Coronakrise in Thüringen Greizer Landrätin will Maßnahmen lockern - trotz hoher Infektionszahlen

Der Thüringer Landkreis Greiz ist bundesweit der einzige, in dem die vereinbarte Grenze für Neuinfektionen überschritten wird. Die Landrätin hält zu strenge Verbote jedoch für nicht sinnvoll.
Greizer Landrätin Martina Schweinsburg: "Wir halten uns eisern an die Vorgaben des Robert Koch-Instituts"

Greizer Landrätin Martina Schweinsburg: "Wir halten uns eisern an die Vorgaben des Robert Koch-Instituts"

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Martin Schutt/ dpa

Es gebe derzeit aber nur einen einzigen Landkreis mit mehr als 50 akuten Corona-Fällen pro 100.000 Einwohnern, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel, als sie am Mittwoch die neuen Lockerungen der Corona-Maßnahmen bekanntgab. Die Zahl ist für den neuen Krisenfahrplan von Bund und Ländern entscheidend: Wenn ein Landkreis oder eine kreisfreie Stadt in sieben Tagen mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern verzeichnet, soll die Landesregierung restriktiv reagieren.

Der Landkreis, den Merkel meinte, heißt Greiz und liegt in Thüringen. Nachdem die bayerische Stadt Rosenheim die Fallgrenze nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) zuletzt knapp unterschritten hat , ist Greiz das derzeit einzige Beispiel für eine Überschreitung: Dort lag die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche laut Landesregierung bei 87,6 (Stand 7. Mai, 10 Uhr).

Doch ausgerechnet die Greizer Landrätin Martina Schweinsburg will in der kommenden Woche mit Lockerungen der Corona-Beschränkungen beginnen. "Einerseits ist es wichtig, die weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern, andererseits können wir unserer Wirtschaft, unserer Gastronomie keine weiteren Blockaden aufbürden", erklärte die CDU-Politikerin.

Ziel sei es, dass der Kreis sich so weit wie möglich an der für nächste Woche angekündigten Thüringer Verordnung orientiere. "Denn es macht in meinen Augen wenig Sinn, bei uns alles zu verbieten, was wenige Kilometer weiter möglich ist", sagte Schweinsburg. Für welche Maßnahmen die Lockerungen gelten sollen, sagte sie allerdings nicht.

Welche Landkreise und kreisfreien Städte die Grenze von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner binnen einer Woche überschreiten, hängt im Übrigen von der Datenquelle ab: Während die Kanzlerin sich vermutlich auf die Zusammenfassung des Robert Koch-Instituts bezog, in der nur Greiz genannt wurde, zeigen die aktuellen Daten der lokalen Gesundheitsämter, dass Rosenheim sowie zwei weitere Landkreise ebenfalls betroffen sind. Das RKI hinkt mit seinen Zahlen aufgrund des Meldeverfahrens meist ein wenig hinterher.

Einem Bericht des MDR  zufolge erklärte Schweinsburg allerdings, es werde keine Quarantäne für den gesamten Landkreis geben. Ein solcher Schritt sei höchstens etwa für ein Heim vorgesehen, wenn dort verstärkt Infektionen festgestellt würden.

Ein Grund für die hohen Zahlen ist der Landrätin zufolge die hohe Zahl an Corona-Tests. Am Wochenende seien insgesamt 855 Bewohner und Beschäftigte von sechs Pflege- und Seniorenheimen auf das Virus getestet worden, 47 Testergebnisse waren positiv.

Die Coronaviren seien "unsichtbarer Gegner", die es ernst zu nehmen gelte, sagte Schweinsburg. "Wir halten uns eisern an die Vorgaben des Robert Koch-Instituts. Wir testen, testen, testen." In den betroffenen Heimen soll nun jede Woche bei jedem negativ getesteten Mitarbeiter und Bewohner ein weiterer Abstrich genommen werden.

Ramelow: Merkel und Ministerpräsidenten sprachen "zuallererst" über Greiz

Auch Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hatte angesichts der hohen Infektionszahlen in Greiz am Mittwoch darauf hingewiesen, dass in den vergangenen Tagen alle Mitarbeiter der örtlichen Pflegeeinrichtungen getestet worden seien. Ein weiterer Anstieg der Infektionszahlen sei daher zu erwarten.

In der Runde der Ministerpräsidenten mit Kanzlerin Merkel sei "zuallererst" über den Landkreis Greiz gesprochen worden, sagte Ramelow. Durch die allgemein deutlich entspannte Lage seien die Behörden aber nun in der Lage, auf die Dynamik dort zu reagieren und den Landkreis bei seinen Maßnahmen vor Ort zu unterstützen.

Ramelow kündigte für sein Bundesland an, ab Mittwoch kommender Woche gewisse Bereiche der Gastronomie wieder zu öffnen. Er sprach davon, zunächst etwa Campingplätze und die Außengastronomie zu öffnen und dann Schritt für Schritt weitere Öffnungen zu vollziehen. Er sei überzeugt, dass es möglich sei, Menschen einzuladen, ihren Sommerurlaub in Thüringen zu verbringen.

mes/dpa/AFP
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