Tierfutter Dioxin-Funde in mehreren Bundesländern

Der Kreis der mit dioxin-verseuchtem Futtermittel aus Thüringen belieferten Betriebe wird immer größer. Offenbar sind auch Höfe in Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Hessen betroffen.


Apolda - Voraussichtlich müssen mehrere tausend wegen des Futtermittels unverkäufliche Tiere geschlachtet werden. In Thüringen wurden von den Behörden inzwischen wegen des Dioxinverdachts 25 bäuerliche Betriebe mit mehr als 10.000 Tieren gesperrt. Laut ersten Analyseergebnissen sind allein bei einem Mäster im Landkreis Weimarer Land rund 3000 Schweine betroffen, erklärte das Landratsamt am Montag. Das Unternehmen gehört zu den 22 Agrarbetrieben, die direkt von dem Apoldaer Futtermittelwerk beliefert wurden.

Der Geschäftsführer des als Verursacher geltenden Futtermittelwerkes, Bernd Pilz, bestritt Vorwürfe des Agrarministeriums zu einem angeblich wochenlang defekten Ofen. "Es hat lediglich eine kurzzeitige Havarie gegeben." Auch die Angabe von knapp 1200 Tonnen belasteten Futters hält er für falsch. Derartige Mengen habe das Unternehmen nicht ausgeliefert, sagte Pilz: "Es ist mir ein Rätsel, wie diese Zahl zu Stande gekommen ist." Nach seinen Angaben verlassen monatlich im Durchschnitt 350 Tonnen getrocknete und zermahlene Brotreste für Futterzwecke das Werk. Das Agarministerium geht davon aus, dass die gesamte Produktionsmenge aus Apolda von Mitte November 2002 bis Ende Januar mit Dioxin kontaminiert sein kann.

In Fleischproben eines Thüringer Mästers war am 6. Februar eine Dioxinkonzentration von mehr als zwei billionstel Gramm pro Gramm Fett gemessen worden. Der Grenzwert liegt bei einem billionstel Gramm. Mehr als 300 Schweine wurden geschlachtet. Am Freitag waren weitere Grenzwertüberschreitungen bekannt geworden.

Weitere Analyseergebnisse von Fleischproben aus anderen Betrieben erwartet das Erfurter Gesundheitsministerium spätestens Ende der Woche. Alle betroffenen Betriebe dürfen vorerst weder Fleisch noch Milch verkaufen. Noch steht nicht fest, wie viele Tiere vor Bekanntwerden der möglichen Belastung bereits verkauft wurden. So hätten etwa zwei niedersächsische Entenmäster knapp 12.000 Tiere in den Niederlanden schlachten lassen. Ob die geschlachteten Enten oder deren Fleisch aus den Niederlanden wieder exportiert worden seien, werde noch geklärt.

Am Montag wurde bekannt, dass in Niedersachsen auch ein Mischfutterwerk beliefert worden ist. Die Hälfte des dort weiter verarbeiteten Materials wurde nach Behördenangaben sichergestellt, die andere Hälfte war bereits nach Schleswig-Holstein weiter verkauft worden. In Sachsen-Anhalt sind sechs Betriebe betroffen.

Unterdessen weitet sich der Dioxinskandal auch auf Pferdefutter aus. Wie das Wiesbadener Umweltministerium berichtete, wurden 31,5 Tonnen Rübenschnitzel aus Thüringen nach Hessen und Rheinland-Pfalz geliefert. Davon seien 350 Kilogramm in Hessen geblieben und der Rest nach Rheinland-Pfalz gelangt. Die zu Pferdefutter verarbeiteten Zuckerrüben seien ebenfalls in dem fraglichen Betrieb in Apolda verarbeitet worden und möglicherweise mit Dioxin belastet.

Nach bisherigen Kenntnissen hat das Futtermittelwerk wochenlang einen defekten Trocknungsofen für nicht verkaufte Backwaren betrieben. Durch einen Fehler bei der Abgasrückführung sei das Dioxin in den Produktionskreislauf gekommen, sagte Staatssekretär Stefan Baldus. Das Unternehmen habe erst von 20 Tonnen und später von 250 Tonnen gesprochen. Seit Freitag geht das Ministerium von knapp 1200 Tonnen möglicherweise belasteten Materials aus. Dioxin gilt als eines der gefährlichsten Gifte. In niedrigen Mengen kann es das Immunsystem schädigen und gilt als Krebs erregend.



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