Thüringer SPD Kampf um die Spitzenkandidatur - und den Umgang mit der Linken

2009 möchte die SPD in Thüringen wieder regieren - aber dazu muss sie sich erst auf einen Spitzenkandidaten einigen: Landeschef Matschie wird von seinem Vorgänger Dewes herausgefordert, im Februar kommt es zur Urwahl. Freuen können sich fürs erste die Konkurrenten CDU und Linke.

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Hamburg/Erfurt - Das Rennsteig-Lied ist so etwas wie die Hymne Thüringens. Weil man im Freistaat das Wandern genauso liebt wie die Berge und Täler des Thüringer Walds. Es passt also in diese Thüringer SPD-Geschichte, dass sie ihren Anfang - so geht die Legende - auf einer Wanderung nahm: Es war Mitte Oktober, als einige Genossen an der Schwarza entlang schritten - und dabei beschlossen, ihren Landeschef Christoph Matschie zu demontieren.

"Durch Buchen, Fichten, Tannen, so schreit ich durch den Tag, begegne vielen Freunden, sie sind von meinem Schlag." Die sozialdemokratischen Wandersleute waren insofern von einem Schlag, als dass sie allesamt nicht besonders viel von Matschie halten. Harald Zanker, Landrat im Unstrut-Hainich-Kreis, sagte später der "Thüringer Allgemeinen", es sei ja nur ein ganz normaler Familienausflug gewesen. Der Genosse Matschie, ebenfalls ein Freund der Berge, wird darunter etwas anderes verstehen.

Tatsache ist, dass einige Wochen später auf dem SPD-Landesparteitag Matschie einen Herausforderer für die Spitzenkandidatur 2009 vor die Nase gesetzt bekam: seinen Amtsvorgänger Richard Dewes, 59. Unterstützt wird der ehemalige Thüringer Innenminister unter anderem von SPD-Landesvorstandsmitglied Marion Rosin - seiner Lebensgefährtin -, Marion Philipp, Landrätin von Saalfeld-Rudolstadt, Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein und natürlich Zanker. Ungefähr diese Zusammensetzung soll auch die herbstliche Wandergruppe gehabt haben.

Ein Schock für Landeschef Matschie, als Fraktionsvorsitzender im Landtag bislang die klare Nummer eins der Thüringer SPD. Auch wenn er kürzlich in einem Interview sagte: "Ich bin da völlig gelassen."

Matschie gilt als ostdeutsches SPD-Talent

Matschie, 46, war sich seiner Sache sicher. Er gilt als eines der wenigen Talente der ostdeutschen SPD, zusammen mit Sachsen-Anhalts Vize-Regierungschef Jens Bullerjahn und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck. Zwei Jahre, 2002 bis 2004, war Matschie parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, seit 1999 ist er Thüringer Parteichef. Nach seiner Niederlage als Spitzenkandidat bei der Landtagswahl 2004 wechselte Matschie als Fraktionschef nach Erfurt - und hält als Mitglied des SPD-Bundespräsidiums Kontakt nach Berlin.

Das Problem Matschies: Möglicherweise ist sein Bild in der Hauptstadt und dem Rest Deutschlands besser als in seiner Heimat. Als Parteichef übernahm er 1999 nach dem Bruch der Großen Koalition mit der CDU einen komplett zerstrittenen Landesverband. 2004 trat er als Spitzenkandidat an - die SPD verlor weitere fünf Prozentpunkte, kam gerade noch auf 14,5 Prozent. Dass er danach lange mit seinem Wechsel auf die Thüringer Oppositionsbank zögerte - obgleich aus seiner Sicht verständlich -, kostete ihm ebenfalls Kredit unter den Genossen im Freistaat.

Der gelernte Krankenpfleger und Theologe tat sich auch danach zunächst schwer: Als Chef der kleinsten Fraktion im Landtag hat er sich mit Dieter Althaus gegen einen CDU-Ministerpräsidenten zu bewähren, der Thüringen nach Gutsherren-Manier regiert. Zum Glück für Matschie ist wenigstens der umtriebige Bodo Ramelow fort - die Nummer eins der Thüringer Linken wechselte 2004 als Fraktionsvize in den Deutschen Bundestag.

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