Pressestimmen zur Thüringen-Wahl "Der Schock ist groß"

Der Amtsinhaber holt in Thüringen ein starkes Ergebnis, die Volksparteien verlieren dramatisch - und viele Wähler schrecken selbst die völkischen Parolen der AfD nicht: die Pressestimmen.
SPD-Spitzenkandidat Wolfgang Tiefensee

SPD-Spitzenkandidat Wolfgang Tiefensee

Foto: Carsten Koall/Getty Images

Die deutschen Pressestimmen zur Landtagswahl in Thüringen:

"Es wird in Thüringen so kommen wie vermutet, eine Koalition wird nur schwer zu finden sein. Die AfD des Nazis Björn Höcke hat ihr Ergebnis von 2014 mehr als verdoppelt. Sie ist stark genug, um eingeübte Mehrheitskoalitionen - Rot-Rot-Grün oder Schwarz-Rot - unmöglich zu machen. Natürlich kann man sagen: Na gut, dann ist eben jetzt die Zeit für uneingeübte Koalitionen; wird sich schon eine finden. Doch mit der Bildung einer Regierung sind die Herausforderungen ja nicht bewältigt, vor die das Wahlresultat diejenigen Parteien stellt, die die Demokratie tragen."
"Süddeutsche Zeitung"

"Die Union verspielt ihren bürgerlichen Markenkern: Wenn jetzt auch noch Stimmen laut werden, die Kooperation mit Linken und AfD ausloten zu wollen, ist sie endgültig in der Beliebigkeit angekommen. Und: verzichtbar. Den Wählern ist inzwischen offenbar fast schon egal, wohin sie von der Union abwandern. Grün, links, ganz rechts - egal. Motto: Nichts wie weg."
"Bild"

"In Thüringen hat es einen ernstzunehmenden Zweikampf akzeptabler Kandidaten gegeben. Sowohl der linke Ministerpräsident Bodo Ramelow als auch der CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring haben sich klar und unmissverständlich gegen rechts abgegrenzt. Gewonnen hat die Demokratie, weil erkennbare Persönlichkeiten für erkennbare Alternativen einstanden. Wir dürfen aber nicht glauben, dass mit diesem AfD-Wahlergebnis Höckes Gedanken nun nicht mehr greifen und die braune Gefahr am Schwinden ist."
"Frankfurter Rundschau" (fr.de)

Hat gut lächeln: Bodo Ramelow, Thüringens Ministerpräsident

Hat gut lächeln: Bodo Ramelow, Thüringens Ministerpräsident

Foto: DPA/Martin Schutt

"Was bleibt, ist - Bodo Ramelow. Der erste Ministerpräsident der Linken, der sich als solcher kaum mehr zu erkennen gibt und eine allseits geschätzte Figur macht. Als der Kretschmann des Ostens, nach Winfried Kretschmann, dem ersten grünen Regierungschef im lange konservativ regierten Baden-Württemberg. Auch Thüringen war nach der Wende eine CDU-Bastion, vor 20 Jahren gab es sogar eine absolute Mehrheit. Jetzt aber Ramelow. Wer den ablösen will, muss schon legitimiert sein."
"Tagesspiegel", Berlin

"Grundsätzlich kann man aber schon festhalten, dass die anderen Parteien kein Rezept gegen die AfD zu finden scheinen. Es sind längst nicht nur die ehemaligen NPD-Wähler, die übergelaufen sind. Inzwischen frisst sich die AfD trotz völkischer Parolen in die politische Mitte. Selbstständige und Handwerker, die früher ihre politische Heimat bei CDU und FDP hatten, machen ihr Kreuz genauso bei der AfD wie die Arbeiter, die eigentlich zur SPD und Linkspartei neigen. Es geht eben nicht nur um einige aus prekären Verhältnissen, die sich abgehängt fühlen. Offensichtlich haben es die etablierten Parteien versäumt, sich um diejenigen zu kümmern, die sich nicht als Gewinner der Globalisierung fühlen."
"Handelsblatt"

"Der beinahe historische Wahlsieg der Linken geht nahezu komplett auf das Konto von Bodo Ramelow. Sachorientiert, undogmatisch, für einen Roten ziemlich bürgerlich. (...) Am solidesten unter den machbaren Optionen wäre sicher die Zusammenarbeit mit der CDU. Dafür müssen jedoch auf beiden Seiten massive Vorbehalte aus dem Weg geräumt werden. Bitter ist das Wahlergebnis für die Sozialdemokraten: Einstellig - historisch niedrig und ein sehr ernsthaftes Alarmsignal in Richtung Bundes-SPD. (...) Erschreckend: Deren Erfolg [der AfD] verschafft ausgerechnet Björn Höckes rechtsextremem Flügel Oberwasser in der Bundespartei."
"Magdeburger Volksstimme"

"Der Schock ist groß. Aber weniger über den Erfolg der Protest- und Rechtsaußenpartei AfD. Denn damit war zu rechnen. Die völkischen Attitüden und die von einem großen Minderwertigkeitskomplex überfrachteten Wutreden mobilisierten allem Anschein nach Menschen, die bisher Wahlen ferngeblieben sind, ihr Kreuz hinter dem Namen des Westimports Björn Höcke zu machen. Ein ärgerlicher Betriebsunfall, der eben kein gesamtdeutsches Phänomen darstellt, sondern eines der neuen Bundesländer. Weitaus schlimmer ist das Schrumpfen der alten Volksparteien CDU und SPD."
"Rhein-Neckar-Zeitung", Heidelberg

