Bodo Ramelow und Mike Mohring Wenn der Gewinner den Verlierer braucht

Bodo Ramelow hat in Thüringen ein Rekordergebnis für seine Linke geholt - für die Wunschkoalition reicht es trotzdem nicht. Er ist jetzt auf die CDU angewiesen. Dort herrscht Ratlosigkeit.

Bodo Ramelow: Der Ministerpräsident sagt, es sei "unbestritten", dass er einen Regierungsauftrag habe
Annegret Hilse/ REUTERS

Bodo Ramelow: Der Ministerpräsident sagt, es sei "unbestritten", dass er einen Regierungsauftrag habe

Von und , Erfurt


Kurz bevor der Sieger die Wahlparty in einer alten Halle auf dem Erfurter Güterbahnhof betritt, hat der Moderator im Kostüm eines Zirkusdirektors die Besucher aufgefordert, ein Spalier zu bilden.

Dann kommt Bodo Ramelow. Der einzige Linken-Ministerpräsident, der seiner Partei nun mit 31 Prozent ein historisches Wahlergebnis beschert hat, kommt mit seiner italienischen Frau an der Hand in Richtung Bühne. Die Blitze der Fotografen werfen Schlaglichter auf die freudigen Gesichter.

Landes-Parteichefin Susanne Hennig-Wellsow kündigt Ramelow an als "unseren besten Mann". Die Menge tobt. "Gewinnen fetzt, oder?", fragt Hennig-Wellsow. Ramelow grinst. "Wir rocken es weiterhin", glaubt die Parteichefin.

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Der Wahlabend in Thüringen: Ein bisschen Jubel und viel Ratlosigkeit

Nun ja, das ist bislang eher unklar. Ramelow sagt, es sei "unbestritten", dass er einen Regierungsauftrag habe. Und schließlich brauche es die Linke in Deutschland, "wenn wir stärker über soziale Gerechtigkeit reden wollen". Nur: Wie nach diesem Wahlergebnis eine stabile Regierung in Thüringen entstehen soll, wo die CDU doch jede Zusammenarbeit kategorisch abgelehnt hat, das bleibt auch der feiernden Basis im alten Güterbahnhof schleierhaft.

Eine Idee, was folgen könnte, kann vielleicht Linken-Mastermind Benjamin-Immanuel Hoff geben. Hoff, in Ramelows Regierung Minister für Kultur-, Bundes- und Europaangelegenheiten, hat diese Situation für die Linken schon vor Wochen durchdacht.

Er wirbt vehement dafür, die Partner von einst - also Linke, SPD und Grüne - zusammenzuhalten. Am Mittwoch wollen sich die Spitzenleute der alten Koalition treffen und gemeinsam beraten, wie eine Regierung gebildet werden kann. "Wir werden sondieren und natürlich auch Gespräche mit CDU und FDP führen", sagt Hoff.

"Stabilitätsgefühl der Deutschen"

Eine Minderheitsregierung nach dänischem oder kanadischem Modell sieht der Linke nicht als Schreckgespenst. Auch wenn dies das "Stabilitätsgefühl der Deutschen" unterlaufe. Um einen Ministerpräsidenten zu wählen, reiche eine einfache Mehrheit im dritten Wahlgang. Die trauen sich die Partner von einst zu.

Und dann? Der Haushalt für das erste Regierungsjahr ist bereits beschlossen, muss also nicht ins Parlament. Zwei weitere müssten mit wechselnden Mehrheiten durchgebracht werden, um fünf Jahre zu regieren. Es müsste verhandelt werden, Kompromisse wären nötig. Hoff glaubt, dass dies mit CDU und FDP möglich wäre. An Neuwahlen jedenfalls habe keine der Parteien ein Interesse.

Rein menschlich wäre ein indirektes Bündnis mit der CDU, also eine Tolerierung, keine Hürde in Thüringen. CDU-Chef Mike Mohring kann mit Linken-Chefin Susanne Hennig-Wellsow persönlich prächtig. Und als Bodo Ramelow im Jahr 2016 seinen 60. Geburtstag feierte, schenkte ihm Mohring eine Wanderung mit sich selbst.

Landtagswahl Thüringen 2019

Endgültiges Ergebnis

Zweitstimmenergebnis
Anteile in Prozent
CDU
21,7
-11,8
Die Linke
31
+2,8
SPD
8,2
-4,2
AfD
23,4
+12,8
Grüne
5,2
-0,5
FDP
5
+2,5
Sonstige
5,5
-1,6
Sitzverteilung
Insgesamt: 90
Mehrheit: 46 Sitze
29
8
5
5
21
22
Quelle: Landeswahlleiter

Der Blick richtet sich deshalb nun auf Mohring und die Frage, wie er seine CDU zusammenhalten kann. Auf der Wahlparty macht Mohring einen müden Eindruck. Er hatte gekämpft in diesem Jahr, gegen eine Krebserkrankung, gegen eine Morddrohung - und im Wahlwettbewerb auch gegen das Verschwinden. Der Zweikampf konzentrierte sich auf Linke und AfD.

Dabei war die Ausgangslange gar nicht mal schlecht: Während bei den Wahlen in Sachsen und Brandenburg kein aussichtsreicher Gegenkandidat zu den amtierenden Ministerpräsidenten in Sicht war, gab es den in Thüringen: Mohring.

Mit einer Simbabwe-Koalition aus CDU, SPD, Grünen und FDP wollte er Rot-Rot-Grün die Mehrheit streitig machen, doch daran ist an diesem Sonntagabend nicht zu denken. Mohring ist es nicht gelungen, Ramelow und seine Linke als Schreckgespenst darzustellen. Sein Versuch hielt nicht der Realität der vergangenen fünf Jahre stand.

