Thorsten Schäfer-Gümbel Rückzug auf Raten

Als Charismatiker galt er nie, dafür als treuer Parteisoldat: Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel gibt alle Ämter ab. Entschieden hat er das schon vor einem Jahr - eine Nachfolgerin läuft sich bereits warm.

Thorsten Schäfer-Gümbel
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Thorsten Schäfer-Gümbel

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Er wollte den Zeitpunkt selbst bestimmen: Um 15.30 Uhr an diesem Dienstag betritt Thorsten Schäfer-Gümbel den Raum 307 W des hessischen Landtags, setzt sich vor eine blaue Wand mit der Aufschrift "Landespressekonferenz Hessen" und verkündet seinen Rückzug auf Raten.

Ab 1. Oktober will er Arbeitsdirektor und Vorstandsmitglied der staatlichen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit werden und bis dahin sukzessive alle Ämter in Partei und Landtagsfraktion aufgeben. Die Entscheidung habe er schon vor einem Jahr getroffen, sagt TSG, wie ihn seine Parteifreunde nennen.

Dreimal war er seit 2009 als Spitzenkandidat zur Landtagswahl in Hessen angetreten. Vor dem letzten Wahlgang im vergangenen Oktober sei ihm klar gewesen, dass es keinen vierten Anlauf geben würde, falls er nicht gewählt werde. Und so ist es gekommen: Die SPD landete 2018 in Hessen bei äußerst bescheidenen 20 Prozent und sogar noch knapp hinter den Grünen auf dem dritten Platz.

Als Wahlkämpfer war Schäfer-Gümbel somit endgültig gescheitert. Aber dass es trotz des miserablen Ergebnisses fünf Monate lang ruhig blieb in der Partei und der 49-Jährige seinen Rückzug selbst bestimmt und ohne laut hörbares Grummeln seiner Parteifreunde organisieren konnte, spricht immerhin dafür, dass er zumindest als Parteichef keine ganz schlechte Arbeit abgeliefert hat. Die ehemals tief zerstrittene Hessen-SPD, die sich unter ihrer früheren Vorsitzenden Andrea Ypsilanti 2008 im Richtungskampf noch völlig zerlegt hatte, kann also auch Disziplin.

Debatte über die Nachfolge

Nun suchen die Genossen ihre Chance in einer Neuaufstellung. Viele in der hessischen SPD hoffen, dass die derzeitige Generalsekretärin Nancy Faeser das neue Gesicht des Landesverbandes wird. Die 48-jährige Juristin hat neben ihren politischen Ämtern einige Jahre lang in einer renommierten Frankfurter Anwaltskanzlei gearbeitet und sich gleichzeitig im Wiesbadener Landtag den Ruf einer klugen und pragmatischen Innenpolitikerin erarbeitet. Im Unterschied zu Schäfer-Gümbel, der in der SPD parteiintern als überzeugter Anhänger rot-grüner Koalitionen und Parteilinker galt, ließ Faeser stets auch Sympathien für einen sozialliberalen Kurs erkennen. Das mag nicht jeder in der traditionell eher linken Hessen-SPD.

Nancy Faeser, Schäfer-Gümbel
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Nancy Faeser, Schäfer-Gümbel

Aber was die Genossen nach den dunklen Zeiten der Zerstrittenheit durchaus schätzen, ist Loyalität. Nach der SPD-Wahlschlappe bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr widerstand Faeser jedem Versuch, sich öffentlich als TSG-Nachfolgerin ins Gespräch zu bringen. Stattdessen hielt sie sich in der zweiten Reihe, arbeitete in Untersuchungsausschüssen und registrierte unaufgeregt, dass sie von Genossen in Hessen und auf Bundesebene nicht nur für Spitzenfunktionen in Wiesbaden gehandelt wird, sondern auch schon als Nachfolgerin von Justizministerin Katarina Barley ins Gespräch gebracht wurde.

Treuer Parteisoldat

Schäfer-Gümbel äußert sich bisher nur indirekt zur Debatte über seine Nachfolge, gilt aber als Förderer Faesers. In den vergangenen Wochen wurde in Parteikreisen darüber diskutiert, ob nicht auch der Nordhesse Michael Roth für den Parteivorsitz infrage komme, er ist derzeit Staatsminister im Auswärtigen Amt. Roth könne den Parteijob von Berlin aus machen, während Faeser in Wiesbaden die Fraktion führe, so die Überlegung.

Von diesem Modell hält Schäfer-Gümbel allerdings nichts. Die Entscheidung würden natürlich in den jeweiligen Gremien getroffen, sagt er. Aber es sei "keine Überraschung", dass er es für eine bessere Lösung halte, wenn Fraktions- und Landesvorsitz in einer Hand blieben, so TSG. Das kann wohl als eine deutliche Empfehlung für Faeser verstanden werden.

Für die Wählerschaft wäre Faeser, obgleich sie schon seit 2003 im Landtag sitzt und als Vizefraktionschefin dort seit vielen Jahren Schäfer-Gümbel den Rücken freihält, ein frisches Gesicht. Und auch ein guter Kontrast zum amtierenden, mitunter recht behäbig wirkenden CDU-Ministerpräsidenten Volker Bouffier.

