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08. Juni 2008, 08:29 Uhr

Thüringens Ministerpräsident Althaus

Der ewige Junge

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Andere gelten mit 49 als Politik-Nachwuchs - Dieter Althaus regiert in Thüringen bereits seit fünf Jahren, mit absoluter CDU-Mehrheit. Doch nun stockt seine Karriere: 33 Prozent in Umfragen, handwerkliche Fehler, Kommunikationsprobleme. Von einer Krise will Althaus dennoch nichts wissen.

Dresden/Erfurt - Er steht nicht bei den Alten an diesem Abend. Nicht bei Georg Milbradt, zu dessen Ehren man in der sächsischen Staatskanzlei zusammengekommen ist, wegen seines Ausscheiden als Ministerpräsident. Und nicht bei Wolfgang Böhmer, der bei der vergangenen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gar nicht mehr antreten wollte, aber noch mal die Backen aufblies und gewann, weil sie keinen besseren hatten. Milbradt, 63, und Böhmer, 72, sind nicht nur deutlich älter als Dieter Althaus. Sie hielten und halten sich auch für die besseren Ministerpräsidenten. Der Thüringer war den mitteldeutschen CDU-Kollegen immer ein bisschen ungeheuer. Zu forsch, zu oberflächlich, zu unstet.

Später wird Althaus dem Scheidenden vom Rednerpult für die "Wege-Gemeinschaft" und die "Klarheit im Amt" danken, mit dieser immer etwas heiser klingenden Stimme.

Davor und danach steht er auf der anderen Seite des Mikrofons, in der Nähe von Stanislaw Tillich, der Milbradt als Ministerpräsident nachfolgt. Auch Steffen Flath ist da, der lange als kommender Regierungschef in Dresden galt und nun die CDU-Fraktion im Landtag führen wird. Tillich und Althaus sind beide 49, Flath nur ein Jahr älter. Aber selbst gegenüber ihnen wirkt der Thüringer jünger, jungenhafter. Daran ändert auch die randlose Brille nichts, die er seit einigen Monaten trägt.

Dabei ist Althaus, der langjährige Kultusminister und CDU-Fraktionschef im Landtag, schon ein Politik-Veteran. Ein halbes Jahrzehnt regiert Althaus in Thüringen, Anfang Juni 2003 hatte er das Amt vom langjährigen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel übernommen, ein Jahr später gewann Althaus die absolute Mehrheit im Landtag. Wenn auch mit Glück, die 43 Prozent der Stimmen reichten dafür gerade so. Der Freistaat kommt voran, weil die Wirtschaft wächst und die Arbeitslosigkeit sinkt. "Die langjährigen Umstrukturierungsprozesse zeigen so langsam Wirkung", sagt Althaus.

Aber warum sind die Thüringer dann so unzufrieden mit ihrem Regierungschef?

Auf stabile 33 Prozent kommt die CDU in den letzten Umfragen. Gleichzeitig liegt die Linke bei knapp 30, gefolgt von der SPD mit deutlich über 20 Prozent. Und das ein Jahr vor der Landtagswahl.

Aber eine Krise - nein, die sieht Althaus nicht. Sagt er jedenfalls. "Ich lasse mich da nicht nervös machen." In Wirklichkeit spürt der Ministerpräsident und CDU-Landeschef das Rumoren in seiner Partei, die Unzufriedenheit unter den Landtags-Abgeordneten. Einer von ihnen sagt: "Wir glänzen nicht gerade vor Stärke." Den starken Mann an der Spitze ärgert das. Er sagt: "Wir haben da in Deutschland ein allgemeines Stimmungsproblem."

Vielleicht ist es eher ein spezifisches Althaus-Problem.

Wenigstens wissen die Leute von der "Super Illu" nach wie vor, was sie an ihm haben. Das ist nicht ganz unwichtig, denn die Ost-Zeitschrift liegt ihrem Geschäftsführer Heinz Scheiner zufolge "in jedem zweiten Wohnzimmer der neuen Länder". Auch im Freistaat macht das eine Menge Couchtische. Entsprechend gern kommt Althaus als Laudator zur Verleihung des 9. "Super Illu"-Existenzgründerpreises - immerhin sind auch zwei Thüringer Projekte unter den ausgezeichneten - in ein schickes Gebäude am Berliner Gendarmenmarkt. Dort liegt die aktuelle Thüringen-Sonderausgabe der Illustrierten aus, darin ein exklusives "Brotzeit-Treffen" mit dem Ministerpräsidenten. Althaus posiert dazu in einem Trachtenoutfit, das ihn wie eine Mischung aus Robin Hood und dem Jäger aus Kurpfalz aussehen lässt. In dem Interview spricht er über Heimatliebe, die Thüringer Bratwurst und sein privates Kloßrezept, am Ende singt er die ersten Zeilen des Rennsteig-Lieds, Thüringens inoffizieller Hymne: "Ich wandre ja so gerne am Rennsteig durch das Land…"

Im Thüringer-Sein, da macht Althaus so schnell keiner was vor. Nicht der umtriebige Niedersachse Bodo Ramelow, der in Erfurt das erste Ministerpräsidenten-Amt für die Linke gewinnen will. Noch weniger SPD-Landeschef Christoph Matschie: Der ist zwar gebürtiger Thüringer, aber Volksnähe gehört nicht zu den Stärken des Theologen.

