Thüringens Ministerpräsident Althaus Der ewige Junge

Andere gelten mit 49 als Politik-Nachwuchs - Dieter Althaus regiert in Thüringen bereits seit fünf Jahren, mit absoluter CDU-Mehrheit. Doch nun stockt seine Karriere: 33 Prozent in Umfragen, handwerkliche Fehler, Kommunikationsprobleme. Von einer Krise will Althaus dennoch nichts wissen.

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Dresden/Erfurt - Er steht nicht bei den Alten an diesem Abend. Nicht bei Georg Milbradt, zu dessen Ehren man in der sächsischen Staatskanzlei zusammengekommen ist, wegen seines Ausscheiden als Ministerpräsident. Und nicht bei Wolfgang Böhmer, der bei der vergangenen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gar nicht mehr antreten wollte, aber noch mal die Backen aufblies und gewann, weil sie keinen besseren hatten. Milbradt, 63, und Böhmer, 72, sind nicht nur deutlich älter als Dieter Althaus. Sie hielten und halten sich auch für die besseren Ministerpräsidenten. Der Thüringer war den mitteldeutschen CDU-Kollegen immer ein bisschen ungeheuer. Zu forsch, zu oberflächlich, zu unstet.

Später wird Althaus dem Scheidenden vom Rednerpult für die "Wege-Gemeinschaft" und die "Klarheit im Amt" danken, mit dieser immer etwas heiser klingenden Stimme.

Davor und danach steht er auf der anderen Seite des Mikrofons, in der Nähe von Stanislaw Tillich, der Milbradt als Ministerpräsident nachfolgt. Auch Steffen Flath ist da, der lange als kommender Regierungschef in Dresden galt und nun die CDU-Fraktion im Landtag führen wird. Tillich und Althaus sind beide 49, Flath nur ein Jahr älter. Aber selbst gegenüber ihnen wirkt der Thüringer jünger, jungenhafter. Daran ändert auch die randlose Brille nichts, die er seit einigen Monaten trägt.

Dabei ist Althaus, der langjährige Kultusminister und CDU-Fraktionschef im Landtag, schon ein Politik-Veteran. Ein halbes Jahrzehnt regiert Althaus in Thüringen, Anfang Juni 2003 hatte er das Amt vom langjährigen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel übernommen, ein Jahr später gewann Althaus die absolute Mehrheit im Landtag. Wenn auch mit Glück, die 43 Prozent der Stimmen reichten dafür gerade so. Der Freistaat kommt voran, weil die Wirtschaft wächst und die Arbeitslosigkeit sinkt. "Die langjährigen Umstrukturierungsprozesse zeigen so langsam Wirkung", sagt Althaus.

Aber warum sind die Thüringer dann so unzufrieden mit ihrem Regierungschef?

Auf stabile 33 Prozent kommt die CDU in den letzten Umfragen. Gleichzeitig liegt die Linke bei knapp 30, gefolgt von der SPD mit deutlich über 20 Prozent. Und das ein Jahr vor der Landtagswahl.

Aber eine Krise - nein, die sieht Althaus nicht. Sagt er jedenfalls. "Ich lasse mich da nicht nervös machen." In Wirklichkeit spürt der Ministerpräsident und CDU-Landeschef das Rumoren in seiner Partei, die Unzufriedenheit unter den Landtags-Abgeordneten. Einer von ihnen sagt: "Wir glänzen nicht gerade vor Stärke." Den starken Mann an der Spitze ärgert das. Er sagt: "Wir haben da in Deutschland ein allgemeines Stimmungsproblem."

Vielleicht ist es eher ein spezifisches Althaus-Problem.

Wenigstens wissen die Leute von der "Super Illu" nach wie vor, was sie an ihm haben. Das ist nicht ganz unwichtig, denn die Ost-Zeitschrift liegt ihrem Geschäftsführer Heinz Scheiner zufolge "in jedem zweiten Wohnzimmer der neuen Länder". Auch im Freistaat macht das eine Menge Couchtische. Entsprechend gern kommt Althaus als Laudator zur Verleihung des 9. "Super Illu"-Existenzgründerpreises - immerhin sind auch zwei Thüringer Projekte unter den ausgezeichneten - in ein schickes Gebäude am Berliner Gendarmenmarkt. Dort liegt die aktuelle Thüringen-Sonderausgabe der Illustrierten aus, darin ein exklusives "Brotzeit-Treffen" mit dem Ministerpräsidenten. Althaus posiert dazu in einem Trachtenoutfit, das ihn wie eine Mischung aus Robin Hood und dem Jäger aus Kurpfalz aussehen lässt. In dem Interview spricht er über Heimatliebe, die Thüringer Bratwurst und sein privates Kloßrezept, am Ende singt er die ersten Zeilen des Rennsteig-Lieds, Thüringens inoffizieller Hymne: "Ich wandre ja so gerne am Rennsteig durch das Land…"

Im Thüringer-Sein, da macht Althaus so schnell keiner was vor. Nicht der umtriebige Niedersachse Bodo Ramelow, der in Erfurt das erste Ministerpräsidenten-Amt für die Linke gewinnen will. Noch weniger SPD-Landeschef Christoph Matschie: Der ist zwar gebürtiger Thüringer, aber Volksnähe gehört nicht zu den Stärken des Theologen.

Beim Empfang vor der "Super Illu"-Preisverleihung haut Althaus seinem CDU-Kumpel Laurenz Meyer - ehemals Generalsekretär unter Angela Merkel - zur Begrüßung so kernig auf die Schulter, dass jeder Orthopäde seine Freude daran hätte. In solchen vertrauten Momenten grinst Althaus, in dem er den Unterkiefer leicht vorschiebt und die Augen unter den buschigen Brauen ein bisschen zusammenkneift. Das ist der Fußballspieler Dieter Althaus, ehemals rechter Verteidiger bei Motor Heiligenstadt.

Natürlich kann er auch anders - das ist dann der Politik-Profi Althaus. Bei Journalisten ist er gefragt wegen seiner knackigen Zitate, mitunter sogar provokant gegen die eigenen Leute. Beispielsweise vor oder nach den montäglichen Sitzungen des CDU-Präsidiums in Berlin. Und doch bleibt Althaus immer loyal. Deshalb schätzt ihn die Kanzlerin so sehr, 2005 berief sie Althaus sogar in ihr Schattenkabinett.

Was der ehemalige Lehrer für Mathe und Physik dagegen nicht kann, sind große Reden. Oder Originelles zu formulieren, das über die Tagespolitik hinausgeht. Immerhin tourt er nach wie vor mit dem "Bürgergeld"-Projekt durch die Republik, das den Durchbruch für die Sozialsysteme bringen soll. Und sonst? Klingen Althaus-Reden oft wie eine Aneinanderreihung von modernen Politiker-Floskeln. Visionen ist ein gern benutztes Wort, oder Chancen. Selbst bei den Existenzgründern bringt er Max Webers abgenutztes Zitat vom Bohren dicker Bretter unter.

Althaus möchte, so scheint es, vor Publikum mitunter ein bisschen mehr, als er vermag.



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