SPD-Kandidat in Thüringen Herr Ullrich, wie wollen Sie Hans-Georg Maaßen schlagen?

Im Wahlkreis 196 in Thüringen hofft die SPD, der CDU das Bundestagsmandat abzuringen. Ins Rennen schicken die Sozialdemokraten den gebürtigen Südthüringer und Olympiasieger Frank Ullrich. Hier spricht er über seine Pläne.
Ein Interview von Timo Lehmann
Frank Ullrich will für die SPD in den Bundestag: »Ich trete hier für die bodenständigen Thüringer vor Ort an«

Frank Ullrich will für die SPD in den Bundestag: »Ich trete hier für die bodenständigen Thüringer vor Ort an«

Foto: Hendrik Schmidt/ dpa

SPIEGEL: Herr Ullrich, die CDU hat am Freitag den früheren Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen als Bundestagskandidaten für den Wahlkreis 196 in Thüringen aufgestellt. Sie treten dort für die SPD an. Wie wollen Sie ihn schlagen?

Ullrich: Was Herr Maaßen macht, weiß ich nicht. Ich trete hier für die bodenständigen Thüringer vor Ort an, für die Probleme, die es in dieser Region zu lösen gilt. Ursprünglich war ich davon ausgegangen, gegen Mark Hauptmann anzutreten, der jedoch in die Maskenaffäre verwickelt war und deshalb zurückgetreten ist. Ich finde es schade, dass die CDU Thüringen nicht jemanden gefunden hat, der aus der Region kommt und auf Augenhöhe über die bundespolitischen Themen sprechen kann, die für Südthüringen wichtig sind.

Zur Person
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Frank Ullrich, geboren 1958 in Trusetal, Thüringen, tritt für die SPD im Bundestagswahlkreis Suhl - Schmalkaden-Meiningen - Hildburghausen - Sonneberg an. Als Biathlet feierte er Erfolge, ist neunfacher Weltmeister und mehrfacher Medaillengewinner bei den olympischen Winterspielen. 1980 holte er die Goldmedaille im Sprint für die DDR. Später war er Bundestrainer der Herrennationalmannschaft im Biathlon. 2019 trat er als Parteiloser in seinem Wahlkreis an für die Landtagswahl und unterlag knapp dem AfD-Kandidaten.

SPIEGEL: Was wollen Sie im Bundestag erreichen?

Ullrich: Mein Hauptthema ist Sport. Thüringen ist ein Sportbundesland. Ich möchte gerne den Sportausschuss im Bundestag ansteuern und dem Sport mit all seinen Facetten wieder einen höheren Stellenwert verleihen, denn in allen gesellschaftlichen Bereichen unseres Lebens spielen körperliche und geistige Fitness eine entscheidende Rolle. Ebenso müssen wir die mittelständischen Unternehmen in Südthüringen noch mehr stärken. Und die Klimapolitik muss konsequent vorangebracht werden. Auch der Breitbandausbau sowie Bildungspolitik liegen mir sehr am Herzen. Der Pflegenotstand ist alarmierend.

SPIEGEL: Bei der Landtagswahl 2019 waren sie knapp einem AfD-Vertreter im Wahlkreis unterlegen. Es fehlten 0,9 Prozentpunkte. Was ist Ihre Erklärung dafür, dass die AfD in Südthüringen so stark ist?

Ullrich: Ja, es war eine sehr knappe Entscheidung. Mit der Silbermedaille war ich auch nicht unzufrieden. Ich hatte jedoch bereits während des Wahlkampfs das Gefühl, dass große Teile unserer Bevölkerung wenig Vertrauen in unsere Bundespolitik haben. Ich hörte oft: Ihr da oben wisst ja gar nicht, was hier unten abgeht. Dazu kommt vielleicht auch, dass viele nach 30 Jahren Wiedervereinigung nicht da angekommen sind, wo sie sein wollten. Populisten wie Björn Höcke nutzen das aus. Es gibt hier viele, denen es heute deutlich besser geht als früher, aber auch Menschen, die sich nach wie vor abgehängt fühlen. Nach wie vor gibt es gravierende Unterschiede im Lohngefälle. Die AfD wird unsere Probleme hier nicht lösen.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Ullrich: Nehmen Sie die Migrationspolitik der AfD. Wir werden in Südthüringen wegen der demografischen Entwicklungen in den nächsten 10, 15 Jahren vermehrt Zuzug von Fachkräften brauchen. Ich glaube, dafür müssen wir Südthüringer etwas offener werden und wieder respektvoller miteinander umgehen. Die AfD hat dem politischen Klima geschadet. Ich bin sicher, dass viele hier bereit sind, künftig wieder besser miteinander umzugehen. Dazu gehört auch der Teamgeist, den man am besten im Sport erlernt. Deshalb müssen wir den stärker fördern, schon von klein auf.

»Es ist unübersehbar, dass Maaßen am rechten Rand fischt.«

SPIEGEL: Maaßen gab sich am Freitag gemäßigt, distanzierte sich von der AfD.

Ullrich: Man braucht sich nur anschauen, wer ihn vor Ort protegiert: die hier stark vertretenen Leute der WerteUnion. Ihre Nähe zur AfD ist unübersehbar. Viele von ihnen hatten schon zur Landtagswahl 2019 gefordert, dass die CDU mit der AfD Gespräche führen soll. In der Lokalzeitung hat Maaßen behauptet, er sei nicht rechts. Doch wir kennen alle seine Ausdrücke. Der SPD hat er schon unterstellt, wir hätten Linksradikale in unseren Reihen. Maaßen hat vor gut einem Jahr auch Thomas Kemmerich zur Wahl zum Ministerpräsidenten gratuliert. Es ist unübersehbar, dass er am rechten Rand fischt. Die CDU Thüringen hat ihre Glaubwürdigkeit verspielt, wie auch der traurige Fall von Mark Hauptmann gezeigt hat. Dass die CDU-Kreisverbände hier solche zerstörerischen Entscheidungen für die Bundespartei treffen, hat mich allerdings überrascht.

SPIEGEL: Warum?

Ullrich: Zumindest in Suhl gibt es einige Christdemokraten, die mit dem Rheinländer Maaßen nichts anfangen können, wie sie mir erzählten. Ich glaube auch nicht, dass sich ein Herr Maaßen nach der Wahl hier noch mal blicken lassen wird.

SPIEGEL: Sie sind Olympiasieger und Weltmeister im Biathlon und waren Bundestrainer bei den Biathleten und Skilangläufern. Was nehmen Sie aus dem Profisport mit in die Politik?

Ullrich: Im Sport wie auch in der Politik muss man für Erfolg ganz hart kämpfen. Man muss sich mit Themen intensiv auseinandersetzen. Olympiasieger und Weltmeister wird man nicht von heute auf morgen, da braucht man viel Kraft, Ehrgeiz und Willensstärke sowie einen langen Atem. Willst du ein besserer Läufer werden, musst du im Jahr 8000 bis 10.000 Kilometer laufen sowie athletische Fähigkeiten entwickeln. Willst du besser schießen, brauchst du 15.000 bis 20.000 Schuss im Jahr. Auch mal Ruhe bewahren und Kompromisse eingehen, im Team spielen. Das gilt auch für die Politik.

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