Thüringens SPD-Kandidat Matschie Attacke an zwei Fronten

Er liefert einen guten Wahlkampf, macht kaum Fehler - und trotzdem bleibt das Amt des Thüringer Ministerpräsidenten für SPD-Spitzenkandidat Christoph Matschie in weiter Ferne. Also rackert er weiter - und hofft auf ein Wunder.

Erfurt/Bad Frankenhausen - Jetzt die schwarze Kugel. Christoph Matschie holt weit aus, macht zwei kleine Schritte und lässt los. Doch es ist ein miserabler Wurf, die Bowlingkugel rollt am linken Rand der Bahn auf die Kegel-Formation zu und daran vorbei. "Ich probier's noch mal mit der grünen", sagt Matschie. Dieses Mal läuft die Kugel in der Mitte, fünf Kegel fallen.

Ist auch egal, Wahlkampf heißt, alles mitnehmen.

Solange Kameraleute und Fotografen dabei sind, stellt man sich als Ministerpräsidenten-Kandidat auch hemdsärmelig an eine alte Feuerwehrpumpe, selbst in der prallen Mittagssonne. Christoph Matschie, 48, drückt den Kolben immer wieder kräftig nach unten, während ein Mädchen mit dem an der Pumpe hängenden Schlauch silberne Dosen von einer Holzbank spritzt.

Nur ums Hockeyspielen kommt der SPD-Politiker im Ferienpark Straußberg herum. Dafür setzt er sich mit zwei Dutzend Kindern in grünen Polohemden - "Erfurter Hockey-Club" ist auf ihren Rücken zu lesen - in einen Aufenthaltsraum. Das Kinder-Politiker-Spiel gehört inzwischen zum Basisprogramm jedes Wahlkämpfers; Matschie beherrscht es. Selbst die Antwort auf die Frage nach seinem Lieblingsfilm bleibt er nicht schuldig. "'Findet Nemo'", sagt er nach kurzem Überlegen, "weil ich das mit meinen Kindern so oft angeschaut habe." Im Wahlkampf-Bus erzählt Matschie später, wie viel Spaß er bei dem Zeichentrick-Knüller mit seinen zwei Jüngsten gehabt habe.

Das Stündchen auf der Feuerkuppe, ein paar Kilometer oberhalb des nordthüringischen Städtchens Sondershausen gelegen, war ein guter Wahlkampftermin. So wie der Besuch bei der Sondershausener Firma K-UTEC Salt Technologie davor und der Besuch der Kita in Ebeleben danach. Wo Christoph Matschie hinkommt, kommt er an. Im Wahlkampf-Bus unterhalten sich die Journalisten. "Der ist einfach nett", sagt ein Berliner Kollege, der den SPD-Politiker zum ersten Mal aus der Nähe erlebt.

Die Kehrseite dieser Nettigkeit: Attackieren kann der Diplom-Theologe Matschie erkennbar weniger gut - und das ist im Wahlkampf nicht unbedingt ein Vorteil. Wenn er die CDU-Landesregierung angreift, wirkt das immer ein bisschen wie einstudiert.

Aber Attacke muss vor der Wahl am 30. August sein, und zwar doppelt: einmal gegen Ministerpräsident Dieter Althaus - und auch gegen Linke-Spitzenkandidat Bodo Ramelow. Denn Matschies SPD liegt in den Umfragen nur auf Platz drei, hinter CDU und Linke.

Als dieser sonnige Julitag zu Ende geht, steht Matschie im dunklen Anzug auf der Terrasse des Jugendclub "Domizil" in Bad Frankenhausen, nicht weit vom sagenumwobenen Kyffhäuser entfernt. Gleich soll er die Pokale für ein Fußballturnier verteilen, vorher muss Matschie noch ein paar Stimmen sammeln. Die lokale SPD hat zu einem Sommerfest geladen, möglicherweise sind auch einige Nichtmitglieder gekommen. Drei Worte reichten eigentlich für die Beschreibung der Landesregierung, sagt Matschie. "Althaus, Luft raus."

Matschie hat Ideen: Er will den Freistaat zum "grünen Motor Deutschlands machen", vor allem durch Investitionen im Solarbereich. Die Tourismus-Vielfalt zwischen Wartburg und Weimar, Thüringer Wald und dem Eichsfeld soll besser vermarktet werden. In den Schulen wünscht sich die SPD mehr gemeinsames Lernen. Ein Wirtschaftspapier von Matschie rief kürzlich sogar wohlwollende Worte beim Präsidenten des der SPD nicht gerade nahestehenden Verbands der Thüringer Wirtschaft hervor - die CDU soll deshalb getobt haben.

Nur Dieter Althaus bleibt cool. Er weiß, dass die Thüringer einen wie ihn nur aus der Staatskanzlei jagen würden, wenn er richtige Böcke schösse. Patzer wie die unsägliche Kabinettsreform, das Hin und Her beim Straßenausbau oder die Volksbegehren-Selbstdemontage der CDU sieht man dem Landesvater nach. Selbst manch Sonderbares nach seinem Skiunfall hat die Popularität des CDU-Politikers nicht schmälern können.

