Datenanalyse zur Landtagswahl Linke und AfD profitieren von ehemaligen Nichtwählern

Seit 25 Jahren hat Thüringen keine so hohe Wahlbeteiligung gehabt wie bei dieser Landtagswahl. Das half vor allem AfD und Linkspartei. Überraschend ist das Verhalten der jungen Wähler.

An der Landtagswahl in Thüringen beteiligten sich so viele Menschen wie seit 25 Jahren nicht mehr
Martin Schutt/ DPA

An der Landtagswahl in Thüringen beteiligten sich so viele Menschen wie seit 25 Jahren nicht mehr

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Die letzte Landtagswahl für dieses Jahr ist durch und sie hat die Linke zum ersten Mal in der Geschichte zur stärksten Partei in einem Länderparlament gemacht. Maßgeblich hat die Partei dabei von den Nichtwählern profitiert, die sie mobilisieren konnte. Sie will zur Regierungsbildung nun mit "allen demokratischen Parteien" reden - also allen außer der AfD.

Die Wahlbeteiligung war so hoch wie seit 25 Jahren nicht mehr. Rund 65 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab - das sind gut zwölf Prozentpunkte mehr als vor fünf Jahren.

Die CDU hat bei der Wahl deutlich an Wählervertrauen eingebüßt. Das Ergebnis der Partei von Landeschef und Spitzenkandidat Mike Mohring brach im Vergleich zur Wahl 2014 um knapp zwölf Punkte ein und liegt nun nur noch bei 21,8 Prozent. Wie schon bei den Wahlen in Sachsen und Brandenburg verlor die CDU viele Wählerinnen und Wähler an die AfD.

CDU verliert Wähler an Linkspartei

Das Besondere in Thüringen: Auch an die Linkspartei von Ministerpräsident Bodo Ramelow gab die CDU zahlreiche Wähler ab. Das erklärt sich mit dem Amtsbonus: Ramelow ist über fast alle Lager hinweg beliebt. Selbst 60 Prozent der CDU-Wähler stimmen der Aussage zu, Ramelow sei "ein guter Ministerpräsident". Und so entschieden sich mehr als 20.000 frühere Unionswähler diesmal für die Linke.

Das geht aus der Analyse zur Wählerwanderung von Infratest dimap hervor. Das Wahlforschungsinstitut erstellt sie auf Grundlage eigener Befragungen, des vorläufigen Endergebnisses sowie weiterer amtlicher Statistiken. Die Werte sind eine grobe Schätzung dafür, wie viele Wähler eine Partei im Vergleich zur vorherigen Wahl halten konnte und wie viele zu und von anderen Parteien ab- oder zugewandert sind.

Quelle: Infratest dimap/ARD (Schätzung auf Basis von Vor- und Nachwahlbefragungen, Wahl- und Bevölkerungsstatistiken)

Die Linke kommt nach vorläufigem Ergebnis auf 31 Prozent der Stimmen. Sie profitierte neben ehemaligen CDU-Wählern auch von früheren SPD-Wählern - und vor allem von der gestiegenen Wahlbeteiligung: Etwa 60.000 ehemalige Nichtwähler stimmten diesmal für die Linke.

AfD überzeugt Wähler aus allen Lagern

Den größten Sprung nach oben machte die AfD: Die Partei von Björn Höcke konnte ihren Stimmenanteil mehr als verdoppeln und wurde mit 23,4 Prozent zweitstärkste Kraft. Sie konnte dabei Wähler aus allen anderen Lagern überzeugen. Insbesondere frühere CDU-Wähler, aber auch Linken-Wähler gaben diesmal der AfD die Stimme. Vor allem aber schaffte es die Partei wie keine andere, Nichtwähler zu mobilisieren: Rund 80.000 von ihnen votierten diesmal für die AfD.

Die SPD des bisherigen Landeswirtschaftsministers Wolfgang Tiefensee verlor im Vergleich zu vor fünf Jahren rund vier Punkte und kommt nun nur noch auf 8,2 Prozent. Die Sozialdemokraten gaben frühere Wähler unter anderem an die Linke ab. Die leichten Zugewinne aus dem Lager der ehemaligen Nichtwähler konnten die Verluste nicht ausgleichen.

Bei jungen Wählern liegt AfD vorn

Bei dieser Wahl konnte die AfD vor allem bei jungen Wählern punkten: 23 Prozent der Wähler unter 25 stimmten für die Partei. Damit schnitt die AfD bei dieser Wählergruppe sogar besser ab als die Linke, die hier 22 Prozent holte. Auch in den beiden anderen Wählergruppen unter 44 Jahren lag die AfD vorn.

Erst bei den Wählern zwischen 45 und 59 konnte die Linke überholen: Sie kam auf 28 Prozent, die AfD auf 26. Deutlich vorn lag die Linke dagegen bei den Wählern über 60. Mit 40 Prozent behauptete sie sich dort gegen die AfD (17), die CDU (24) und die SPD (10).