Mike Mohring (l.) und Bodo Ramelow: "Gewinnen fetzt, oder?"
Martin Schutt/ DPA

Mike Mohring (l.) und Bodo Ramelow: "Gewinnen fetzt, oder?"

Es ist ihm in diesem Wahlkampf auch nicht gelungen, sich Ramelow auf Augenhöhe als Gegenkandidat zu präsentieren. Die Wandereinladung Ramelows wurde für Mohring zum Problem, er konnte keinen Konflikt aufbauen. Immerhin konnte er bei einem TV-Duell allein gegen Ramelow antreten, doch auch dort prallten seine Attacken an Ramelow ab.

Als Mohring 1999 erstmals in den Landtag einzog, holte die CDU die absolute Mehrheit. Heute hat sie unter ihm das schlechteste Ergebnis eingefahren, das die CDU jemals in Thüringen holte.

In Erfurt erklären sich das die Mitglieder vor allem durch die Polarisierung zwischen AfD und Ramelow. Ein Blick nach Dresden reicht den CDU-Mitgliedern, um das Ergebnis zu rechtfertigen. Dort war es am Wahlabend vor zwei Monaten die CDU, die feierte - und die Linke, die desaströs abschnitt.

Nun ist die CDU ratlos, wie sie mit dem Ergebnis umgehen soll. Auch Mohring will am Sonntagabend noch keine klare Aussage treffen - nur, dass er mit allen Gesprächen führen wolle und vor allem der Gegenwind aus Berlin geschadet habe.

Wird seine Partei auf die Linke zugehen? Christian Hirte, Landesvize und Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, ist der Auffassung, die CDU sollte, wenn es zu einer Wahl des Ministerpräsidenten im Landtag kommen, lieber selbst einen Kandidaten aufstellen. "Das sind wir unseren Wählern schuldig", sagt Hirte.

Ob in einer geheimen Abstimmung die AfD oder Teile der SPD für Mohring stimmen können, hält er nicht für ausgeschlossen. "Rot-Rot-Grün hat die Mehrheit verloren. Es wird so oder so eine Minderheitsregierung geben." Jegliche Zusammenarbeit mit den Linken und der AfD schließt er aus, wie es viele andere hier an diesem Abend sehen. Er erinnert aber zugleich an eine "geheime Wahl".

Mohring lässt die meisten dieser Fragen am Wahlabend offen. Nur auf eine antwortet er entschieden. Ob er angesichts der Wahlniederlage an Rücktritt denke? "Nein", sagt er. Und fügt hinzu: "Auch morgen nicht."

insgesamt 7 Beiträge
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Heliumatmer 28.10.2019
1. Bilanz
Die CDU hat etwa so viel verloren (Chapeau) wie die AfD gewonnen hat, die Linke etwa so viel zugelegt wie die FDP. An Letzterer wird alles hängen bleiben. Für mehr Bildung sind sie alle, die FDP insbesondere. Das Wichtigste der Landespolitik ist die Bildungspolitik. Also her mit der FDP in der Regierung. Wieso auch nicht? Sozialliberal gab es schon mal sehr erfolgreich und Ramelow ist wohl mehr Sozialdemokrat mit dem nicht ganz korrekten Parteibuch als klassischer Nachfolger der SED. Die CDU war immerhin Blockpartei, das wird nur zu leicht vergessen, wie so vieles.
eunegin 28.10.2019
2. 6 Parteien. Willkommen im neuen Normal.
Bei 6 Parteien werden derartige Situationen normal und man sollte sich geschwind überlegen, wie man damit umgeht. Die mathematische und politische Stabilität der 3 bis 4 Parteien bekommen wir nicht wieder.
RalfHenrichs 28.10.2019
3. Albern
Mohring kann sich natürlich in geheimer Wahl zum MP wählen lassen: CDU, AfD und FDP haben die Mehrheit und würden ihn wohl wählen. Aber dann muss man auch arbeitsfähig sein und das kann die CDU offen nicht mit der AfD. Und eine Zusammenarbeit mit der Linken wäre bei einem solchen Manöver auch ausgeschlossen. Mit einem von der AfD gewählten MP (und auch wenn es eine geheime Wahl ist, könnte sich das ja jeder ausrechnen) wäre für die Linke völlig ausgeschlossen. Das würde nur zu Chaos und Neuwahlen führen. Und die CDU müsste dann mit einem von der AfD mitgewählten MP antreten. Das würde die CDU implodieren lassen.
Kein Besserwisser 28.10.2019
4. Typisch CDU: überheblich
Es ist mal wieder typisch CDU. Anstatt sich um stabile Verhältnisse in Thüringen zu sorgen, werden alte Zöpfe bemüht: nicht mit einer linken oder rechten Partei eine Koalition bilden. Liebe CDU, es geht nicht um Euch, es geht darum Thüringen, regierbar zu machen. Gibt es euch nicht zu denken, dass die AFD deshalb so stark gewählt wurde weil ihr nur noch eure Posten und Machtgelüste befriedigen wollt?! Von Demokraten erwarte ich Weitsicht, nicht Partei Geplänkel!
peho65 28.10.2019
5. Es kann doch nur Ironie sein, ...
... wenn ein Land, in dem ein Viertel der Wähler rechtsextrem,um nicht zu sagen Nazis wählt, von einer Simbabwe-Koalition regiert werden soll. Wobei der andere Vorschlag der Medien, die R2G2-Koalition, ebenso Fragen aufwirft: Wer wird dann der große Goldene und wer der kleine Piepsende? Hört endlich auf, Politik auf solche Weise zu infantilisieren. Oder hört auf Euch zu wundern, wenn Politik immer weniger ernst genommen wird.
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