Beim Empfang vor der "Super Illu"-Preisverleihung haut Althaus seinem CDU-Kumpel Laurenz Meyer - ehemals Generalsekretär unter Angela Merkel - zur Begrüßung so kernig auf die Schulter, dass jeder Orthopäde seine Freude daran hätte. In solchen vertrauten Momenten grinst Althaus, in dem er den Unterkiefer leicht vorschiebt und die Augen unter den buschigen Brauen ein bisschen zusammenkneift. Das ist der Fußballspieler Dieter Althaus, ehemals rechter Verteidiger bei Motor Heiligenstadt.

Natürlich kann er auch anders - das ist dann der Politik-Profi Althaus. Bei Journalisten ist er gefragt wegen seiner knackigen Zitate, mitunter sogar provokant gegen die eigenen Leute. Beispielsweise vor oder nach den montäglichen Sitzungen des CDU-Präsidiums in Berlin. Und doch bleibt Althaus immer loyal. Deshalb schätzt ihn die Kanzlerin so sehr, 2005 berief sie Althaus sogar in ihr Schattenkabinett.

Was der ehemalige Lehrer für Mathe und Physik dagegen nicht kann, sind große Reden. Oder Originelles zu formulieren, das über die Tagespolitik hinausgeht. Immerhin tourt er nach wie vor mit dem "Bürgergeld"-Projekt durch die Republik, das den Durchbruch für die Sozialsysteme bringen soll. Und sonst? Klingen Althaus-Reden oft wie eine Aneinanderreihung von modernen Politiker-Floskeln. Visionen ist ein gern benutztes Wort, oder Chancen. Selbst bei den Existenzgründern bringt er Max Webers abgenutztes Zitat vom Bohren dicker Bretter unter.

Althaus möchte, so scheint es, vor Publikum mitunter ein bisschen mehr, als er vermag.

Der Hauptvorwurf gegen Althaus aus den eigenen Reihen: Er kommuniziere zu wenig

Nur, das ist es nicht, was ihm in Thüringen zu schaffen macht. Die Intellektuellen in Weimar, die Gutverdiener in Jena, die Bürokraten in Erfurt - denen kann er es ohnehin nicht recht machen. Aber draußen, im Thüringer Wald, im Osten des Landes oder in seiner nördlichen Eichsfelder Heimat, da liebte man bisher "unseren Dieter". Der Hauptvorwurf gegen Althaus: Seine Politik werde entweder schlecht vermarktet - oder gar nicht. "Unsere Erfolge werden im Land nicht wahrgenommen", sagt ein erfahrener CDU-Landtagsabgeordneter, insbesondere in der Familienpolitik. Althaus widerspricht: "Das kann ich nicht erkennen." Auch dem Vorwurf, er sei ausschließlich von Ja-Sagern umgeben und lasse keinen Widerspruch mehr zu. "Mein Stil war schon immer, dass ich die Perspektive wechsle und erst dann entscheide."

Ob dazu auch gehört, dass man Zwänge als souveräne Entscheidungen verkauft?

Die jüngste Kabinetts-Umbildung, in deren Zuge sechs Ministerien und der Fraktionsvorsitz neu besetzt wurden, will Althaus als "geplanten Überraschungs-Coup" verstanden wissen. Dabei war die Rochade nötig geworden, weil der Innenminister hinschmiss und der Justizkollege aus Krankheitsgründen ausfiel. Und es soll noch andere Nöte gegeben haben: Weil Althaus unbedingt den erfolgreichen Partei-Organisator Andreas Minschke mit Blick auf die Wahl 2009 zum Landesgeschäftsführer machen wollte, der sich aber nicht mit dem bisherigen Generalsekretär Mike Mohring versteht, musste für Letzteren ein neues Amt gefunden werden. Mohring, wohl das größte Talent der Thüringer CDU, wurde Fraktionschef - und so zuckelte das Folge-Karussell weiter. Die Fast-Berufung des CDU-Abgeordneten Peter Krause zum Kultusminister, der für mehrere rechtslastige Medien gearbeitet hatte, sorgte schließlich für einen überregionalen PR-Gau: Krause zog entnervt zurück.

"Natürlich hätte man das besser kommunizieren können", sagt Thomas Reiter. Und natürlich müsse sich am Bild der Regierung etwas ändern. Auch die Partei, nach 18 Jahren Regierung träge geworden, soll aufgerüttelt werden. Daran will Reiter mithelfen, vor allem aber bei der Planung und Durchführung des Landtags-Wahlkampfes. "Strategische Kommunikation, CDU-Landesverband Thüringen" steht auf seiner Visitenkarte. Während des Niedersachsen-Wahlkampfes war Reiter Sprecher von Christian Wulff, nun soll er dessen Erfolg nach Thüringen tragen.

Auch er kennt die Umfragen - aber Reiter glaubt zu wissen, wie Althaus weiterhin Ministerpräsident bleiben kann. "Unter anderem werden wir die Systemfrage stellen", sagt er. Hier die CDU, die Fortschrittlichen, dort die linken Parteien, die Ewig-Gestrigen. Althaus aber, der soll nach Reiters Vorstellung über allem schweben, als "für alle Thüringer wählbarer Ministerpräsident". Niemand repräsentiere das "Thüringische" so gut wie der Regierungschef.

Der sieht sich ohnehin als Mann des Volks. "Wenn ich bei den Leuten bin, erzählen sie mir, was sie denken", sagt er. Nicht nur zuhause im katholischen Eichsfeld, überall im Land. Da sei keine Distanz, keine Entfremdung.

51 wird Dieter Althaus wahrscheinlich sein, wenn nächstes Jahr gewählt wird, der Termin steht noch nicht ganz fest. Kein Alter, um abzutreten. Aber verlassen wird er sich darauf nicht können.

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