Unangenehme Entscheidungen sind noch zu fällen

Zudem könnte sie gute Startbedingungen bekommen, denn Schäfer-Gümbel will seiner Nachfolgern oder seinem Nachfolger noch einige Brocken aus dem Weg räumen, bevor er Anfang Oktober seinen neuen Job antritt: Die mitunter lähmende organisatorische Spaltung der Hessen-SPD in die beiden mächtigen Bezirke Nord und Süd soll beispielsweise weitgehend überwunden werden, auch inhaltlich werde die Partei ein schärferes Profil brauchen, sagt der scheidende Parteichef.

Außerdem sind noch unbequeme Personalentscheidungen zu treffen in Partei und Fraktion, die nach dem dürftigen Wahlergebnis aus dem vergangenen Jahr mit spürbar weniger Geld auskommen müssen. Auch das will Schäfer-Gümbel noch übernehmen.

Ein Charismatiker sei er nie gewesen, sagen Landespolitiker, die TSG schon lange kennen - aber immer ein treuer Parteisoldat. Wenn er nun den Wechsel zu seiner Nachfolge gut hinbekommt, wäre es eine gute Nachricht für die hessische SPD.



insgesamt 16 Beiträge
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weltverbesserer75 19.03.2019
1.
Seine Nachfolgerin wird weiblich sein. Das ist wichtig und (endlich) ein weiterer kleiner Schritt in die richtige Richtung für die SPD. Die SPD ist, wie alle Parteien (mit Ausnahme der Grünen), trotz Fortschritten noch immer viel zu männlich aufgestellt. Von daher begrüße ich den Rücktritt von TSG.
kirschlorber 19.03.2019
2. Ihn trifft keine Schuld
Für wahr. Kein Charismatiker. Aber was wäre denn rauszuholen mit mehr Charisma? 0,5%?Wenn SPD nicht an den Ursachen arbeitet, wird es weiter in Richtung 5% Partei gehen. Da können sich die TSG Nachfolger abstrampeln wie sie wollen. Schröder und seine Grünen Helfer haben die Arbeiterpartei ruiniert, um sich bei den Mächtigen einzuschmeicheln. Wer nun meint, das alles sei notwendig gewesen um die Wirtschaft vor dem Untergang zu retten, der sei an andere europäische Staaten mit z.B. gerechten Renten erinnert, z. B. Österreich. Auch das in D von allen Kürzungen verschonte Beamtensystem zeugt davon, dass der drohende Untergang so nah nicht sein kann. Liebe SPD. Rentenkürzungen, Zweiklassenmedizin zurückzuführen und zwar 100%. Dann gehts euch wieder besser! Ihr schafft das!
K. Behnert 19.03.2019
3. Rückzug aus politischen Ämtern....
.... wir so etwas genannt. Ich sehe das - mit Verlaub - etwas anders: Der Herr hat erkannt, dass für ihn in der Zukunft auf dem Gebiet der Parteipolitik keine grossen Erfolge mehr zu erwarten sind. Deshalb hat er sich rechtzeitig nach einem Posten umgesehen, der ihm die Garantie gibt, eine gesicherte Existenz ohne viel Aufwand zu erlangen. Im Grunde das, wonach diese Leute alle streben: Sie wollen etwas werden. Da mag ihm der Posten bei der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit nicht so grosse persönliche Erfolge garantieren wie in der Politik, aber immerhin etwas Sicheres. Man sollte diesen Wechsel doch bitte einmal auch aus dieser Sicht betrachten und nicht immer der Interpretation der politischen Kommentatoren folgen.
PeterAlef 19.03.2019
4. ...der war schon vor 5 Jahren der Falsche...
...wenn auch ein verlässlicher Parteisoldat, deshalb haben sie ihn auch da belassen... Er selbst hatte nie die Eier, sich das einzugestehen, obwohl wir draußen das alle wussten. Und selbst jetzt...er geht nicht einfach, sondern auf Raten. Hält sich, zumindest teilweise, immer noch für unverzichtbar...ohne ihn geht's erst mal nicht...da sieht man, was er mit seinem Landesverband angerichtet hat. Ansonsten wie bei Schalke: Heidel hat sein Versagen gesehen, wollte aber bleiben, wenn, S04 wieder erfolgreich gewesen wäre. TSG macht das genauso...er wusste, er wird verlieren, blieb aber erstmal...man weiss ja nie...
heimatminister 19.03.2019
5. Immerhin
Der Herr macht es richtig. Drei erfolglose Versuche, nun der Rückzug. Andere haben es auch nach vielen Mißerfolgen nicht verstanden, man erinnere sich an einen Herrn aus Niedersachsen: Zig Anläufe, bis er Ministerpräsident war. Dann mehrere Vesuche, bis er BP war.... Oder aktuell die Ex-Weinkönigin: Drei Anläufe im Bundesland, immer gescheitert. Nun ist sie in doppelter Wartestellung: In Berlin und Mainz. Irgendein weiteres Pöstchen wird's schon werden. In der Zwischenzeit gibt's ein Ministerinnen-Gehalt für's Platz-Warmhalten....
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