"CDU und SPD kommen auf die schlechtesten Werte, die sie je in Thüringen erzielt haben. Es sind katastrophale Wahlergebnisse. Auch, weil die Wähler aktuell wesentlich unzufriedener mit der Bundesregierung sind, als dies bei der letzten Thüringen-Wahl der Fall war. Für die Große Koalition geht ein Leidensjahr zu Ende, in 2020 würde nur in Hamburg eine Wahl anstehen. Jetzt könnte man sich ohne Nebengeräusche endlich aufs Regieren konzentrieren. Nach der Thüringen-Wahl ist aber ungewisser denn je, ob man das noch wirklich will."
"Heilbronner Stimme"

"Ein eindeutiger Sieg: Die Linkspartei hat nicht nur in Thüringen ihr bislang bestes Ergebnis erzielt, es ist auch das beste bei einer Landtagswahl überhaupt seit 1990. Woran das liegt? Auf den ersten Blick vor allem an Bodo Ramelow. Seine Beliebtheit im Bundesland ist groß. (...) Wie Dietmar Woidke (SPD) in Brandenburg und Michael Kretschmer (CDU) in Sachsen hat Ramelow vor allem als Amtsinhaber gewonnen. 40 Prozent der neuen Linke-Wähler kämen ohne den Regierungschef nicht auf die Idee, für die Partei zu stimmen."
"Frankfurter Allgemeine Zeitung"

"Das Resultat von Rot-Rot-Grün ist, gemessen an den Umständen, schon ein halbes Wunder. Wir erleben nicht nur, aber vor allem im Osten einen wuchtigen Rechtstrend. Über ein Fünftel hat, wie in Sachsen und Brandenburg, AfD gewählt - selbst mit einem faschistoiden Führer wie Höcke. Anti-AfD-Kampagnen mobilisieren die Klientel der demokratischen Parteien, das zeigt die gestiegene Wahlbeteiligung. Doch an den Protestwählern perlt alle Skandalisierung des Rechtsextremismus ab. Die AfD-Erfolge sind keine Protestwahlen mehr."
"TAZ"

Internationale Medien zur Wahl in Thüringen:

"Vermutlich fährt die CDU aber doch ein bisschen besser, wenn sie den bürgerlichen Sündenfall verschiebt und stattdessen eine rot-rot-grüne Minderheitsregierung toleriert. Doch selbst in dieser Konstellation wird sie mit der Linkspartei eine konstruktive Politik machen müssen, will sie aus Ramelow nicht einen Märtyrer machen, der sich allein um das Wohl der Thüringer kümmert. Wenn die CDU weiterhin so massive Verluste einfährt, wird sie sich den Dünkel gegen die Linkspartei und die AfD ohnehin nicht mehr lange leisten können. Die Aufgabe ihres Prinzips, weder mit den Rechtspopulisten noch mit den SED-Nachfolgern zu koalieren, dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein."
"Neue Zürcher Zeitung"

"Die rechtsextreme Alternative für Deutschland hat am Sonntag im ehemaligen kommunistischen Osten ein starkes Abschneiden gefeiert. Sie hat ihr Ergebnis bei einer Landtagswahl mehr als verdoppelt, die zwei Wochen nach einem Angriff auf eine Synagoge stattfand, den einige mit dem Gebrauch einer hasserfüllten Sprache seitens der Partei in Verbindung gebracht haben (...).

Die Partei hat keine Chance zu regieren, denn alle anderen Parteien haben eine Zusammenarbeit mit ihr ausgeschlossen. Aber ihr starkes Abschneiden wird wahrscheinlich auf andere Weise nachhallen. Das Wahlergebnis könnte die Macht von Björn Höcke, Parteichef in Thüringen und berüchtigtste Figur der Partei, weiter stärken."
"New York Times"

"Bei den Regionalwahlen in Thüringen gewinnt die Linke von Premier Bodo Ramelow. Vor allem dank ihres Ministerpräsidenten wird die extreme Linke stärkste Partei in einem deutschen Bundesland. Das war seit 1990 noch nie geschehen. Aber es ist ein bitterer Sieg für Ramelow, dem durch die x-te Pleite der SPD und den Fehltritt der Grünen die Mehrheit abhanden kommt, mit der er in den letzten fünf Jahren regiert hat.

Zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung steht die CDU nicht mehr an der Spitze, die auf ein historische Tief stürzt und nur noch dritte Kraft hinter der AfD ist. Die Partei der nationalistischen extremen Rechten verdoppelt ihre Stimmen und bestätigt ihr starkes Wachstum im Osten, wo sie jetzt durchgehend von einem von vier Wählern gewählt wird."
"La Stampa", Rom

"(Ministerpräsident Bodo) Ramelow ist es nicht gelungen, den Wählern ihren ostdeutschen Minderwertigkeitskomplex auszutreiben und ihre Einstellung zu den Umwälzungen in der deutschen Gesellschaft zu ändern. Aber gerade die Angst vor den Fremden, die Kampagne gegen die "Feinde der traditionellen Familie" und die Verneinung des Klimawandels waren die Hauptmotive im Wahlkampf der AfD.

Björn Höcke, der Landeschef der AfD, fügte dieser Mischung noch historischen Revisionismus hinzu. Zum Beispiel, indem er gegen das Gedenken der jüdischen Opfer in der Nazi-Zeit protestierte. Die AfD in Thüringen hat engste Kontakte zu offenen und im Untergrund operierenden Neonazi-Organisationen. Das Land wird oft als "brauner Sumpf" bezeichnet. Das Wahlergebnis für die AfD bestätigt diese Diagnose."
"Gazeta Wyborcza", Warschau

flg/dpa