AfD-Erfolg in Thüringen Ein Viertel völkisch

Mehr als 23 Prozent für die AfD - Björn Höcke ist neben Bodo Ramelow der Sieger der Wahl in Thüringen. Der nationalistische "Flügel" wird dadurch in der Rechtspartei noch mächtiger.

Björn Höcke: Ergebnis in Thüringen stärkt seine Position in der AfD
RONALD WITTEK/ EPA-EFE/ REX

Björn Höcke: Ergebnis in Thüringen stärkt seine Position in der AfD

Von , Erfurt


Es ist voll in der Gaststätte Hopfenberg in Erfurt, die AfD feiert hier ihre Wahlparty. Parteichef Alexander Gauland und andere Parteiprominente stehen schon zehn Minuten vor 18 Uhr auf der kleinen Bühne. Davor tummeln sich weitere Funktionäre und Mitglieder, für jene Jubelbilder, die der Pressesprecher vorab gewünscht hatte.

Dann, zwei Minuten bevor die erste Prognose über den Bildschirm flimmert, kommt auch Björn Höcke dazu. Wie auf Kommando teilt sich die Menge, die üblichen "Höcke, Höcke"-Rufe erschallen, der Spitzenkandidat wird umarmt, Hände klopfen auf seine Schultern. Die gewünschten Bilder, die gibt es hier schon vor 18 Uhr.

Höcke, der prominenteste Vertreter des völkisch-nationalen "Flügel" in der AfD, ist an diesem Abend der Landtagswahl Wahlsieger, auch wenn er das Direktmandat im Wahlkreis Eichsfeld I klar verpasste. Der 47-Jährige hat geschafft, was er wollte, das gesetzte Wahlziel von über 20 Prozent erfüllt.

Dabei ist Höcke nicht nur einer der bekanntesten, sondern auch der umstrittenste Politiker der gesamten AfD. Seine rassistischen und demokratiefeindlichen Positionen sind weit über Thüringen hinaus bekannt. Und doch hat er als Spitzenkandidat fast 24 Prozent geholt, doppelt so viel wie bei der letzten Wahl. Es ist ein Sieg auch für ihn, ein Sieg, der zeigt, dass selbst der Scharfmacher Höcke nicht zu radikal ist für ein knappes Viertel der Wähler.

Im Video: Die Reaktionen auf die Thüringen-Wahl

Martin Schutt/ DPA

Höckes Erfolg hilft den Völkischen in der Partei

Entsprechend gelöst erscheint Höcke auf der Bühne - und verkündet: "Bei der nächsten Wahl werden wir die absolute Mehrheit holen." Man habe "den Osten blau gemacht", sagt er. Und: "In wenigen Jahren werden wir eine gesamtdeutsche Volkspartei werden."

Dann schickt er noch eine Botschaft in die Richtung seiner parteiinternen Kritiker: Wenn man als Einheit bestehen bleibe, "und diese Einheit ist mit den Ostwahlen noch mal gestärkt worden", dann werde man bundesweit Geschichte schreiben. Der Applaus ist laut, die Agenda klar: Die Bundes-AfD soll sich an Höcke und den Ostverbänden orientieren.

Zuletzt war Höckes Einfluss in der Partei gesunken, er hatte zu viele negative Schlagzeilen gebracht. Und das, obwohl sich die AfD immer weiter radikalisiert hat, der "Flügel" stark an Macht gewann. Doch Höcke war nur noch die Galionsfigur, hinter ihm sorgte vor allem der Brandenburger Landeschef und Bundesvorstand Andreas Kalbitz für den Einfluss der Völkischen in der Partei. Denn Höcke ist kein Strippenzieher, kann nicht gut netzwerken, ist nicht nur gegenüber Journalisten, sondern auch bei Parteikollegen und Sympathisanten oft dünnhäutig.

Landtagswahl Thüringen 2019

Endgültiges Ergebnis

Zweitstimmenergebnis
Anteile in Prozent
CDU
21,7
-11,8
Die Linke
31
+2,8
SPD
8,2
-4,2
AfD
23,4
+12,8
Grüne
5,2
-0,5
FDP
5
+2,5
Sonstige
5,5
-1,6
Sitzverteilung
Insgesamt: 90
Mehrheit: 46 Sitze
29
8
5
5
21
22
Quelle: Landeswahlleiter

Gleichzeitig mag er den großen, inszenierten Auftritt. Zu Wahlkampfterminen kam Höcke fast immer kurz vorher angereist, lief mit Geleit seiner Sicherheitsleute zur Bühne, verschwand nach seinen Reden, so schnell es ging. Nur beim Wahlkampfabschluss in Erfurt am Samstag blieb er länger, machte Selfies mit zahlreichen Sympathisanten - umrahmt von Securityleuten und mit eisigem Lächeln. Volksnähe ist nicht Höckes Sache.

