitaus stärker zugesetzt habe, als es für politische Wegbegleiter, Beobachter und politische Gegenspieler auf Anhieb zu erkennen gewesen sei. Und dass die Angst, seinen eigenen Ansprüchen und Ankündigungen nicht gerecht zu werden, in seinem Leben möglicherweise ein solches Gewicht bekommen habe, dass er darunter zusammenbrach.

Bislang sind die Gründe unklar, aus denen Thomas Schäfer wohl beschlossen hat, sein Leben zu beenden. Er hinterließ einen Abschiedsbrief, in dem er sich offenkundig zu erklären versuchte. Und es gibt die Einschätzung von Regierungschef Bouffier, dass Schäfer "erdrückt" worden sei von der Sorge, die "riesigen Erwartungen der Bevölkerung" in der Coronakrise nicht erfüllen zu können, also zum Beispiel nicht genug Geld für staatliche Hilfen bereitstellen zu können. "Er fand offensichtlich keinen Ausweg mehr", sagte Bouffier. Dabei habe man gerade ihn in dieser so schweren Zeit besonders gebraucht.

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