Tiergarten-Mord Generalbundesanwalt verdächtigt Moskau als Auftraggeber

Im Mordfall des Georgiers Khangoshvili im Berliner Tiergarten haben die Ermittler einen Durchbruch erzielt: Chefankläger Peter Frank will den Fall an sich ziehen. Diplomatische Verwerfungen scheinen unausweichlich.

Spurensuche am Tatort in Berlin-Moabit (August 2019)
Fabrizio Bensch/ REUTERS

Spurensuche am Tatort in Berlin-Moabit (August 2019)


Generalbundesanwalt Peter Frank soll die Ermittlungen zum sogenannten Tiergarten-Mord an sich ziehen. Nach Informationen des SPIEGEL verdächtigt die Bundesanwaltschaft staatliche russische Organe als Auftraggeber des Mords. Eine Entscheidung zur Übernahme dürfte in den kommenden Tagen fallen.

Damit würde Deutschlands oberste Strafverfolgungsbehörde Moskau offiziell eines Auftragsmords in der Bundesrepublik beschuldigen. Diplomatische Verwerfungen zwischen Berlin und Moskau scheinen vor diesem Hintergrund unausweichlich. Ein Sprecher von Russlands Präsident hat eine Verwicklung des russischen Staats in den Fall bislang zurückgewiesen.

Hintergrund des Falls ist der Tod des georgischen Staatsbürgers Zelimkhan Khangoshvili Ende August im kleinen Tiergarten in Berlin. Er wurde am helllichten Tag von einem Fahrradfahrer erschossen. Kurze Zeit später wurde der mutmaßliche Täter festgenommen. Sein Pass wies ihn als russischen Staatsbürger mit dem Namen Vadim Sokolov aus.

Recherchen des SPIEGEL und seiner Kooperationspartner Bellingcat, The Insider und The Dossier Centre förderten schon kurz nach der Tat Indizien zutage, die auf einen staatlichen Auftraggeber schließen ließen: Das Opfer Khangoshvili hatte im zweiten Tschetschenien-Krieg gegen russische Kräfte gekämpft und später für Georgien und die Ukraine gegen russische Interessen gearbeitet.

Der mutmaßliche Täter, Sokolov, bediente sich offenbar einer falschen Identität: Sein Reisepass war nicht in der russischen Passdatenbank gespeichert, seine beim Visumsantrag für die EU angegebene Adresse stimmte nicht, bei seinem angeblichen Arbeitgeber kannte ihn niemand, seine Sozialversicherungsnummer erhielt der 49-Jährige erst 2019.

In den Recherchen ergaben sich neben einer aufwendig konstruierten falschen Identität auch weitere Hinweise auf den russischen Staat: Sein Eintrag in der Datenbank für nationale russische Ausweisdokumente war mit dem Hinweis, die Person sei "vom Gesetz geschützt" gesperrt. Telefonanschlüsse seines angeblichen Arbeitgebers wurden in der Vergangenheit von Außenstellen des russischen Verteidigungsministeriums genutzt.

Ausschlaggebend für die Übernahme durch die Bundesanwaltschaft war nach SPIEGEL-Informationen nun, dass Russland im Jahr 2015 die internationale Fahndung nach einem mutmaßlichen Mörder einstellte, den Forensik-Experten als Sokolov identifizierten. Demnach handelt es sich bei dem damaligen Täter um einen Mann namens Vadim K. Er soll einen russischen Geschäftsmann 2013 umgebracht haben und sich seinem Opfer ebenfalls auf einem Fahrrad genähert haben. Die deutschen Ermittler vermuten nun, dass er von staatlichen Stellen als Auftragskiller rekrutiert und nach Berlin geschickt wurde.

Der Fall erinnert an das Attentat auf den russischen Ex-Agenten und Überläufer Sergej Skripal. Ihn und seine Tochter hatten Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU im März 2018 mit dem Nervengift Nowitschok attackiert. Beide überlebten. Der Westen wies daraufhin mehr als hundert russische Diplomaten aus. Die Bundesregierung erklärte vier als Diplomaten akkreditierte, mutmaßliche russische Spione zu unerwünschten Personen.

fis/jdl/js/mba/rol/wow

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