Die Show, die Höcke so gerne produziert, hat ihm bereits viel Ärger eingebracht. So formierte sich im Juli zumindest ein kleiner parteiinterner Aufstand gegen ihn, nachdem er beim Kyffhäusertreffen des "Flügel" mit zahlreichen Fahnen einmarschiert war und ein vierminütiges Imagevideo mit ihm in der Hauptrolle gezeigt hatte. Die rund hundert Unterzeichner kritisierten den "exzessiv zur Schau gestellten Personenkult" und schrieben: "Die AfD ist und wird keine Björn-Höcke-Partei!"

Doch das ist schon etwas her - und Höcke kann jetzt eine erfolgreiche Wahl vorweisen. Vor allem die prominenten Vertreter der Ost-Landesverbände, die extra nach Thüringen angereist sind, loben ihn: "Das Wahlergebnis zeigt, dass Björn Höcke der AfD überhaupt nicht schadet, sondern dass er ein Zugpferd ist", sagt Jörg Urban, der sächsische Landeschef. Es sei das zweitbeste Ergebnis, das die AfD je eingefahren habe. Und das sei "zum ganz großen Teil" Höcke zu verdanken.

Parteichef Alexander Gauland, dessen Meinung in der AfD immer noch am meisten zählt, sagt auf der Bühne in Erfurt, Höcke habe "alles richtig gemacht und alles richtig gesagt". Der Wahlsieg habe allen deutlich gezeigt, so Gauland: "Das ist die zukünftige Volkspartei."

Fünf Wochen vor den Bundesvorstandswahlen steht Höcke nun gestärkt da, auch wenn es vermutlich nicht reichen wird, um selbst für einen Posten zu kandidieren. Das will Höcke auch gar nicht. Er kämpft für noch mehr Einfluss des "Flügel" auf die Bundespartei - offenbar erfolgreich.

insgesamt 177 Beiträge
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residler 28.10.2019
1. Faschismus for ever
Wie kann es sein, dass rund 1/4 der Deutschen wider faschistische Zustände herbei wünschen? Nach einem Jahrzehnt der Konzentrazionslager, Morderei, Totschlag, Dennuzieren, Angst, Horror, Unfreiheit, Vergasung, Vergewaltigung, Lügen, Rechtlosigkeit und Millionen von Toten, Verletzten, Traumatisierten und der totalen Zerstörung der Lebensgundlage. Wie stumpf muss man sein um das alles zu vergessen. Für uns Schweizer unbegreiflich.
residler 28.10.2019
2. Nichts gelernt, nichts verarbeitet
Diese Wahlen zeigen, dass ein grosser Teil der Deutschen nichts gelernt haben. Deprimierend
zauberer2112 28.10.2019
3. Trotz Höcke
Ich glaube, dass die AfD ohne Höcke sogar noch besser abgeschnitten hätte. Die Zahl derer, die ihn zu extrem finden, ist sicher höher als die derer, die ihn wegen seiner extremen Positionen und des Flügels gewählt haben. Insofern sollten die anderen Parteien (bundesweit!) ihm dankbar sein und dieses Signal endlich verstehen und verdammt nochmal vernünftig liefern, ansonsten behält er recht und sie sind weiter auf dem zu einer gesamtdeutschen Volkspartei und einer womöglichen Mehrheit - inkl. Flügel! Also muss die Konsequenz aus dieser Wahl nicht heißen : "Deutschland erwache!" sondern : "Deutsche Parteien erwachet!" Aber wer soll das sein? Scholz, Klingbeil, AKK, Altmaier, Heil, Schwesig, Dreyer, Giffey, Baerbock, KGE, Habeck & Co.? Da sehe ich schwarz. Also reißt euch endlich zusammen und kümmert euch nicht um euch selbst oder Utopien wie Mietendeckel, Enteignungen, Klimawende bis übermorgen...!
chukwumeze 28.10.2019
4. Fast 25% Rechtsextreme, Nazis und
den Rechtsterrorismus Bejahende in Thüringen. Demokratisch gewählt. Jetzt heißt es immer und überall rote Karte zeigen. Da haben die Zschäpe und der NSU ja eine Menge Unterstützer.
annie.one 28.10.2019
5. Abstoßend
Wer eine Höcke AfD wählt, hat sich von Deutschland verabschiedet. Null Verständnis für diese Anti-Demokraten.
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