Thüringen Wie ein Rechtsradikalen-Aufmarsch zum Neonazi-Zoo wurde

Zu einem "Fest der Völker" hatten sich Neonazis aus ganz Europa im thüringischen Altenburg verabredet. Mehr als 2000 linke Demonstranten wollten das verhindern. Die Polizei trennte die beiden Lager mit einer cleveren Taktik - und konnte so Prügeleien verhindern.
Von Susanne Kailitz

Altenburg - "Mandy Müller, du hast dein Portemonnaie verloren und kannst das jetzt am Eingang abholen." Die Durchsage ist seit einiger Zeit das Spannendste, was in der Neubausiedlung im Norden der thüringischen Stadt Altenburg stattfindet. Eigentlich wollen rund tausend Rechtsextremisten aus ganz Europa hier seit Stunden ihr "Fest der Völker" feiern – aber das kommt nicht in die Gänge. Auch nicht, als Mandy Müller ihr Portemonnaie wieder entgegengenommen hat. In immer frustrierterem Ton teilen die Veranstalter mit, dass noch nicht alle Teilnehmer da sind, weil Gegendemonstranten die Zufahrtswege blockieren.

Neonazi zu sein ist an diesem Samstag in Altenburg anstrengend. Die angereisten Teilnehmer kommen nur mühsam zum Veranstaltungsgelände. Dort wollen sie ihr "Fest der Völker – für ein Europa der Vaterländer" feiern, das der Jenaer NPD-Funktionär Andre K. angemeldet hat und auf dem neben diversen "Blood and Honour"-Bands auch der stellvertretende NPD-Vorsitzende Jürgen Rieger und Neonationalsozialisten aus Polen, Tschechien und der Schweiz erwartet werden. Doch bis die sprechen, vergeht viel Zeit, denn ihre Zuhörer kommen gar nicht erst durch. Das Gelände ist abgeriegelt. Wer durchkommt, steht wieder an: Vor dem Festgelände kontrolliert die Polizei Ausweise und Rucksäcke. Erst wenn das absolviert ist, ist der Weg frei aufs Festgelände.

Und das wirkt wie ein sehr skurriler Nazi-Zoo: Hinter mannshohen Metallzäunen, von der Polizei mit Kabelbindern verstärkt, sind die Nationalen eingesperrt. Einige der Anwohner, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollen, erkundigen sich sarkastisch, ob "das Futter da drinnen" gut sei. Dass über Stunden nichts passiert, trübt die Laune der Festivalbesucher zusätzlich.

Aufregend wird es nur, als sich in regelmäßigen Abständen Polizeieinheiten in Bewegung setzen, um für die letzten angereisten Festivalteilnehmer den Weg zwischen den Gegendemonstranten frei zu machen. Rennen sie los, stürmen die Festivalbesucher an den Zaun, um wenigstens aus der Ferne zu sehen, was passiert. In etwa hundert Metern Entfernung werden die Wege, die zum Gelände führen, immer wieder von rund 1800 Linken blockiert. Sie empfangen die Rechten mit Pfeifkonzerten und liefern sich kleinere Auseinandersetzungen mit der Polizei - sechs Beamte wurden leicht verletzt.

Gegen Mittag wird die Stimmung kurzzeitig hektisch: Eine letzte große Gruppe, die zu dem Neonazi-Fest will, wird von der Polizei durch die Gegendemonstration eskortiert. Auf einmal fliegen Äpfel, es gibt Rangeleien, Rufe nach Sanitätern werden laut, zwei Demonstranten werden aus der Menge geschleift und festgenommen. Der Jenaer Pfarrer Lothar König, der den Protest koordiniert, bemüht sich verzweifelt, die Lage zu beruhigen. "Kommt mal wieder runter, beruhigt euch doch", ruft er in Richtung der Polizisten und erklärt seinen Leuten, dass die Beamten "doch nur ihren Job machen, auch wenn’s ein Scheißjob ist".

Prügelei vorm Fenster

Königs Deeskalationsversuche wirken auf die in der Nähe stehenden Anwohner wenig überzeugend. "Der Mann macht doch alles noch schlimmer, der stachelt die doch nur auf", schimpft Herbert Waller. Er und seine Frau wohnen in der Otto-Dix-Straße, direkt neben dem Gelände des Nazi-Fests. Sie wollten an diesem sonnigen Tag eigentlich in den Garten gehen, doch das Szenario aus Rechten, Linken und den vielen Polizisten macht ihnen Angst. "Ich verstehe nicht, dass man diesen braunen Dreck nicht einfach verbieten kann. So was kann man doch nicht mitten im Wohngebiet machen", schimpft seine Frau Monika. "Die prügeln sich direkt vor unserem Fenster."

Genau das hatten die Initiatoren der Gegenveranstaltung eigentlich verhindern wollen. Mit friedlichen Mitteln wolle man sich den Nazis widersetzen, "im doppelten Sinne", erklärt die Sprecherin des Altenburger Bürgerbündnisses Anne-Kristin Ibrügger. Die Superintendentin der Stadt ist froh, "dass wir so viele Altenburger auf die Straße bekommen haben". Innerhalb von fünf Wochen haben sie und ihre Mitstreiter den Protest organisiert, ganz kurzfristig hatten die Veranstalter das "Fest der Völker" nach Altenburg verlegt. Ursprünglich wollten sie in Jena feiern, wie schon 2005 und 2007, aber der massive Protest, der ihnen dort entgegengeschlagen war, hatte zur Änderung der Pläne geführt. Man habe wohl gedacht, in der Provinz sei es einfacher, ein Nazi-Fest zu feiern, so Ibrügger, "aber wir zeigen heute, dass das nicht so ist". Sie ist sichtlich froh, dass die Altenburger – mit viel Unterstützung aus Jena und Weimar – den geplanten Ablauf des braunen Fests massiv stören konnten, hofft aber inständig, dass es keine weiteren Zwischenfälle gibt.

Das Fest ist schließlich doch noch mit mehrstündiger Verspätung gestartet – unter nur mäßiger Euphorie bei den Rechtsradikalen. Als der Schweizer Neonazi Markus Martig zu einem kurzen Referat über die Geschichte seiner Partei National Orientierter Schweizer ausholt, sitzen viele der Festivalteilnehmer schon ermattet beim Bier.

Bei der Einsatzleitung macht sich Erleichterung breit – wenigstens vorerst. "Jetzt ist alles ruhig, die Rechten sind drin, die Linken draußen", fasst Polizeisprecher Michael Schwenzer zusammen.

Aber Frau Waller traut dem Frieden nicht. "Was denken Sie denn, was hier heute Abend los ist, wenn die alle betrunken sind?" Rausgehen wird sie dann nicht mehr, erst morgen wieder, wenn der letzte Demonstrant, ob links oder rechts, aus ihrem Wohnviertel verschwunden ist.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.