Bei AfD-Wählern sind Männer deutlich in der Mehrheit

Wie schon bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg, aber auch bei der Bundestagswahl 2017 haben in Thüringen vor allem Männer für die AfD gestimmt: 28 Prozent der Männer wählten die Rechtspopulisten und nur 18 Prozent der Frauen. Bei CDU und Linke ist das Verhältnis anders: Hier stimmten etwas mehr Frauen für die Parteien.

Große Diskrepanz bei Bildungsstand bei Wählern von AfD und Grünen

Die AfD konnte vor allem bei Wählern mit geringer formaler Bildung punkten: Sie holte dort 27 Prozent. Bei Wählern mit hohem Bildungsgrad kam die Partei nur auf 16 Prozent und lag damit hinter der CDU. Linke und vor allem Grüne wurden in der Bildungsschicht häufiger gewählt als von formal weniger Gebildeten.

Schaut man auf die Einschätzung der Wähler der eigenen wirtschaftlichen Lage, konnte die AfD vor allem bei den Unzufriedenen punkten (35 Prozent). Die Linke holte hier 26 Prozent, gewann dafür bei den "Zufriedenen".

Die AfD wurde laut Infratest dimap vor allem von Arbeitern gewählt (39 Prozent). Nur 24 Prozent der Arbeiter wählten die Linke, die dagegen bei Rentnern und Angestellten punktete.



insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
Alias bereits vergeben 28.10.2019
1. Bildung!
Nie war sie wertvoller als heute!
fatherted98 28.10.2019
2. Überraschend?
....wohl kaum. Die Jugend hat eine völlig konfuse Meinungsrepublik vor Augen....jeder neuen Wutz die durchs Dorf getrieben wird, wird nachgelaufen. Egal ob blauhaarige youtuber oder streikende FFFs.....man will es allen recht machen....nur an die die arbeiten gehen, sich eine Familie aufbauen wollen....denkt keiner....die werden belastet....durch Luftsteuern oder Verbote von Öl-Heizungen......da ist es kein Wunder das sich die Jugend von "der Mitte" abwendet....
gurkenhaendler 28.10.2019
3.
Was soll man da sagen, es sollten einfach drei Punkte angegangen werden: bessere Bildung für die Dummen (vielleicht auch mal über Kindergartenpflicht ab 4 Jahre nachdenken, gibt es sehr erfolgreich in einigen EU Ländern), sichere bzw. mehr Arbeitsplätze ( weniger Minijobs und weniger Leiharbeit) für die Arbeiter, Bürokratieabbau für die Selbstständigen. Dann sollten in diesen Gruppen auch wieder weniger Menschen AFD wählen. Eigentlich ganz einfach, muss man nur entscheiden und durchsetzen. Sich über die Wähler zu beschweren bringt nichts.
usch400 28.10.2019
4. Was ist das Grundmotiv der AfD Wähler
Die Theorie der Protestwähler ist für mich zu einfach und nur ein Teilaspekt. Die AfD Wähler fühlen ihre Interessen weder von den anderen Parteien noch von der Presse repräsentiert und schaffen sich so ein Ventil, wie in einem Dampfkessel auch Druck abgelassen werden muss. Ich würde mir wünschen, dass die Medien mal eine wirklich grundlegende Analyse machen würde, wieso soviel die AfD wählen, denn von den etablierten Parteien kann man das nicht erwarten. Nur zu schreiben, dass diese Nazis, Rechtsradikale, oder Protestwähler sind, bzw Nazis oder Rechtspopulisten wählen wollen, ist ja kaum eine Analyse sondern nur die Beschreibung des Symptoms. Es ist schwierig zu verstehen wieso einerseits in vielen Presseartikel solche Deutsche, die eine Einwanderungspolitik wünschen, wie sie z.B. von Kanada, Australien, und vielen anderen Staaten praktiziert wird, als Nazis oder zumindestens als Nazi-affin darstellt werden, aber andererseits sich die Press kaum dazu bewegen kann, den Regierungsparteien solcher Staaten (Kanada, Australien etc.) die gleichen Attribute zuzuweisen. Dies wäre konsistent. Selbst bei den Republikaner der USA mit Trump and der Spitze, die ja gegen die Einwanderung aus ihrem Süden wirklich extreme Praktiken anwenden, kann die Presse nicht dieselben Worte finden.
tobias1971 28.10.2019
5. Um die AFD am weiteren Erstarken zu hindern...
... dürfte nach dem Lesen der Statistiken vor allem Zugang zu Bildung für die männliche Bevölkerung sein. Dazu noch ein bisschen Geschichtsunterricht natürlich... das sollte doch zu schaffen sein?
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