Jetzt hat Althaus in der "Bild am Sonntag" den Unfall selbst zum Thema gemacht. Er habe sich nach dem Unglück wieder neu in seine Frau verliebt, sagt der Ministerpräsident in dem Interview - und fordert gleichzeitig seine politischen Gegner auf, den Unfall aus dem Wahlkampf zu halten. So ein Verhalten empört Matschie: "Dieter Althaus nutzt den Skiunfall für eine schamlose Selbstinszenierung im Wahlkampf."

Trotz der Differenzen mit dem CDU-Mann hat Matschie eine rot-rote Regierung unter Führung von Ramelow ausgeschlossen. So wichtig war ihm diese Festlegung, dass er ihretwegen vor anderthalb Jahren den offenen Konflikt mit seinem parteiinternen Widersacher Richard Dewes wagte. Dewes fand eine von der Linken geführte Regierung unbedenklich - in der deshalb ausgetragenen Urwahl um den SPD-Vorsitz unterlag er klar.

Warum Matschie die Umfragen ignoriert - und welches Hintertürchen ihm zur Staatskanzlei bleibt

Diese Auseinandersetzung hat Matschie, der 2004 - damals noch aus Berlin als Staatssekretär im Bundesforschungsministerium - die Thüringer SPD in den Landtagswahlkampf und zu katastrophalen 14,5 Prozent führte, zu mehr Profil und Autorität verholfen. Zudem ist er durch die Jahre als Fraktionschef in Erfurt ein kenntnisreicher Landespolitiker geworden. Aber was hilft es ihm, wenn Ramelow vorne bleibt?

Matschie kämpft. Seit Wochen tourt er Tag für Tag durch den Freistaat, ein Termin nach dem anderen, immer die gleiche Botschaft - gegen alle Wahrscheinlichkeit: "Ich werde neuer Ministerpräsident."

Nur noch auf 16 Prozent kommt die SPD in einer neuen Umfrage aus dieser Woche, acht Prozent hinter der Linken, die CDU liegt bei 40 Prozent. Ja, es ist eine Umfrage des Instituts Forsa, das die SPD überall in Deutschland seit Jahren immer ein paar Prozent schlechter sieht als die demoskopische Konkurrenz. Und ja, der Bundestrend dürfte auch den Thüringer Sozialdemokraten im Moment wenig Rückenwind geben. Aber das grundsätzliche Problem ist nicht zu ignorieren: In keiner Umfrage der vergangenen zwei Jahre lag die SPD im Freistaat vor der Linken.

Auf die Zahlen angesprochen, entgegnet Matschie, was Politiker zu schlechten Zahlen immer sagen: "Das sind nur Umfragen." Stattdessen solle man doch bitte auf das Ergebnis der Thüringer Kommunalwahlen vom 7. Juni schauen, wo die SPD in Reichweite hinter der CDU lag. "Wir können es schaffen", sagt er. Es gebe nach wie vor eine Menge unentschiedene Wähler in Thüringen.

Vielleicht hofft der Pfarrerssohn auf ein Wunder.

Ein böses erlebte die aktuelle Landesregierung, sollte der Zuschlag bei der Opel-Abtrennung von GM nicht an den österreichischen Zulieferer Magna gehen, sondern an die Beteiligungsgesellschaft RJH. Denn RHJ will den Standort Eisenach - Kern des Thüringer Automobil-Clusters - zumindest für zwei Jahre schließen, was in Wirklichkeit wohl das komplette Aus für den größten Arbeitgeber im Freistaat bedeutete. Dann hätte Althaus kurz vor der Wahl ein echtes Problem.

So bleibt Matschie im Moment nur ein Hintertürchen zur Staatskanzlei, das allerdings nur mit viel politischer Phantasie durchschreitbar erscheint: Würden die Grünen in den Landtag ziehen, hätte man wahrscheinlich gemeinsam mehr Stimmen als die Linke - dann könnte Matschie in einer rot-rot-grünen Koalition doch Ministerpräsident werden.

In Bad Frankenhausen will Christoph Matschie von seinen Zuhörern wissen, die unter weit ausladenden Laubbäumen beim abendlichen Bierchen sitzen, was das "schönste an diesem Sommer ist". Die Antwort gibt er selbst: "Wenn er vorbei ist, ist auch die Regierung von Althaus vorbei".

Wahrscheinlicher ist: Althaus bleibt im Amt, Matschie wird Vize-Ministerpräsident. Das dürfte alleine deshalb weder für die SPD noch Thüringen so furchtbar sein, weil die großen strukturellen Aufgaben - beispielsweise eine echte Gebietsreform - ohnehin nur von einer starken Mehrheit umgesetzt werden können.

Und die hätte man mit einer Großen Koalition ohne Frage.

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